True Story Award 2025
Shortlist

Der Longevity-Rausch: Der (Alb-)Traum vom Ewigen Leben

Gesünder, besser, länger leben! Das versprechen Pillen, Hirnchips und Co. Die Tech-Elite experimentiert damit schon heute – am eigenen Körper. Unser US-Korrespondent hat es ausprobiert.

Der „Dome“ schließt sich über mir. Aus kleinen Schlitzen strömt feuchtes Gas in die Kammer, Radiowellen wärmen meinen Körper auf. Mein Kopf steckt in einer Plexiglaskugel voller Leuchtdioden. Es wird heiß.

30 Minuten für 186 Dollar habe ich im MLX i3Dome gebucht. Das ist die neueste Errungenschaft der Longevity-Forschung, der Suche nach dem ewigen Leben. Das New Yorker Luxus-Spa Equinox hat den „Dome“ bereits und verspricht „rapide Entgiftung“ und „dramatische Verjüngung“. Ich fühle mich derweil wie ein Brathähnchen.

Der „Dome“ ist eine enge Röhre, nur von außen zu öffnen. Schweiß tropft von meinem Körper, brennt in den Augen. Vergeblich versuche ich, ein langes schwarzes Fremdhaar von meinem Bauch zu pulen. Schamanische Musik soll mich beruhigen, dabei fühle ich mich minütlich unwohler. So muss es sein, in einem Sarg zu liegen. Einem Sarg auf einem Vulkan. Mit Panflöten. Was, wenn ich nicht mehr rauskomme? Hastig taste ich nach dem Notfallknopf.

Kurz bevor ich ihn drücke, schwingt die Tür auf. Mein Guide Jonah strahlt mich an: „Ist das alles, wovon du immer geträumt hast?“ Ich setze mich auf, schnappe nach Luft. Jonah reicht mir Elektrolytwasser mit Melonenaroma, es schmeckt scheußlich. Meine Haut ist übersät von roten Flecken, ich fühle mich um zehn Jahre gealtert. Was zum Teufel mache ich hier? Ach ja, dem ewigen Leben nachspüren.

Zu verdanken habe ich diesen tollen Auftrag meinem Chefredakteur. Longevity sei doch so ein großes Thema in den USA, ob ich das nicht mal ausprobieren wolle, sagte er. Ha, ich bin 36 und fit wie ein Turnschuh, was soll das? Auf einer Dachterrasse auf der Lower East Side, wo Gründer, Finanziers und Models feiern, frage ich rum: Wer kennt sich aus mit Longevity? Ich finde viele Interessierte.

Ein befreundeter Banker verlängert sein Leben mit sechs Tabletten pro Tag, wie er erzählt: mit Vitaminen, Ballaststoffen, Kurkuma, roter Beete, Cranberry und Spinat. Ein Kollege mixt Abführmittel bei, für die After-Gesundheit.

Eine Gründerin schwört auf Mitopure, ein Nahrungsergänzungsmittel, das beim Durchputzen in den Zellen helfen soll. Und eine Gruppe Wagniskapital-Jungs setzt gleich auf experimentelle Medikamente im „off-label use“, wie sie sagen, also auf eigene Faust. Ob ich auch mitmachen will?

Mir schwirrt der Kopf. Als ich wieder in meinem Apartment auf der Upper West Side ankomme, steige ich auf meine neue Waage. Sie ist aus China und smart: Meine Muskelmasse? Überdurchschnittlich. Körperfett? Auch. Und metabolisches Alter? 38, behauptet die Waage. Das soll wohl ein Scherz sein! Ich fange an zu googeln.


I. Sterben? Nein danke! – auf der Spur der Mikroben

Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit selbst. Im Buch Genesis spricht der Herr: „Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre.“ Der Rest der Bibel dreht sich dann darum, da noch etwas möglich zu machen. Superstar Noah wird sogar 950.

In Reli hatte ich immer Einsen, das Paradies dürfte mir sicher sein. Doch was, wenn da nichts kommt außer Dunkelheit? Kann ich nicht schon heute ewig leben?

