True Story Award 2025
Shortlist

Sie lernt um ihr Leben

Südkoreas Schüler gehören zu den besten der Welt. Die gefürchtete Abschlussprüfung, der Suneung, hält das ganze Land in Atem. Über eine 17-Jährige, die nachts nur noch vier Stunden schläft – und die Frage: Wie viel Wettbewerb ist gut für eine Gesellschaft?

Fragt man Park Seo Yeon, welches Leben sie einmal führen möchte, dann erzählt sie von ihrem Traum. Einem Traum, groß, noch etwas vage. Mal dolmetscht sie für Diplomaten. Mal durchleuchtet sie an der Sicherheitskontrolle eines Flughafens Touristen. Mal engagiert sie sich in einer NGO. Seo Yeon ist erst 17, kein Alter, in dem man seine Zukunft schon so genau kennt. Sie sagt, mit Bestimmtheit wisse sie nur dies: Sie wolle einmal im Ausland leben, in Thailand.

Das soll ihre Belohnung sein. Für die Abende bei der Nachhilfe. Die Nächte am Schreibtisch in ihrem Kinderzimmer. Für das ständige Rechnen und Auswendiglernen. Für ihren Kampf um einen Studienplatz an einer Universität in Seoul, dreieinhalb Zugstunden entfernt von ihrer Heimatstadt Gimhae. Der Hankuk University of Foreign Studies. Zwar keine Elite-Uni, aber doch eine der besseren, und vor allem: in der Hauptstadt. Dort, wo so viele junge Menschen studieren möchten. Weil ein Abschluss aus Seoul besonders viel zählt in Südkorea.

Sie will ihn bekommen, den Studienplatz im Fach Thailändische Linguistik. Unbedingt. Und nun scheint er ganz nah zu sein. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass sich Seo Yeon ihr ganzes Leben lang auf diesen Donnerstagmorgen Mitte November vorbereitet hat, an dem um kurz nach sieben lauter Kleinlimousinen die Auffahrt zur staatlichen Highschool für Mädchen in Gimhae füllen. Ein Pförtner weist mit seinem Leuchtstab den Weg durch den Nebel. Autotüren werden geöffnet, Schülerinnen von ihren Eltern umarmt, letzte aufmunternde Worte gemurmelt. Die Mädchen gehen durch die graue Dämmerung Richtung Schulgebäude.

Seo Yeon ist von ihrem Vater und der Mutter hergefahren worden. Als die Eltern die deutsche Reporterin sehen, laufen sie gleich auf sie zu, der Vater energisch, die Mutter sichtlich angespannt. Seo Yeon in ihrer Mitte. Den Blick nach unten, eilige Schritte in weißen Sneakern.

In den vergangenen Monaten hat sie so gut wie immer gelernt. Sie schlief nur vier Stunden jede Nacht. Sie kann sich jetzt nicht ablenken lassen, kann jetzt nicht stehen bleiben. Sie wirft ein "Hi!" über die Schulter, hetzt vorbei zum Schultor. Dort bleibt sie stehen, schaut auf den Aushang, der verrät, in welchem Raum sie gleich sitzen wird.

Sechs Fächer. Genau 357 Minuten Konzentration. Dazu insgesamt 120 Minuten Pausen. Acht Stunden, und nicht eine Sekunde Zeit für Panik.

444.870 Schülerinnen und Schüler schreiben heute in Südkorea ihre Abschlussprüfung, den sogenannten Suneung, der zugleich Eignungstest ist für den Zugang zu den Unis des Landes. Es ist ein Tag, an dem das halbe Land für einen Moment stillsteht. An dem die Arbeit in den Unternehmen eine Stunde später beginnt, damit die Pendler nicht die Bahnen und Straßen verstopfen. An dem während des Englisch-Examens 35 Minuten lang keine Flugzeuge starten und landen dürfen, damit beim Hörtest jedes Wort verstanden werden kann. Es ist der Tag, der darüber entscheidet, welche Träume wahr werden. Und welche nicht.

Dieses Dossier könnte von jedem dieser jungen Menschen handeln. Park Seo Yeon ist weder herausragend in der Schule noch besonders schlecht, sie ist in vielem ein ganz normales Mädchen in Südkorea. Und doch äußerte sie am Ende der Recherche den Wunsch, hier nur mit einem Pseudonym aufzutauchen – Park Seo Yeon ist nicht ihr echter Name. Sie sagt, sie fürchte Schwierigkeiten mit späteren Chefs oder anderen Menschen, sollte jemand im Internet nach ihr suchen und auf diesen Artikel stoßen; dass er in einer fremden Sprache erscheint, auf einem anderen Kontinent, scheint dabei keine Rolle zu spielen.

Sie lebt in einem Land mit konfuzianischer Prägung, in dem es leicht heißen kann: Die will sich doch nur in den Vordergrund drängen.

Sie lebt aber auch in einem Land, in dem der Wettbewerb der Schülerinnen und Schüler untereinander zentral ist. Beim Suneung gibt es keine klassischen Noten wie in Deutschland. Sondern eine Einteilung nach Rängen, rank 1 bis rank 9. Es zählt fast nur, wie man im Vergleich zum Teilnehmerfeld abschneidet: Die obersten vier Prozent aller Schüler in Südkorea werden am Ende mit dem ersten Rang belohnt, die nächsten sieben Prozent mit dem zweiten und so weiter. Für die Hankuk University braucht Seo Yeon mindestens rank 2. Es reicht nicht, gut zu sein. Sie muss besser sein als die meisten anderen.

