True Story Award 2026
Nominiert

The Viktoriia Project

Sie galt als todesmutig und stur: Viktoriia Roshchyna recherchierte über Foltergefängnisse in den besetzten ukrainischen Gebieten. Dort kam sie ums Leben. Nun versucht die Familie, herauszufinden, was die Reporterin erleiden musste.

Am Ende ihres Weges ist Viktoriia Roshchyna, die unermüdliche Rechercheurin, selbst zum Gegenstand einer Recherche geworden. Forensiker in der Ukraine untersuchen zurzeit den geschundenen Körper der Journalistin. Sie wollen herausfinden, wie Roshchyna starb und was sie vor ihrem Tod im Alter von 27 Jahren in russischer Gefangenschaft erleiden musste.

Die Reporterin war im Sommer 2023 in den besetzten Gebieten der Ukraine festgenommen und später in eine Haftanstalt in der südrussischen Stadt Taganrog gebracht worden. Mehr als 400 Tage befand sie sich in russischer Gewalt.

Im Februar dieses Jahres übergaben die Russen der Ukraine Roshchynas Leiche zusammen mit den Leichen von mehr als 750 toten Soldaten. Sie lag in einem weißen Sack auf der Ladefläche eines Lastwagens. Beinahe wäre Roshchynas Körper übersehen worden. Ihr Name fehlte auf der Liste, die Russland übermittelt hatte.

Erst als die ukrainischen Ermittler in Winnyzja die gefrorenen Körper auftauen, entdecken sie in einem als »männlich« markierten Sack einen weiblichen Körper und an dessen Schienbein ein Schild mit dem Namen »Roshchyna«.

Der magere Körper mit dem kahl rasierten Kopf soll zahlreiche Folterspuren aufweisen, eine gebrochene Rippe, Blutergüsse am Kopf, Verletzungen im Nacken, Spuren von Elektroschocks. Ein DNA-Test bestätigt, dass es sich um die in der Ukraine bekannte Journalistin handelt.

Bei der teilweise schon mumifizierten Leiche, so heißt es aus Ermittlerkreisen, fehlten die Augäpfel, Teile des Kehlkopfes und das Gehirn. Warum sie entnommen wurden, ist unklar. Möglicherweise wollten Roshchynas Peiniger die Todesursache verschleiern.
Roshchynas Vater Wolodymyr Roshchyn erfuhr vom Tod seiner Tochter durch eine schriftliche Mitteilung des russischen Verteidigungsministeriums im Oktober 2024. Viktoriia Roshchyna, heißt es darin, geboren am 6. Oktober 1996, sei am 19. September 2024 gestorben.
In dem nüchternen Schreiben an den Vater findet sich kein Wort über die Todesursache. Roshchynas Körper, heißt es dort, werde bei einem Leichenaustausch an die Ukraine übergeben. Aber weder im ersten noch im zweiten darauffolgenden Austausch ist die Journalistin dabei.

Das Verschwinden von Roshchyna in den besetzten Gebieten wird damals in der Ukraine viel diskutiert und geht durch alle Medien. Sogar Papst Franziskus schaltet sich ein. Ehemalige Journalistenkollegen versuchen herauszufinden, wo sie festgehalten wird.

Später wird die Rückgabe ihrer Leiche zum Politikum. Mitte Januar 2025 kommt es sogar zu einem geheimen Treffen an der belarussischen Grenze, wo russische und ukrainische Vertreter darüber verhandeln.
Die zierliche junge Frau war eine der wenigen Reporterinnen, die sich trauten, aus den von Russland besetzten Regionen zu berichten. Roshchyna, so erzählen es Kollegen, sah es als ihre Pflicht an, die Verbrechen der russischen Besatzer ans Licht zu holen. Millionen Ukrainer leben in den 2022 von Russland annektierten Teilen der Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson in einem Klima der Angst und Repression. Roshchyna wollte ihnen eine Stimme geben. Sie reiste seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs vor drei Jahren wohl insgesamt viermal in die besetzten Gebiete, obwohl die russischen Behörden ausländischen Journalisten oder Ermittlern offiziell keinen Zugang gewähren.

Die Reporterin spricht im südukrainischen Enerhodar mit Arbeitern, die den Atommeiler Saporischschja am Laufen halten, trotz Einschüchterung und Repression. Sie recherchiert die fürchterliche Geschichte von Tihran und Mykyta, zwei 16-Jährigen aus Berdjansk, die von den Besatzern der Sabotage beschuldigt und hingerichtet wurden.