Das US-Statistikamt gibt darauf eine erschreckende Antwort: Nachdem es Jahrzehnte nur nach oben ging, sinkt die Lebenserwartung seit 2014 wieder. Schuld ist laut Harvard-Forschern das so teure wie ineffiziente US-Gesundheitssystem, das vor allem Jüngere im Stich lässt. Durchschnittsmänner werden nur noch 73 Jahre alt, die Hälfte meines Lebens wäre also schon rum. Bitte was?!

Anruf bei Nir Barzilai. Er ist Direktor des Einstein-Instituts für die Erforschung des Alterns in New York, einer der weltgrößten Longevity-Forschungseinrichtungen. Herr Professor, warum müssen wir sterben? „Müssen wir das?“, antwortet Barzilai. Unter dem Meeresboden werden schleimige Mikroben 100 Millionen Jahre alt. Nur für den Menschen gilt das (noch) nicht.

Schuld sind die acht (oder zwölf) „Merkmale des Alterns“, die die Forschung identifiziert hat: Mit steigender Lebenszeit kommt es etwa bei der DNA-Replikation zu Fehlfunktionen, im Immunsystem und bei Aufräumarbeiten in den Zellen (Autophagie). Warum? Unklar. Vermutlich sind unsere Gene egoistisch: Sie wollen weitergegeben werden, durch Fortpflanzung. Und da große Affen wie der Mensch ständig in Lebensgefahr schweben (Säbelzahntiger, E-Bike), ist es von Vorteil, die Instandhaltung alter Organismen herunterzufahren. Womöglich spielt auch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik eine Rolle, erklärt Barzilai. Es ist kompliziert.

Was kann ich denn jetzt ganz konkret tun, Herr Professor? „Sie müssen vor allem den Krankheiten vorbeugen, die mit dem Älterwerden einhergehen“, referiert Barzilai. So sei Krebs für 100.000 Jahre kein Problem gewesen, weil die Menschen mit 30 tot umgefallen sind. Das ist vorbei.

Longevity-Medikamente seien für über 50-Jährige getestet worden, dafür sei ich zu jung. Bleibe ein Bluttest (den ich in Auftrag gebe), ein DNA-Test auf Erbkrankheiten (um den ich mich drücke), gesundes Essen, Bewegung, Schlaf und soziale Interaktion.

Ich unterdrücke ein Gähnen. Vom Hocker haut mich das alles nicht. Genug der Theorie, ich muss mit einem Praktiker sprechen: dem Longevity-Weltmeister.


II. Hauptberuf: Überleben – die Strategie des Longevity-Weltmeisters

„Ich bin die nächste Evolutionsstufe des Menschen“, verkündet Bryan Johnson. Kurz bin ich baff, dann wird mir klar: Der meint das ernst. „Es gibt nur eines, was ich sicher weiß“, sagt Johnson. „Dass ich nicht sterben will.“

Johnsons Haut glänzt wie ein Fabergé-Ei, als er mich an diesem Morgen zum Gespräch begrüßt. Er ist eine Art Superstar der Longevity-Welt. Auf dem Papier 46 Jahre alt, gleicht sein Körper dem eines Jugendlichen.

Dafür beschäftigt Johnson ein Team von über 30 Ärzten und gibt zwei Millionen Dollar pro Jahr aus. Sein Körperfettanteil liegt bei fünf bis sechs Prozent. Johnson hat das Herz eines 37-Jährigen, die Haut eines 28-Jährigen und die Lungenkapazität eines 18-Jährigen.

Sein Tag in einem Edelvorort von Los Angeles hat um kurz vor fünf begonnen, erzählt er. „Ich bin aufgewacht und hatte einen Schlafwert von 100 Prozent.“ Seine Nachterektion, gemessen per Penisring: stark und lang anhaltend.

Als Erstes nimmt Johnson eine Lichttherapie, dann misst er seine Körpertemperatur (35,2 Grad), Gewicht, Fett- und Wasseranteil. „Danach habe ich 60 Tabletten genommen und 13 Milligramm Rapamycin, habe eine Stunde Work-out gemacht und zwölf Minuten Rotlicht-Ganzkörpertherapie.“ Im Anschluss habe er eine „Alpha-Estradiol-Creme“ aufgetragen und „einige Pfund Gemüse“ gegessen, sagt Johnson. „Wow“, sage ich.