Anfang Dezember, einige Wochen nach dem Suneung, hat die OECD ihre aktuelle große Studie zu 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in 81 Ländern präsentiert. In Deutschland schrieben die Medien von einem "neuen Pisa-Schock", einem dramatischen Rückgang der Schulleistungen. In Südkorea meldeten die Medien stolz, das Land gehöre zu den "Top-Performern" weltweit, hinter Singapur zwar, aber vor den allermeisten anderen Staaten. Rang 1, gewissermaßen. Und: Die Leistungen hätten sich seit dem letzten Test weiter verbessert.

Seo Yeon ist schon durchs Schultor. Ihre Mutter ruft ihr mit gedämpfter Stimme nach: "Seo Yeon! Hwaiting!"

Sie verschwindet im Schulgebäude. Seo Yeon! Kämpf!

JULI 2023 – NOCH 127 TAGE BIS ZUM TEST

Sie hat gerade eine Stunde Mittagspause und wartet am Schultor. Weißes Shirt, schwarze Stoffhose, ihre weißen Sneaker – keine Schuluniform, obwohl das eigentlich Pflicht ist in Südkorea. "Die Uniform tragen wir nur auf dem Weg hierher", sagt Seo Yeon. Die Schülerinnen haben einen kleinen Sieg gegen die Vorschrift errungen. Sie halten sich nicht daran, und ihre Lehrer lassen sie gewähren. "Sobald wir da sind, ziehen wir uns um."

Seo Yeon bittet herein an den Ort, der der Mittelpunkt ihres Lebens und Denkens ist. Ein Hauptgebäude, schmucklos, aus rotem Klinker. Davon abgehend drei Flügel aus Beton. Sie öffnet eine Glastür und reicht Hausschuhe aus einer Kommode, die Straßenschuhe müsse man hier bitte ausziehen. Als Erstes führt sie zur Sporthalle, in der gerade einige Lehrer und Teenagerinnen die Pause damit verbringen, Federbälle übers Netz zu schlagen. Das seien vor allem Mädchen aus unteren Klassen, sagt Seo Yeon. "Die haben hier einfach Spaß" – als wäre das etwas, das man hervorheben müsste.

Sie selbst, so kurz vor dem Abschluss, komme in den Pausen nie in die Sporthalle. Manchmal unterhalte sie sich mit ihren Freundinnen. Meistens lerne sie, allein. Warum nicht zusammen mit den Freundinnen? "Das bringt ja nichts", sagt Seo Yeon. "Wir sind ja unterschiedlich gut."

Sechs Jahre Grundschule. Drei Jahre Mittelschule. Am Ende drei Jahre Highschool, vergleichbar einer deutschen Gesamtschule. Lernen, so scheint es, ist für Seo Yeon kein Ballast, der leichter wiegt, wenn man ihn mit anderen teilt. Er wird schwerer. Weil man den der anderen mitträgt.

Sie geht weiter. Die Schulkantine: flixbusgrüne Stühle an weißen Tischen. Snack- Automaten, gefüllt mit Chipspackungen und Energydrinks. Gewöhnliche Flure mit PVC-Böden, von denen gewöhnliche Klassenräume abgehen, in denen gewöhnliche Tafeln hängen. Ein Gebäude, das eingefroren scheint im Stil der Siebziger- oder Achtzigerjahre, wie so viele Schulen in Deutschland auch. Man hatte sich eine Schule in einem asiatischen Pisa-Wunderland anders vorgestellt. Digitaler, mehr 21. Jahrhundert. Seo Yeon sagt dazu, sie hätten eben ihre eigenen Laptops dabei, falls sie die mal bräuchten. Meist aber schrieben sie mit Stiften in Arbeitshefte.

Draußen der Schulgarten: Manche Mädchen bauen Gurken an, andere sitzen herum und verplaudern die Mittagspause. Ist dies Seo Yeons liebster Platz an der Schule? Und was ist ihr liebstes Fach?

Zum Fach sagt sie: "Ich mag Ethik. Darüber kann ich zu Hause so schön nachgrübeln, allein mit meinen Büchern." Die anderen Fächer seien selten toll und oft nervig.

Sie zählt sie später auf. Zuerst die, die neben Ethik in ihrem Suneung vorkommen werden – Seo Yeon hat den sozialwissenschaftlichen Zweig gewählt:

Koreanische Geschichte (interessant, fühlt sich an, als würde man durch die Zeit reisen).

Englisch für Fortgeschrittene (eher leicht, also okay).

Sozialkunde (auch okay).

Koreanisch (lästig, weil man im Unterricht langweilige Gedichte aus dem 12. Jahrhundert liest, im Suneung dann aber Fragen zu Texten über physikalische Gesetze oder Statistik beantworten muss).

Mathe (zum Hassen, weil es immer nur eine richtige Antwort gibt und die Fragen im Befehlston formuliert sind).

Dann noch die, die im Suneung keine Rolle spielen werden: Biowissenschaften, Sport, Psychologie, Chinesisch.

Zu ihrem liebsten Platz an der Schule sagt Seo Yeon, als wäre die Frage danach die abwegigste der Welt: "Ich habe gar keinen liebsten Platz an einer Schule."