Sie berichtet auch über Söldner der Wagner-Gruppe, die Russlands Machthaber Wladimir Putin scharenweise an der ukrainischen Front in den Tod schickt. »Ich glaube«, soll Roshchyna zu einer Kollegin gesagt haben, »die Arbeit in den besetzten Gebieten ist das, worum es beim Journalismus eigentlich geht. Deswegen werde ich damit weitermachen.«
Die letzte Dienstreise der Reporterin in die besetzten Gebiete beginnt am 25. Juli 2023. Am Nachmittag, kurz nach 14 Uhr, verbindet sich Roshchynas Handy mit dem polnischen Mobilfunknetz. Die Journalistin muss um diese Zeit die Grenze ins Nachbarland überquert haben. Sie will über Polen, Lettland und Russland in die Besatzungszone reisen, ein gefährliches Unterfangen für eine bekannte ukrainische Journalistin. Russland kontrolliert Ukrainer, die in die besetzten Gebiete reisen, sehr genau und weist nicht wenige ab.

Dieses Mal möchte Roshchyna herausfinden, was mit Tausenden ihrer Landsleute geschehen ist, die dort seit Beginn des russischen Angriffskriegs spurlos verschwunden sind, angeblich in geheimen Gefängnissen in den besetzten Gebieten und auch auf russischem Staatsgebiet.

Die Journalistin will diese Orte dokumentieren, auch die Folterkammern, von denen sie gehört hat. Sie will mit Überlebenden sprechen und Täter identifizieren. Als Roshchyna am 26. Juli über die lettisch-russische Grenze am Checkpoint Ludonka reist, gibt sie auf dem Einreiseantrag als Ziel die besetzte Stadt Melitopol in der Region Saporischschja an. Danach verliert sich Roshchynas Spur. Anfang August meldet sie sich kurz bei ihrer jüngeren Schwester. Dann bricht der Kontakt ab.

Inzwischen ist bekannt, dass Roshchyna im Winter 2023 selbst an einen der Orte gebracht wurde, über die sie schreiben wollte: in das berüchtigte Foltergefängnis »Siso 2« im südrussischen Taganrog.
Es ist nicht einfach, sich dem Menschen Viktoriia Roshchyna anzunähern. Die Journalistin galt unter Kollegen als Einzelgängerin, arbeitswütig, zielstrebig, akribisch. Um ihre Quellen zu schützen, nutzte sie mehrere Telefone und Accounts und stellte in Chats »verschwindende Nachrichten« ein. Bevor sie auf Recherchen in die besetzten Gebiete fuhr, säuberte sie ihr Telefon, löschte Fotos und andere Informationen, die den Besatzungsbehörden verdächtig vorkommen könnten.

Chrystyna Kozira, die damalige Chefredakteurin des Onlinemediums Hromadske, bei dem Roshchyna mehrere Jahre arbeitete, lobt das Arbeitsethos der jungen Kollegin. Doch Roshchyna sei als Mitarbeiterin »nicht kontrollierbar« gewesen. Sie sei ohne Absprache mit ihren Vorgesetzten gereist, oft lange abgetaucht. »Sie wollte sich auf niemanden verlassen, sie vertraute niemandem«, sagt Kozira.
Wie gefährlich der Einsatz im von Russland kontrollierten Gebiet ist, erfährt die Reporterin schon früh. Im März 2022 wird sie bei einer Recherchereise in Berdjansk in der Region Saporischschja für mehrere Tage festgenommen. Sie habe auf dem Boden schlafen müssen, so beschreibt sie es später, und habe sich von ihrem Proviant und süßem Tee ernährt.

Vor ihrer Freilassung wird sie gezwungen, ein absurdes Video aufzunehmen, das man noch immer im Internet anschauen kann: In der Aufnahme steht Roshchyna in einem kargen Raum neben einer Zimmerpflanze und spricht in die Kamera, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie bedankt sich ausgerechnet beim russischen Militär. Das Video wird auf prorussischen Plattformen verbreitet – eine gezielte Demütigung.
Ihre damalige Chefin Kozira erzählt, man habe Roshchyna nach ihrer Rückkehr einen Psychologen besorgt, sich große Sorgen um sie gemacht. Doch die Reporterin sei entschlossen gewesen, ihre Arbeit fortzusetzen. Irgendwann wurde Kozira die Verantwortung zu groß. Sie trennte sich von der Journalistin. Roshchyna arbeitete als freie Reporterin, nun ganz auf eigene Faust.