Johnson war nicht immer so. 2013 verkaufte er sein Payment-Start-up Braintree an Paypal, für 800 Millionen Dollar. Dann stürzte er in eine tiefe Depression, nahm 50 Pfund zu, ließ sich scheiden.

Longevity wurde seine Rettung: 2021 hat Johnson sein „Project Blueprint“ vorgestellt, das ambitionierteste Anti-Aging-Programm der Welt. Seine Fitness- und Ernährungspläne stehen im Netz.

Das Ergebnis? „Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so gut gefühlt“, sagt Johnson, „geistig, spirituell, körperlich, kardiovaskulär.“ Er rege sich nicht mehr auf, sei lustig und fröhlich. „Ich genieße das Leben einfach aufrichtig.“

Und: Sein Sohn Talmage, 18, der seinem Vater zwischenzeitlich Blutplasma spendete, sei auch dabei. „Er und seine Freunde geben mir Hoffnung, dass diese Transformation der Welt sehr schnell gehen könnte.“

„Warum sollte man freiwillig Dinge tun, die das Altern und den Tod beschleunigen?“, fragt Johnson. „Weil sie Spaß bringen könnten“, wende ich vorsichtig ein. „Das ist ein törichter Gedanke“, antwortet Johnson. „Allein der Gedanke daran, eine Pizza zu essen, macht mich krank. Ich würde mich danach für 24 bis 48 Stunden hassen.“

Hm. Wer jung bleibt, hat recht, nehme ich an. Ich frage Johnson nach seinem wichtigsten Tipp („Sie müssen Ihre Gesundheit zu Ihrer obersten Priorität machen. Nehmen Sie Ihren Schlaf: Zu dem dürfen Sie nicht eine Minute zu spät kommen“) und lege los.

Um es kurz zu machen: Ich bin krachend gescheitert. Eigentlich wollte ich Johnsons Programm vier Wochen durchziehen. Bereits in Woche eins gebe ich auf. Der Superveggie-Smoothie (schwarze Linsen, Blumenkohl, Hanfsamen und Co.) schmeckt nach Moos.

Der MLX i3Dome, den ich anstelle einer hauseigenen Lichtdusche ausprobiere, ist eine Qual. Die teuren Nahrungsergänzungsmittel (ich nehme sechs statt 60: Mitopure, B12, Kreatin, Vitamine, Ingwerwurzel, Taurin) spüre ich kaum. Vor allem aber: Mein Leben ist vorbei, so fühlt es sich an.

In die Sonne darf ich nicht (UV-Strahlung). Alkohol ist untersagt (Gift). Und ins Bett muss ich um halb neun (der Schlafzyklus). Ich schlage Dinner aus, eine Broadway-Einladung und eine Geburtstagsparty.

Nachdem ich mit knurrendem Magen und so schlechter Laune ins Bett gegangen bin, dass ich mich drei Stunden hin- und herwälze, brennt mir die Sicherung durch: Ich bestelle eine fettige Pizza um Mitternacht und verschlinge sie noch im Bett wie ein Teenager. Verfluche Johnson, die Smartwaage, meinen Chefredakteur und das ganze dämliche Experiment. So geht das nicht weiter!


III. Probieren, was geht – von Wunderpillen und Nebenwirkungen

Bryan Johnson mag der Longevity-Weltmeister sein. Aber er ist nicht der einzige Superreiche, der sein Leben verlängern will. Und die meisten Longevity-Fans sind alles andere als Asketen: Schließlich genießt die Tech-Elite das Leben (und ihre Millionen) allzu gern.

Nehmen wir den Tech-Investor Peter Thiel. Er sagte mir im März, die Longevity-Forschung habe das größte Potenzial für einen wissenschaftlichen Durchbruch, der „uns auch als Zivilisation voranbringt“. Partys feiert er dennoch.

Amazon-Gründer Jeff Bezos investierte in das Start-up Altos Labs, das Zellen verjüngen will. Und führt mit seiner neuen Freundin ein Jetset-Leben. Tesla-Chef Elon Musk hofft auf Hirnchips, die unseren Geist auch dann noch am Leben halten, wenn der Körper versagt. Pizzen gönnt er sich nach wie vor. Und nimmt trotzdem ab, dank der Wunderspritze Ozempic.