Den Unterricht darf die Reporterin nicht besuchen, die Privatsphäre der Lehrer solle geschützt werden, heißt es. Aber Seo Yeon hat ein Gespräch mit der Rektorin ihrer Schule arrangiert. Oh Hyeon Sook sitzt mit schwarzem Bob und rosafarbener Häkelbluse in ihrem Büro im Erdgeschoss. Seit drei Jahrzehnten ist sie Lehrerin, seit zweieinhalb Jahren leitet sie diese Highschool, auf die aktuell 638 Teenagerinnen gehen; in Südkorea sind die meisten Schulen entweder für Jungen oder für Mädchen. Sie sagt, sie habe in ihrer langen Karriere schon einige Veränderungen mitgemacht. Eines aber sei immer gleich geblieben: "Die größte Sorge der Schülerinnen und Schüler ist ihre Karriere. Also ihr Notendurchschnitt im Suneung."

Wird man denn in der Schule gut auf diese Prüfung vorbereitet?

Der koreanische Übersetzer, der beim Gespräch dabei ist, schaut einen etwas irritiert an. Das sei jetzt aber tricky, meint er, bevor er für die Rektorin übersetzt.

Oh Hyeon Sook lacht, irgendwas zwischen abwehrend und amüsiert. "Unsere Lehrer sind sehr gut. Sie wissen um ihre Verantwortung." Mehr sagt sie nicht.

Wie schätzt sie die Chancen der Schülerin Seo Yeon ein, den Studienplatz zu bekommen, den sie unbedingt haben will?

Die Rektorin überlegt. Dann antwortet sie: "Seo Yeon arbeitet wirklich hart."

Die Familie des Mädchens lebt am Stadtrand von Gimhae, in einer modernen Hochhaussiedlung. Oben im 21. Stock sieht man an diesem Julitag den Monsunregen am Wohnzimmerfenster vorbeiströmen. Über einen Lautsprecher an der Decke, wie es ihn in nahezu jedem Zuhause in Südkorea gibt, meldet sich die Verwalterin und warnt die Bewohner, heute besser drinnen zu bleiben.

Seo Yeon, ihr 15-jähriger Bruder und ihre Eltern wohnen in vier Zimmern. Ein Ledersofa, auf einer Kommode die Golf-Pokale des Vaters, nebenan die offene Küche mit Edelstahlverkleidung – ein Haushalt der oberen Mittelklasse in minimalistischem Design, die meisten Familien im Land haben weniger Platz. Die Mutter, eine freundliche, zugewandte Frau, erzählt, sie habe in den frühen Nullerjahren an der Uni ein paar Kurse in Möbeldesign belegt. Mittlerweile sei das eher etwas fürs Private. "Seit ich eine Familie habe, arbeite ich nicht mehr." Die Ehefrau bleibt zu Hause, der Ehemann verdient das Geld, in diesem Fall als selbstständiger Ingenieur – typisch für Südkorea, wie der Lautsprecher an der Decke.

Unmöglich zu sagen, ob der Mann die schwerere Aufgabe hat oder die Frau. Denn sie ist es, die sich in Südkorea um die Bildung der Kinder kümmert. Auch das ein Vollzeitjob.

Schon in der Kindergartenzeit, erzählt Seo Yeons Mutter, habe sie ihre Tochter bei einem privaten Nachhilfeinstitut angemeldet, einem sogenannten Hagwon. Dort habe Seo Yeon das Zählen gelernt. Außerdem habe sie für Seo Yeon einen Tutor gesucht, der zu ihnen nach Hause kam und dem Mädchen beibrachte, das koreanische Alphabet zu schreiben. Das Rennen um die besten Ränge, es beginnt früh in Südkorea. "Ich wollte nicht, dass sie hinter die anderen Kinder zurückfällt."

Als sie in die erste Grundschulklasse kam, konnte Seo Yeon schon kurze Texte über das Wetter oder das Fernsehprogramm verfassen. Ab der vierten, sagt die Mutter, habe sie ihrer Tochter nicht mehr bei den Mathe-Hausaufgaben helfen können. Zu schwer.

Und schon damals, in der Grundschule: Tests, für die Seo Yeon stundenlang am Tag übte.

Jetzt, wo die letzte und wichtigste Prüfung ihrer Schullaufbahn ansteht, steigt sie bis zu viermal in der Woche direkt nach der Schule in den Bus und fährt zu Hagwons, dort wird sie von Privatlehrern in Koreanisch und Mathe unterrichtet. In den anderen Fächern, um die es im Suneung gehen wird, schaut sie Online-Tutorials von weiteren Lehrern an. Meist ist das Zimmer der 17-Jährigen das einzige in der Wohnung, in dem nachts noch Licht brennt. Seo Yeon sitzt da und lernt. Die Wände weiß, kein einziges Poster, damit sie nicht abgelenkt wird. Im Regal neben Büchern ihr Glücksbringer, eine abgegriffene gelbe Plüschente. Wenn es endlich auch bei ihr dunkel wird, fällt sie ins Bett, das praktischerweise gleich einen halben Meter hinter dem Schreibtischstuhl steht.

"Es ist verrückt", sagt die Mutter. Sie meint nicht die spitzenmanagerhaften Arbeitszeiten ihrer Tochter, sondern das, was all die private Vorbereitung auf den Suneung kostet: umgerechnet mehr als 1.000 Euro pro Monat. Keine kleine Summe in einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen um etwa ein Viertel niedriger ist als in Deutschland. Ein Kind großzuziehen, werde immer teurer, sagt die Mutter.

Während sie erzählt, sitzt ihre Tochter neben ihr am Esstisch, ein Kissen vor dem Bauch, und rutscht unruhig herum. Sie möchte offenbar lieber in ihrem Zimmer sein und lernen.

Noch eine letzte Frage für heute an die Mutter: Gab es je eine Zeit, in der Seo Yeon mal nicht lernen wollte?