Geboren und aufgewachsen ist Roshchyna in Krywyj Rih, der Industriestadt, aus der auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj stammt. Ihr Vater Wolodymyr Roshchyn lebt dort noch immer. Für ein Treffen mit einer ukrainischen Journalistin schlägt er ein Café in einem Einkaufszentrum vor, in dem er gern mit seiner Tochter gesessen und den Ausblick genossen hat. Inzwischen ist ein georgisches Restaurant eingezogen. Vom Fenster aus ist eine kleine Kirche mit blau gedecktem Dach zu sehen, dahinter rauscht der Fluss Saksahan durch die Landschaft. Am anderen Ufer erstrecken sich die weißen Wohnblöcke des Stadtteils Pokrowskyj fast bis zum Horizont.

Roshchyn erinnert sich, dass seine Tochter, die er Vika nennt, schon als Kind immer mit ihrer Kamera herumgelaufen sei und alles dokumentiert habe. Früh ist ihr klar, dass sie Journalistin werden will, sie dreht Videos für die Journalismus-AG ihrer Schule und arbeitet schon mit 21 Jahren für Hromadske, den Sender, der während der Revolution auf dem Maidan beliebt wurde. Vor der russischen Invasion schreibt Roshchyna vor allem über Verbrechen und Gerichtsurteile. Das Dunkle, Gefährliche interessiert sie – und Gerechtigkeit für die Opfer.

Viktoriia Roshchynas letzte Recherchereise endet offenbar jäh in der besetzten Kleinstadt Enerhodar. Dort soll sie eine Unterkunft gemietet, für drei Nächte im Voraus bezahlt und dann mit ihrem Rucksack losgezogen sein. Später, im Foltergefängnis von Taganrog, wird sie einer Zellennachbarin erzählen, dass sie einige Tage in einer Polizeistation in Enerhodar festgehalten wurde. Dann wurde sie wohl ins 100 Kilometer entfernte Melitopol gebracht.
An beiden Orten wird sie offenbar gefoltert. Als Roshchyna im Dezember 2023 in Taganrog ankommt, ist ihr Zustand wohl bereits schlecht. Die Zellengenossin berichtet, sie habe Schnittwunden an den Armen und Beinen der Journalistin gesehen. Ein Mann, der in der Zelle neben Roshchyna inhaftiert war, hört, dass sie das Essen verweigert und viel Gewicht verliert. Obwohl ihre Stimme schon schwach gewesen sei, sei sie die Wärter angegangen: »Ihr seid Besatzer, ihr seid in unser Land gekommen, ihr ermordet unsere Leute!«

Die Angehörigen der Journalistin erfahren von all dem nichts. Im August 2023 melden sie Viktoriia als vermisst. Roshchynas Vater stellt Anträge bei der russischen Regierung und fragt nach dem Verbleib seiner Tochter. Doch erst ein Dreivierteljahr später, im April 2024, teilen ihm die Behörden schriftlich mit, dass seine Tochter sich in russischer Gefangenschaft befindet. In dem Schreiben heißt es, Viktoriia sei auf »russischem Territorium« inhaftiert.

Vor einem Besuch von Vertretern der russischen Kommissarin für Menschenrechte im Gefängnis Taganrog soll sie Recherchen der Nichtregierungsorganisation Reporter ohne Grenzen zufolge versteckt worden sein. Eine gängige Methode, wenn man dem ukrainischen Geheimdienst glaubt: In anderen russischen Gefängnissen sei die Folter drei Wochen vor ähnlichen Kontrollbesuchen ausgesetzt worden, kurz vorher seien dann Hygieneartikel, neues Bettzeug und neue Kleidung ausgeteilt worden – verbunden mit der Drohung: Wer über Folter rede, bekomme diese danach umso härter zu spüren.
Ihre Eltern dürfen noch einmal mit Roshchyna sprechen, im August 2024, rund ein Jahr nach ihrer Festnahme. Das Gespräch dauert etwa vier Minuten und wird von einer ukrainischen Regierungsstelle organisiert. Tagelang habe er das Telefon nicht aus der Hand gegeben, so erzählt der Vater, weil unklar war, wann der Anruf kommen würde. Als es endlich klingelt, schießt er los: »Wo bist du? Wie geht es dir?«, fragt er sie, aber Viktoriia, so erzählt er es, antwortet nicht auf diese Fragen. Sie spricht Russisch, offenbar, weil jemand im Hintergrund zuhört. Sie vermisse ihre Familie, habe Roshchyna gesagt, und dass ihr versprochen worden sei, im September zu Hause zu sein. Der Vater ermahnt sie, anständig zu essen. Roshchyna verspricht es. »Tschüss Mama, Papa, ich habe euch lieb!«, sagt sie am Ende.