Gibt es einen solchen „quick fix“ auch für die ewige Jugend? Ich rufe meinen Bekannten von der Dachterrasse an: Welche Wunderpillen werden denn schon ausprobiert?

Ein Klassiker ist das Diabetes-Medikament Metformin, lerne ich. Es hält Mäuse jung, womöglich auch Menschen. Schwer im Kommen ist Rapamycin: Das soll eigentlich nach Transplantationen ein Abstoßen von Organen verhindern und verlangsamt die Zellteilung.

Selbst ernannte „Biohacker“ setzen es ein, um ihre Lebensspanne zu verlängern. Die Nebenwirkungen sind groß: Rapamycin lässt etwa die Mundschleimhaut aufreißen. Das einzige Gegenmittel gegen die blutigen Wunden heißt: Mundspülung.

Ein anderer Kontakt nimmt regelmäßig Modafinil: „Das ist das Beste, was du kriegen kannst.“ Es wird eigentlich gegen die Schlafkrankheit verschrieben, könnte aber gut sein für die Hirngesundheit und womöglich Alzheimer und Demenz vorbeugen.

Noch steht die Forschung am Anfang. Aber als sogenanntes CED-Medikament, das die Kognition erweitert, könnte es dazu beitragen, „eine optimale Gehirnfunktion aufrechtzuerhalten oder subtile und subklinische Defizite zu kompensieren, die mit der Alterung des Gehirns oder einer Demenz im Frühstadium einhergehen“, haben Forscher in Rom und Irvine, Kalifornien, herausgefunden.

Außerdem ist es eine echte „Smart Drug“, erfahre ich: Modafinil wirkt nicht neurotoxisch und macht im Unterschied zu anderen Mitteln nicht körperlich abhängig, pusht aber die Gehirnleistung merklich, sagt mein Kontakt. Als Gründer und Investor jettet er um die Welt. Da brauche es manchmal Hilfe beim Wachbleiben und Klardenken: Modafinil sei seine „Fundraising-Droge“. Am anderen Morgen probiere ich sie aus.

Das Ergebnis: Wow! Direkt nach dem Aufstehen habe ich eine Vierteltablette genommen (50 Milligramm). Nach 30 Minuten bin ich wach. Hellwach. Ständig habe ich neue Ideen.

Ein Interview mit einer Expertin in Deutschland kann gar nicht schnell genug gehen, die Fragen fließen mir nur so aus dem Mund. Weswegen ich mit der phlegmatischen Dame zunehmend ungeduldig werde: Ich weiß meist eh schon, was sie sagen will, mein Geist ist drei Sätze weiter. Umso öfter gehe ich dazwischen. Mach hinne! Außerdem ist mir warm, mein Herz pocht. Und das irritiert: Meine Finger landen oft leicht neben den Tasten. Hunger habe ich kaum, ein weiterer Nebeneffekt.

Als die Wirkung am Abend abklingt, wache ich auf wie aus einem Rausch. Verjüngt ist mein Hirn nach einem Tag wohl kaum, aber: Bin ich jetzt smarter? Zwar habe ich viel geschrieben, nur meine Interviewpartnerin: Hält sie mich für einen Idioten? Und was heißt das eigentlich für die Tech-Welt, wenn ihre Protagonisten neue Ideen bevorzugt unter Medikamenteneinfluss entwickeln? Ich kenne viele Gründer, die hibbelig sind. Wo kriegen sie ihre Pillen her?

Von einem Biotech-Gründer bekomme ich eine Telefonnummer. Video-Anruf bei Dr. Evelyne Bischof. Sie ist „Concierge-Ärztin“, ein wichtiger Begriff in der Szene: Als Ärztin wird sie im Voraus bezahlt und betreut ihre Klienten rund um die Uhr. Die 37-Jährige hat in Dresden und Harvard studiert, in New York und Zürich geforscht und lehrt heute in Tel Aviv und Shanghai.