Die Mutter: "Nein. Sie will das wirklich."

Seo Yeon nickt. "Yeah."

Die Mutter, vielleicht halb im Scherz, vielleicht auch nicht: "Sie macht immer, was man ihr sagt. Ihr Bruder hat manchmal keine Lust auf die Hagwons. Er fragt: Kann ich heute schwänzen? Dann sage ich ihm: Du kannst gern zu Hause bleiben – aber dann musst du mir das Geld für deine Nachhilfestunden geben!" Das helfe meist.

In Südkorea geschieht das Gleiche wie in anderen asiatischen Ländern, die bei internationalen Schulstudien erfolgreich sind, in Japan, Taiwan, Singapur. Weil jeder will, dass seine Kinder beim Rennen vorne mitlaufen, boomt die private Nachhilfe, eine Art Bildungsdoping. Nach staatlichen Angaben bekamen im Jahr 2022 vier von fünf südkoreanischen Schulkindern irgendeine Form von Extraunterricht. Und der scheinbar einzige Ausweg, wenn alle schneller rennen: noch mehr dopen, noch schneller rennen, noch mehr Unterricht. Was wiederum nach Ansicht von Experten dazu führt, dass sich Paare genau überlegen, ob sie überhaupt jemanden in den Wettbewerb schicken wollen. Viele konzentrieren all ihre Hoffnungen und Ressourcen auf ein einziges Kind. Immer mehr bekommen gar keines, aus Angst vor den finanziellen Kosten für die Ausbildung.

Im Jahr 2022 fiel die Fertilitätsrate in Südkorea auf 0,78 Kinder pro Frau, das ist etwa halb so viel wie in Deutschland und Negativrekord weltweit. Obwohl – besser gesagt, gerade weil – das Land immer weniger Kinder hat, wächst das Milliardengeschäft mit dem Bildungsdoping weiter. Und eine Frau wie Lee Ji Young wird zum Superstar.

EINE NACHHILFELEHRERIN UND IHRE FOLLOWER

Die Coex Mall, eine bekannte Shoppingmall in Seoul. Hier soll sie an diesem Nachmittag auftreten: Lee Ji Young, 41 Jahre alt, von der manche in Südkorea sagen, sie sei so berühmt wie die großen Stars des K-Pop. Eine Nachhilfelehrerin für Ethik und Sozialkunde, eigentlich eher die Nachhilfelehrerin. Südkoreas Jugend liebt sie, Millionen besuchen ihre E-Learning-Kurse. Seo Yeons Mutter schwärmt von ihr. Seo Yeon selbst sagt, sie respektiere sie, weil sie so ein "organisiertes Leben" habe. Die Lehrbücher, die Lee Ji Young herausbringt, kosten 118 Euro. Auf YouTube haben ihre Videos insgesamt 168 Millionen Aufrufe.

In diesen Videos sieht man sie, wie sie mal in einem Hörsaal steht, mal bei sich zu Hause und zum Beispiel Platons Ideenlehre oder Kants Vernunftbegriff erklärt – vor allem natürlich: jede denkbare Suneung-Frage der vergangenen Jahre dazu. Aber sie redet auch übers Abnehmen, über ihre persönliche Make-up-Routine und darüber, dass Träume sich erfüllen, wenn man nur durchhält. Die Grenze zum Influencertum verschwimmt leicht in ihrem Business.

In einer Veranstaltungshalle in der Mall haben sich etwa hundert Schüler und Schülerinnen versammelt, dazu ein paar Mütter. Lee Ji Young wird gleich einen Vortrag halten, mal wieder ihr Lieblingsthema: Wie motiviert man sich zum Lernen?

Vorher gewährt sie der ZEIT ein Interview. Ihre Produktionsfirma hat im Vorfeld in vielen E-Mails und Gesprächen Bedingungen aufgestellt, als gehe es tatsächlich um ein Treffen mit einem Popstar. Eine davon: Man solle sie nicht zu ihrem Jahreseinkommen befragen. Als sie für das Jahr 2020 selbst eine Zahl veröffentlichte, gab es eine Debatte darum im Land. Es waren knapp sieben Millionen Euro.

Die PR-Beraterin wiederholt die Bedingungen noch einmal. Als man nickt, führt sie einen hinter die Bühne, öffnet einen schweren Vorhang. Da sitzt auf einem Sessel die berühmte Tutorin. Braunes Prada-Kostüm, schwarze Overknee-Stiefel.

Was sie selbst von dem Vergleich mit einem K-Pop-Star halte?

"Südkoreanische Kids sind ihren Nachhilfelehrern genauso verbunden wie ihren Lieblings-K-Pop-Stars." Die vorgelebten Hoffnungen und Träume seien die gleichen. Nur komme bei den Lehrern eben noch der Spaß am Begreifen dazu, der Erfolg in der Schule. Das, findet Lee Ji Young, sei der Beitrag ihrer Branche zum Wohlergehen des Landes. "Ich habe mich sehr angestrengt, äußerlich attraktiv zu sein, und zeige, wie weit man mit harter Arbeit kommt."

Lee Ji Youngs Biografie, von ihr selbst erzählt, gleicht einem südkoreanischen Aufstiegstraum. Man könnte auch sagen, einem Märchen. Von der Tellerwäscherin zur Millionärin, alles in Sachen Bildung.

Sie sei in einer armen Familie groß geworden, da sei niemand an der Uni gewesen. Ihre Mitschüler hätten sie gemobbt, den Schulstoff habe sie sich aus gebrauchten Büchern zusammengelesen, und in ihr Tagebuch habe sie geschrieben: Ich werde einmal Erfolg haben. Im November 2000 habe sie dann ihren Suneung gemacht, nach vielen Monaten, in denen sie nur drei, vier Stunden pro Nacht geschlafen habe. "Ich wollte sichergehen, dass ich die bin, die am meisten lernt."

Sie schaffte es auf die Seoul National University, die beste Hochschule des Landes, Studienort von Premierministern, Verfassungsrichtern, Konzernchefs. Als eine von 3.000. In jenem Jahr hatten 870.000 die Prüfung geschrieben. Ende des Märchens.

Fehlt noch die Moral von der Geschichte. Sie schlafe bis heute nur vier Stunden pro Nacht, sagt Lee Ji Young. Denn sie könne nicht zur Ruhe kommen, wenn sie nicht alles erledigt und vorbereitet habe. "Das treibt mich an."

Worüber sie nicht spricht: dass es lukrativ ist fürs Geschäft, den ewigen Zweifel "Tue ich genug?" bei der Gefolgschaft zu füttern.

Und dass der Aufstieg von Leuten wie ihr eine Kehrseite hat: den Bedeutungsverlust der Lehrkräfte an öffentlichen Schulen. Die verdienen keine sieben Millionen Euro im Jahr, sondern zum Teil weniger als der Durchschnittsangestellte – und haben nach Ansicht südkoreanischer Bildungsexperten längst die Vorbildfunktion verloren, die sie einmal besaßen. Das alte Sprichwort, man solle nicht mal in den Schatten eines Lehrers treten, gilt für sie nicht mehr.

Man sieht es daran, wie die Teenagerin Seo Yeon ihren Unterricht an der Highschool beschreibt. Der laufe fast immer so ab: An der Tafel steht eine Lehrerin oder ein Lehrer, hält einen Monolog und sagt irgendwann, man solle die Arbeitsblätter ausfüllen. "Ich werde nie nach meiner Meinung gefragt." Niemand meldet sich. Mündliche Noten gibt es nicht. Es geht nur darum, Testwissen einzutrichtern.

Wer eine individuelle Frage zum Prüfungsstoff hat, etwas für sich selbst vertiefen möchte, der wendet sich an seine Privatlehrer in den Nachhilfeinstituten, den Hagwons. "Die", sagt Seo Yeon, "sind lustig und ermutigen einen. Und sagen Sätze mit Bedeutung." Ob im Eins-zu-eins-Unterricht oder in der Gruppe, in den Hagwons kann man sich oft aussuchen, zu wem man geht. Die Tutoren wissen: Sie werden von den Schülern evaluiert. Deshalb versuchen sie, sich in jede Frage eines jeden Teenagers hineinzudenken. So sind sie es, die das eigenständige Denken und das kreative Problemlösen fördern. Die einen großen Anteil haben am Pisa-Erfolg des Landes. Die die neuen Vorbilder sind.

OKTOBER 2023 – NOCH 31 TAGE BIS ZUM TEST

Ein Telefonat mit Seo Yeon. "Was soll ich erzählen", sagt sie. "Mein Leben ist immer gleich. Ich lerne. Ich falle ohnmächtig ins Bett." Sie klingt nicht genervt. Eher resigniert.

Seo Yeon spielt kein Instrument. Sie macht außerhalb der Schule keinen Sport. Ab und zu trifft sie in der Freizeit ihre Freundinnen, manchmal gehen sie zusammen etwas essen. Fragt man sie nach schönen Erinnerungen, erzählt sie von einem lustigen Karaoke-Abend mit der Familie vor einigen Monaten. Ihr Vater hatte entschieden, sie müsse mal auf andere Gedanken kommen, also sangen sie gemeinsam K-Pop-Songs.

Ob sie glücklich sei? "Nein."

Sie klingt lebendig, wenn sie von ihrem großen Traum spricht. Thailand. Ein Land, das sie nur aus Dokumentationen und Büchern kennt. Sie schwärmt davon, dass dort die Tempeltürme von Ayutthaya rostrot in den Himmel ragen und die Menschen sich nicht ständig miteinander messen.

Wie gerne würde man sie noch öfter treffen und näher kennenlernen. Doch für Nähe hat Seo Yeon gerade keine Zeit.

Jeden zweiten Tag, wird sie später erzählen, schreibt sie jetzt Übungstests. Am Schreibtisch im Kinderzimmer, in Lerncafés oder bei ihren Tutoren in den Hagwons. 180 Fragen wird der Suneung in ihrer Fächerkombination umfassen, meist per Multiple Choice zu beantworten. Die Übungstests sind ihm ähnlich. Die Reihenfolge der Fächer, die Art der Aufgaben, die Zeit für die Bearbeitung. Acht Stunden simulierte Hölle. Seo Yeon sagt, es laufe ganz gut.

EIN POLITIKER MIT SORGEN

An einem Tag im Herbst empfängt Lee Ju Ho, seit einem Jahr stellvertretender Premierminister und außerdem Bildungsminister, zum ersten Mal in dieser Amtszeit ein ausländisches Medium. Er sitzt in seinem riesigen Ministerium, an einem Tisch, fast so lang wie der gesamte Konferenzraum. Das Gespräch dauert schon eine Dreiviertelstunde, da platzt eine Erkenntnis aus ihm heraus, die er in ihrer Ironie witzig findet. "Die Stärke des koreanischen Bildungssystems ist wohl auch seine größte Schwäche: Die Menschen wissen um die Macht der Bildung." Der Minister lacht sehr.