Nebenbei betreut sie ausgewählte Longevity-Patienten, darunter mehrere bekannte Superreiche, aber auch Topbanker und -politiker. Sie finden per Empfehlung zu ihr und zahlen eine fünfstellige Summe im Jahr.

„Meine Patienten haben viel gewonnen im Leben. Oft sind sie bereit, in der Longevity-Therapie hohe Risiken einzugehen“, sagt Bischof. Dann muss die Internistin bremsen: „Viele denken: Viel hilft viel. Das ist falsch. Viele Substanzen schließen sich gegenseitig aus. Fünf bis zehn Supplements und ein bis zwei Medikamente sind die Obergrenze.“

Bischof weiß, was sonst droht: „Ich habe einen Patienten, der hat alles gemacht: Natural-Killer-Zellen, Hormone, Stammzellen, aus allen möglichen Ländern. Mit den Nebenwirkungen kämpfen wir immer noch.“

Das heißt? Bischof seufzt. „Er hat zum Beispiel keine Spermien mehr. Die Versuchung ist groß, zu viel zu machen.“


IV. Der ewige Geist – Hirnchips, Zukunft, Zweifel

Was für ein gigantischer Wachstumsmarkt die Suche nach dem langen Leben ist, zeigt sich auch, wenn man der Spur des Geldes folgt. Beim Analysehaus Pitchbook gebe ich eine Auswertung in Auftrag: Das globale Volumen von Wagniskapitaldeals im Longevity-Sektor hat sich demnach zwischen 2002 und 2022 mehr als verdreiundzwanzigfacht (von 0,2 auf 4,7 Milliarden Dollar). Die USA sind die Nummer eins. Und laut der Allied Market Research Group soll sich der Gesamtmarkt bis 2030 im Vergleich zu heute fast verdoppeln auf 44,2 Milliarden Dollar.

Immer mehr Start-ups konkurrieren um die Zukunft, heißen Cambrian, Insilico, Rejuveron und Co. Neue Branchenorganisationen vernetzen Forscher und Finanzer. Die Szene trifft sich in Las Vegas, Kopenhagen oder Gstaad. Woher kommt der Hype?

Anruf bei Christian Angermayer, einem der bekanntesten deutschstämmigen Longevity-Investoren. „Unser aktuelles Verständnis von Medizin ist, dass jemand krank sein muss, um behandelt zu werden“, sagt er. Der Zeitgeist ändere sich jedoch gerade. „Das fängt bei Medikamenten zur Gewichtsreduzierung an und endet bei der Möglichkeit, sein Geschlecht zu wechseln. Länger leben, glücklicher sein und andere Upgrades an sich vornehmen zu wollen ist da nur der nächste logische Schritt.“

Angermayer glaubt, dass Nahrungsergänzungsmittel nur der Anfang sind und es die eine Wunderpille nicht gibt. Zunächst gehe es darum, Heilmittel für die Krankheiten des Alterns zu finden, um ein längeres Leben ohne körperliche Einschränkungen zu führen. „Einige Hundert Jahre Lebenszeit sind meiner Meinung nach in greifbarer Nähe.“

Und dann? „In zehn bis zwanzig Jahren werden wir alle einen Chip im Gehirn haben, was komplett neue Möglichkeiten eröffnet. Dann könnte zum Beispiel potenziell unser Geist weiterleben, selbst wenn unser Körper versagt.“ Die Folgen wären grenzenlos: Die Verschmelzung mit Computern könnte die Menschheit das Weltall besiedeln lassen, glaubt Angermayer, und sogar das Ende unserer Sonne überstehen lassen, oder gar des Universums selbst in 10³⁶ Jahren. „Da die meisten physikalischen Theorien davon ausgehen, dass nach einem Ende des Universums ein neuer Urknall kommt, kann dieser Kreislauf dann ewig weitergehen und unsere Seelen mittendrin. Forever.“

Für mich klingt das nach bizarrer Science-Fiction. Aber Angermayer sagt, ich müsse mich nur in den Flieger setzen, um die Zukunft zu sehen. In Salt Lake City in der Wüste von Utah besuche ich Blackrock Neurotech, in das auch er investiert hat. Das Start-up (rund 200 Millionen Dollar schwer) hat den ersten 40 Patienten einen Chip ins Gehirn eingesetzt.