Lee hatte das Interview damit begonnen, über die Geschichte seines Landes zu reden, die so ähnlich auch die Geschichte anderer Staaten in der Region ist. Südkorea war nach dem Zweiten Weltkrieg arm; viel ärmer als die meisten Staaten auf der Welt. Nur eine Minderheit der Menschen hatte je eine Schule besucht und konnte lesen und schreiben. Doch dann begannen Millionen, sich kollektiv aus der Rückständigkeit herauszulernen. Die Schulpflicht wurde eingeführt, Schulen wurden errichtet, Lehrkräfte trainiert. So geschah es, dass die Kinder und Enkelkinder der Analphabeten Ärzte wurden, Programmierer, Anwältinnen. Oder Ingenieure, wie der Vater von Seo Yeon. Vor dem Wirtschaftswunder kam das Bildungswunder.

"Jeder einzelne Koreaner spürt am eigenen Erfolg, wie Lernen und Disziplin unser Leben verändert haben", sagt der Bildungsminister. "Sie tragen diese Erkenntnis unter der Haut." Aber: "Das verursacht auch viele soziale Probleme."

Er zählt sie alle auf.

Über die Mütter sagt er: "Sie haben das Vertrauen in öffentliche Schulen verloren." Stattdessen würden sie ihre Kinder schon im Kindergarten Englischvokabeln auswendig lernen lassen und nach der Schule in Hagwons schicken. Allein hier in der Hauptstadt gibt es mehr als 24.000 Nachhilfeinstitute, man sieht sie an jeder Straßenecke.

Über die Kinder sagt er: "Im Unterricht schlafen sie, lernen dann in den Hagwons." So lange, dass sie am nächsten Tag wieder erschöpft seien. Laut einer Studie ist fast jeder dritte Jugendliche in einer südkoreanischen Abschlussklasse depressiv, mehr als jeder zehnte hat Suizidgedanken.

Und über die Lehrkräfte an den öffentlichen Schulen sagt der Minister: "Sie werden von den Eltern belästigt." Im Sommer geschah etwas, das er eine "Tragödie" nennt: Eine Grundschullehrerin aus Seoul beging Suizid. In ihren Tagebucheinträgen hatte sie beschrieben, wie sie von Eltern mit Anrufen und Beschwerden bombardiert werde. Wie es ihr die Brust zuschnüre. In den folgenden Wochen demonstrierten jeden Samstag Zehntausende Lehrerinnen und Lehrer aus dem ganzen Land vor dem nationalen Parlament in Seoul. Sie forderten von der Regierung, besser vor den Eltern der Kinder geschützt zu werden, die sie unterrichten.

Je länger das Gespräch mit dem Minister dauert, desto verblüffter ist man, wie selbstkritisch dieser Mann auf das Bildungssystem seines Landes blickt. "Es stimmt", sagt er, "wir sind fantastisch bei Untersuchungen wie den Pisa-Studien." Doch viele Südkoreaner stellten nun einmal das System grundsätzlich infrage.

Seine Regierung arbeite daran, das Vertrauen zurückzugewinnen. Sie ist nicht die erste. Die Zeit, die Kinder und Jugendliche abends in Hagwons verbringen dürfen, ist schon länger gesetzlich gedeckelt: bis 22 Uhr. Und vor einigen Jahren versuchte der Staat, die Bedeutung des Suneung zu reduzieren. Er hat einen zweiten Weg an die Universität geöffnet, dabei dürfen neben dem Ergebnis der Abschlussprüfung auch noch andere Faktoren einfließen – die Noten aus drei Jahren Highschool, ein individuelles Motivationsschreiben für den gewünschten Studiengang, die Ergebnisse eines Essaytests, den die Unis organisieren.

Viel gebracht hat es nicht. Die guten Universitäten verlangen wie eh und je Spitzenleistungen im Suneung. Und während der Pandemie mussten die Geschäfte im Land zum Teil um 21 Uhr schließen, früher als gewöhnlich – die Nachhilfeinstitute durften wie gehabt bis 22 Uhr öffnen. Inoffiziell bleiben viele Kinder dort noch viel länger. In Gesprächen in Südkorea hört man immer wieder den Satz: Sonst kommen sie mit dem Lernen nicht hinterher. Der Bildungsminister spricht sogar von mafiaartigen "Kartellen", bei denen Lehrer aus dem öffentlichen System mögliche Suneung-Fragen illegal an die Institute verkaufen, die sie dann teuer untereinander handeln und an die junge Kundschaft weiterreichen. Dazu laufe gerade eine Untersuchung.

Letztlich, sagt Lee, gehe es darum, das öffentliche Schulsystem gegenüber dem privaten zu stärken, durch Aufklärung der Eltern und bessere Ausbildung der staatlichen Lehrkräfte. Im Sommer verkündete er die bisher am weitesten reichende Maßnahme: Aus dem Suneung würden künftig besonders schwere Aufgaben gestrichen, auch als "Killerfragen" bekannt. Sie seien zum Teil komplizierter als das, was an öffentlichen Schulen überhaupt auf dem Lehrplan stehe, so das Ministerium damals, dadurch könne es zu einer "psychologischen Belastung der Testpersonen" kommen. Es ist nicht zuletztder Glaube, dass die Hagwons besser auf die Killerfragen vorbereiten, der so viele Familien in die Arme der Nachhilfeindustrie lockt.