Mit erstaunlichen Ergebnissen: Querschnittsgelähmte können wieder ihre Gliedmaßen bewegen. Muskelschwund-Patienten im Endstadium können ihre Gedanken an einen Computer senden, der für sie spricht. Und das ist erst der Anfang.

Er sei einer der ersten „Cyborgs“, scherzt Ian Burkhart, 32. Als Teenager war er eine Sportskanone. Bis zu dem Schwimmausflug, mit 19, in Outer Banks, North Carolina. Eine Welle schleudert ihn auf eine Sandbank. Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, ist er vom Ellbogen abwärts gelähmt. „Die Ärzte haben gesagt, es sieht schlecht aus. Du wirst nie wieder selbst essen oder dich anziehen können. Ich hab mir manchmal gewünscht, ich wär im Meer geblieben“, sagt Burkhart. Dann wird er einer der ersten Patienten von Blackrock Neurotech.

Durch ein würfelförmiges Loch im Schädel wird ihm ein Chip eingepflanzt, ein BCI („Brain-Computer Interface“). „Es horcht wie ein Mikrofon darauf, was meine Neuronen tun.“ Um seinen Arm wird ein Handschuh gelegt, der seine Muskeln stimuliert. Burkhart steuert ihn mit seinem Geist – und der Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). Er trainiert monatelang, kann plötzlich wieder seine Hand öffnen und schließen, schließlich sogar einzelne Finger steuern. „Ich hatte Kopfschmerzen“, erinnert sich Burkhart. „Aber ich konnte wieder eine Tasse halten, eine Gabel, einen Stift. Es war unglaublich.“

„Unser erstes Ziel ist, verlorene Funktionen wiederherzustellen“, betonen Marcus Gerhardt und Florian Solzbacher, die beiden Gründer. In Zukunft sei dank BCIs vieles denkbar. Womöglich könnten Menschen schon bald telepathisch kommunizieren oder Maschinen durch Gedankenkraft steuern. Der Verfall des Körpers wäre dann keine Horrorvision mehr. Kann ich das ausprobieren, frage ich, bestenfalls ohne Hirn-OP? Ich kann. Beim Blackrock-Neurotech-Partner OpenBCI setzen sie mir eine Neuronenkappe inklusive VR-Brille auf. Ich tauche ein in eine Welt, die nur aus meinen Gedanken besteht.

„Grün. Konzentrier dich auf Grün“, sagt die Versuchsleiterin. Grün sind meine Alpha-Gehirnwellen auf der Frequenz acht bis 13 Hertz, die die Sensoren der Kappe aufzeichnen. Ich denke an Bäume, an Äpfel, vergeblich. Ich dürfe eben nicht an die Farbe denken, heißt es. Sondern an den mit meinen Alpha-Wellen verbundenen Bewusstseinszustand – ein ausgeglichen-fokussiertes Schweben.

Ich schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, schießt ein grüner Balken in der Welt nach oben, die mich dank der VR-Brille umgibt: In meiner virtuellen Realität sprießt eine Blume.

Das nächste Level ist anspruchsvoller: Ich steuere einen kleinen Hasen, der durch eine Stadt hüpft. Seine Laufrichtung bestimmt meine Gedanken. Was nach einem Videospiel klingt, hat ein reales Ziel: OpenBCI will die Lebensqualität von körperlich eingeschränkten Menschen erhöhen. Ein Tester im Rollstuhl hat schon eine Flugdrohne per Hirnkappe gesteuert.

Der körperliche Verfall durch Alter oder Krankheit: Warum sollte er uns künftig noch davon abhalten, am Leben teilzunehmen, glaubt Gründer Conor Russomanno: Bald könnten wir allein durch Gedankenkraft Dinge steuern – etwa einen Haushaltsroboter, der uns in der realen Welt hilft, oder unseren virtuellen Avatar im Metaverse, der sich mit anderen vernetzt.

Schließlich wandelt sich meine virtuelle Welt erneut, im letzten Level finde ich mich im Weltraum wieder. Zwischen den Sternen steuere ich die Farbe der Sonnen mit meinem Geist. Als mir die Kappe abgenommen wird, zittere ich am ganzen Körper.

Auf dem Nachtflug von Salt Lake City heim nach New York habe ich wirre Träume. Was bedeutet das alles? Vor Kurzem ist ein Jugendfreund gestorben; einfach so, Herzfehler, aus. Wir hatten lange nichts voneinander gehört. So viele offene Fragen.

Wäre er noch am Leben, wäre er in Johnsons Longevity-Programm, mit den täglichen Tests und den moosgrünen Smoothies? Könnte ich ihn vielleicht noch einmal sprechen, wäre er zehn Jahre später gegangen und hätte seinen Geist zuvor hochgeladen?

Bischof hatte mir gesagt, viele ihrer Patienten wollten gar nicht ewig leben, aber noch einige Jahre mit ihren Kindern verbringen. Ich kann sie gut verstehen, wollen wir das nicht alle? Aber können wir das auch alle, in der Longevity-Zukunft? Oder wird das lange Leben ein Privileg der oben Sitzenden, wie so vieles auf unserer Erde?

„Es liegt eine Weisheit im evolutionären Prozess, die ältere Generation verschwinden zu lassen“, glaubt der Ethiker Paul Root Wolpe. „Wenn die Generation des Ersten Weltkriegs und des Zweiten Weltkriegs und vielleicht auch die Generation des Bürgerkriegs noch am Leben wären, glauben Sie dann wirklich, dass wir in diesem Land Bürgerrechte hätten? Die Homo-Ehe?“

Und was ist das eigentlich für eine Ewigkeit, die da auf uns zukommt? Mag sein, dass wir eines fernen Tages unsere irdischen Probleme hinter uns lassen, wenn wir unser Bewusstsein hochladen und aufbrechen zu den Sternen.

Doch wenn unser Geist in der ewigen Dunkelheit des Universums weiterexistiert, lange nachdem die letzte Sonne verloschen ist: Kann es einen schlimmeren Albtraum geben? „Ich habe genug“, schreibe ich meinem Chefredakteur.


V. Epilog

Ja, ich hätte noch viel mehr ausprobieren können. Kryotherapien etwa zur Zellregeneration bei minus 110 Grad. Oder der Besuch einer Dekompressionskammer, wie sie bei Tauchern zum Einsatz kommt; Professor Barzilai sieht hier vielversprechende Longevity-Ansätze. Ich hätte mir auch Stammzellen ins Gesicht spritzen lassen können, für einen verjüngten Teint. Dr. Ernst von Schwarz, der Arzt der Hollywood-Stars, hat mich dazu eingeladen – und vor Scharlatanen gewarnt: Nach einer Fehlbehandlung könnte mein Körper in vielen Jahren ein Spenderorgan abstoßen. Ich lehne ab.

Da klingelt mein Handy. Mein Bluttest ist da – den hätte ich fast vergessen. Meine Hausärztin, Dr. Valeria Loukanova-Ivanov, hat noch in der Sowjetunion studiert. Longevity war da kein Thema. Resolut wie immer rattert Dr. Valeria die Befunde herunter. „Anämiewerte: normal. Hämoglobin: normal. Größe der roten Blutkörperchen: normal. Nieren- und Leberwerte: normal. Kalzium, Kalium, Natrium: normal. Zucker: normal, du hast kein Diabetes. Cholesterinspiegel: 111: Für dein Alter völlig in Ordnung“, sagt sie.

Vorsichtig erzähle ich ihr von den Experimenten der vergangenen Wochen. Dr. Valeria guckt säuerlich. „Du bist doch gesund. Geh spazieren und iss mehr Obst. Und jetzt Schluss!“

Ich bedanke mich und fahre nach Hause. Im Bad steige ich auf meine chinesische Waage. Sie blinkt und spuckt eine Zahl aus: 37. Nicht 38. Sonderbar. Geht es nach der Waage, dann hat mich meine Reise in die Longevity-Zukunft verjüngt: Biologisch gesehen bin ich nur noch ein Jahr älter, als in meinem Pass steht.

Vielleicht gönne ich mir heute Abend eine Pizza.