Weitgehend unbemerkt von der Pisa-Debatte in Deutschland, versuchen sich derzeit Politiker mehrerer asiatischer Länder im Abbau von Lernstress – weniger Tests, unkomplizierte Fragen, stärkere Regulierung der Nachhilfeindustrie. In China hat der Staat die private Nachhilfe in den wichtigsten Fächern gleich komplett verboten, sie findet allerdings weiter statt, im Untergrund, auf dem Schwarzmarkt. Und auch in Südkorea kam es zu einer interessanten Reaktion auf den Plan, die Killerfragen zu beseitigen: Jugendliche und Eltern beschwerten sich, zumindest die, die sich die Nachhilfe finanziell leisten können. Wie soll man denn sonst das Rennen gewinnen? Irgendwie muss doch über den Zugang zu den besten Unis entschieden werden, und damit über den Zugang zu den besten Jobs. Sollen etwa am Ende alle gleich sein? Seo Yeons Mutter sagt, ihre Tochter und deren Freundinnen seien geschockt gewesen.

In Deutschland gibt es Unruhe, wenn Experten fordern, die Standards zu erhöhen und ihre Einhaltung durch Vergleichstests zu kontrollieren. In Südkorea ist es genau andersherum. Das Argument ist beide Male das gleiche: Was tun wir unseren Kindern an! Und das Ergebnis auch: Am Ende bleibt das meiste, wie es war. Die südkoreanische Abschlussprüfung des Jahres 2023, darin werden sich später alle einig sein, war kein "Wasser-Suneung", sondern ein "Feuer-Suneung"; also besonders hart. Nicht zuletzt wegen einer Aufgabe in Mathematik, von der es überall heißen wird, sie sei ein "Killer". 98,2 Prozent der Prüflinge werden an ihr gescheitert sein, auch Seo Yeon.

Eine ganzrationale Funktion dritten Grades mit führendem Koeffizienten 1 erfüllt folgende Eigenschaften:

(1) Es gibt keine ganze Zahl k mit f (k – 1) · f (k + 1) < 0
(2) f ́(–1⁄4) = –1⁄4
(3) f ́(1⁄4) < 0
Bestimmen Sie den Funktionswert f (8).

Zeigt man diese Aufgabe dem deutschen Experten Andreas Herz vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, dann sagt er, sie sei unzumutbar für Abiturienten. Wenn überhaupt, dann sei sie etwas für Mathe-Wettbewerbe, an denen nur die besten Schülerinnen und Schüler teilnehmen.

NOVEMBER 2023 – NOCH DREI TAGE BIS ZUM TEST

Seo Yeon versagt in einer Übungsprüfung. Als sie über eine Website ihr Ergebnis berechnen lässt, kommt sie – auf der Skala von neun möglichen Rängen – in Mathe auf rank 5. In Koreanischer Geschichte sogar nur auf rank 6. Wie soll sie da rank 2 schaffen, den die Hankuk University of Foreign Studies im Durchschnitt aller Fächer verlangt?

Ihr Klassenlehrer rät ihr, mit den Übungstests aufzuhören. Sie mache sich nur verrückt. Ihre Mutter kauft ihr Donuts und Bagels mit Marmelade. Für die Nerven.

SUNEUNG

Erst am Tag davor erfahren die Eltern, wohin sie ihre Kinder morgen bringen müssen. Niemand soll Spickzettel verstecken. Seo Yeon bekommt ihre eigene Schule zugewiesen, ein glücklicher Zufall. Zumindest kein fremder Ort.

Der Vater, das wird die Familie später erzählen, kauft für seine Tochter ein Lotterielos. Wenn sie im Suneung nicht gut abschneidet, hat sie vielleicht Glück im Lotto. Er hofft, dass das Los nichts taugt.

Die Nacht vor der Prüfung. Seo Yeon blättert ein wenig im Geschichtsbuch. Um zehn Uhr geht sie ins Bett, stellt zur Entspannung ein Hörbuch an. Um kurz nach elf, erzählt sie später, muss sie weggedämmert sein. Die Nacht vor dem Suneung ist die erste seit Monaten, in der sie etwas mehr Schlaf bekommt.

Der Morgen. Seo Yeons Mutter steht um fünf auf, kocht Reis und etwas Schweinefleisch für ihre Tochter, würzt nicht zu stark, füllt Honigtee in eine Thermoskanne. Dinge, die ihr Energie geben sollen. Bloß nichts, was ihr auf den Magen schlagen könnte.

Um kurz nach sieben sitzt die Familie im Auto, fährt über fast leere Straßen Richtung Highschool. Kaum ein Koreaner, der keinen Grund dafür hat, ist vor Beginn des Suneung unterwegs. Nicht nur die Unternehmen beginnen heute später mit der Arbeit, selbst die Börse öffnet eine Stunde später. Und damit die Prüflinge auch wirklich sicher und pünktlich ans Ziel gelangen, regeln landesweit 6.427 eigens abgeordnete Polizisten den Verkehr. Weitere 2.634 Beamte werden an den Prüfungsorten im Einsatz sein, um unerwartete Behinderungen zu verhindern. Sie werden Autofahrer anweisen, nicht zu hupen, und Bauarbeiter auffordern, den Lärm zu minimieren.

Und 5.165 Polizisten sind dafür zuständig, die Fragebögen per Eskorte an die Schulen zu bringen.

Als Seo Yeon die Highschool betreten hat, geht sie, so wird sie es später berichten, in einen Klassenraum im Erdgeschoss. Auf einem Tisch sieht sie ein Schild mit ihrem Namen. Sie legt vor sich ab: Lunchboxen, Thermoskanne, Druckbleistifte, Radiergummi und ihre Ohropax, die sie nicht brauchen wird, weil es still sein wird, die ganze Zeit.

8.35 Uhr. Die Schulglocke klingelt. Zwei Lehrer verteilen die Prüfungsmappen und die Antwortbögen an die 30 Mädchen in diesem Klassenzimmer.

8.40 Uhr. Die Schulglocke klingelt noch einmal.

Überall im Land schlagen Schülerinnen und Schüler die erste Seite ihrer Mappe auf, beugen sich über Aufgaben, erdacht von Hunderten der besten Lehrerinnen und Professoren in einem abgeriegelten Resort in den Bergen, wo sogar der Müll auf mögliche Leaks kontrolliert wurde. Die Kartelle sollen es schwer haben.

Zu der Zeit, als Seo Yeon ihre Fragen im Fach Koreanisch beantwortet, steigt wenige Autominuten entfernt, auf einem Hang über der Stadt, ihre Mutter die

Sie betritt einen der Tempel, er ist dem Wohlbefinden und der Zukunft der Kinder gewidmet. An der Decke hängen rosafarbene, blaue und gelbe Lotuslaternen. Seo Yeons Mutter legt ein Samtkissen auf den Boden. Stellt sich hinter das Kissen, faltet die Hände, in denen sich eine Gebetskette verbirgt. Kniet nieder, Kopf auf dem Kissen, Handflächen nach oben. Steht auf. Kniet nieder. Steht auf. Kniet nieder. 108 Mal.

Als sie wieder draußen ist aus dem Tempel, erklärt sie es so: In manchen buddhistischen Kulturen glaube man, es gebe 108 Arten, wie der menschliche Geist verunreinigt sein könne. Schmerz, Hochmut, Neid ... "Mit den Verbeugungen wollte ich meine Tochter vor jeder einzelnen bewahren."

JANUAR 2024 – DAS LEBEN DANACH

Den Jahreswechsel hat Seo Yeon mit einigen Freundinnen verbracht. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag sind sie verreist, auf eine Insel im Süden. "Von unserem Airbnb aus konnten wir das Meer sehen, den Sonnenuntergang, das Feuerwerk", erzählt Seo Yeon. Sie hat ihr allererstes Trinkspiel gespielt, Monopoly, wer auf das Feld einer anderen kam, musste, statt Miete zu zahlen, einen Shot runterkippen. Soju, südkoreanischen Reisschnaps. Sie sagt: "Ich muss zum ersten Mal in meinem Leben nicht an morgen denken."

Am 16. November war sie nachmittags um kurz vor fünf aus dem Schulgebäude gekommen. Ihr Vater stand ganz vorn am Absperrband, die Mutter weiter hinten in der Menge der wartenden, aufgeregten Eltern. Manche hatten weiße Rosen in der Hand, andere hatten ihre Handys gezückt, für die Fotos. Als Seo Yeon da war, eilte der Vater gleich mit ihr zum Auto. Raus aus dieser Kälte, weg von dieser Schule. Auf der Fahrt sagte sie: "Ich bin müde. Ich bin hungrig. Ich bin ein wenig glücklich."

Drei Wochen darauf rief der Klassenlehrer die Schülerinnen einzeln nach vorn, überreichte jeder ein Zeugnis. Auch Seo Yeon.

Sozialkunde: rank 2.

Ethik: auch rank 2.

Englisch: 2.

Koreanische Geschichte: 2.

Koreanisch: 3.

Mathematik: 4.

Noch einmal eine Woche später, am 15. Dezember, saß Seo Yeon in ihrem Zimmer am Computer, neben sich ihre Eltern. Sie rief die Website der Hankuk University auf. Tippte ihre achtstellige Bewerbernummer ein. Da stand es, zwei Wörter, unter ihrem Namen. In Rot: "nicht akzeptiert".

Sie habe sich leer gefühlt, habe geweint, erzählt sie. Sie habe es ja gewusst. Ihr Ergebnis war ziemlich gut. Es war besser als viele andere. Aber es war nicht gut genug.

Ihre Eltern seien "wirklich fertig" gewesen, sagt Seo Yeon. Aber sie hätten auch versucht, sie zu trösten. Die Mutter habe gesagt: Geh schön essen mit deinen Freundinnen. Der Vater: Du hast alles gegeben. Du musst nichts bereuen.

Eine letzte Hoffnung blieb noch. Seo Yeon stand auf der Warteliste der Uni, vielleicht würde jemand absagen, vielleicht könnte sie nachrücken? Sie aktualisierte die Website. Tag eins, Tag zwei, Tag drei, Tag vier. Immer noch die beiden roten Wörter. Ab Tag fünf würde sich die Uni per Telefon melden, gäbe es doch noch einen Platz. Aber wer sollte schon so verrückt sein, die Hankuk University of Foreign Studies in Seoul sausen zu lassen? Tag sechs. Tag sieben. Das Telefon klingelte nicht.

Sie hat sich inzwischen neu beworben. Ein anderes Fach, Internationales Handelswesen, in einer anderen Stadt, in Busan. Dann eben nicht Seoul. Dann eben nicht Thailändische Linguistik. Seo Yeon sagt, überraschend trotzig: "Thai lerne ich nebenbei. Irgendwie komme ich schon nach Thailand." Ein alter Traum, ein neuer Plan.

Anfang Februar wird sie erfahren, ob sie einen Platz in Busan bekommen wird. In der Zwischenzeit hängt sie viel herum, schaut Netflix. Sweet Home, ein südkoreanisches Horrordrama. Sie hat ja jetzt Zeit.