Laut der Anwältin der Familie war Roshchyna damals tatsächlich für einen Gefangenenaustausch im September vorgesehen. Es kommt anders.

Roshchynas Vater hört Ende Februar aus Russland. Die Ermittlungsbehörden von Taganrog teilen in einem Brief mit, dass mit Bezug auf den Tod von Viktoriia Roshchyna keine Informationen über ein Verbrechen vorliegen.

So sieht es in Putins Foltergefängnis aus

Ukrainische Kriegsgefangene, die lebend wieder heimkehrten, haben von Folter und Gewalt berichtet, die sie in der Hand der Russen erfahren haben. Doch Wladimir Putins Regime lässt auch ukrainische Zivilisten aus den besetzten Gebieten offenbar systematisch verschleppen und foltern.

Die russischen Behörden verfolgen vorwiegend jene ukrainischen Bürger und Bürgerinnen, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt stehen: Lokalpolitiker, Journalistinnen, Priester. Menschen, die Fragen stellen, Einfluss haben, Widerstand organisieren oder organisieren könnten – und die damit der vollständigen Unterwerfung unter das Besatzungsregime im Weg stehen könnten.

Bis zu 20.000 Zivilisten könnten Schätzungen zufolge in russischen Gefängnissen festgehalten werden. Ukrainische Behörden haben gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen 186 teilweise informelle Haftorte identifiziert, an denen ihre Staatsbürger festgehalten werden.

Inhaftierte Zivilisten sind dem System der russischen Gewalt teilweise noch hilfloser ausgesetzt als die Kriegsgefangenen. Für Soldaten in Gefangenschaft existiert zumindest ein völkerrechtlicher Rahmen: Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wird informiert, die Gegenseite über die Gefangennahme benachrichtigt. Russland und die Ukraine tauschen regelmäßig Gefangene aus.

Die Gefangennahme von Zivilisten ist im Völkerrecht hingegen gar nicht vorgesehen. Trotzdem hält Russland laut Experten unzählige ukrainische Zivilisten fest – oft monatelang ohne Anklage, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne jedes rechtsstaatliche Verfahren. Uno-Experten, die Hunderte Schreiben russischer Stellen an Angehörige ukrainischer Gefangener analysierten, kamen jüngst zu einem düsteren Fazit: »Die meisten enthielten keinerlei Informationen über das Schicksal oder den Aufenthaltsort der Verschwundenen.«

Zu den bekanntesten ukrainischen Opfern der Foltergefängnisse gehört die Journalistin Viktoriia Roshchyna. Die damals 26 Jahre alte Reporterin wollte über diese Orte der Gewalt berichten, wurde selbst nach Taganrog verschleppt – und hat die russische Gefangenschaft nicht überlebt. Ihr Leichnam wurde im Februar an die Ukraine übergeben: halb verwest, eingefroren und wieder aufgetaut, mit einer gebrochenen Rippe, Blutergüssen am Kopf sowie Spuren von Elektroschocks, so heißt es.
Was wissen wir über die Foltermethoden?
Der SPIEGEL konnte selbst 29 Gefängnisse identifizieren, für die es jeweils mindestens zwei voneinander unabhängige Belege für Folter gibt, meist Aussagen ehemaliger Gefangener. Sie berichten über Stromstöße, sexuelle Gewalt, Schläge und anderes. Allein die 29 Einrichtungen bieten nach offiziellen Angaben Platz für über 18.000 Menschen.

Insgesamt dokumentierte der SPIEGEL etwa 700 Fälle von Folter in russischen Gefängnissen: Inhaftierten wurde mit Holzhämmern auf Rippen, Beine und Arme geschlagen, sie wurden mit Elektroschocks an Zunge und Genitalien gequält oder mussten nackt bei Minusgraden in Metallkäfigen ausharren.

Insgesamt 17 unterschiedliche Arten von Folter und Misshandlung konnte der SPIEGEL dokumentieren, dazu gehören sowohl physische als auch psychische Arten der Gewalt. Allein in Taganrog sind es 16, knapp die Hälfte davon wird systematisch in den russischen Gefängnissen angewendet.

Die systematische Verschleppung ukrainischer Zivilistinnen und Zivilisten in Foltergefängnisse stellt ein mutmaßliches russisches Kriegsverbrechen dar. Russland verübt diese Verbrechen im rechtsfreien Raum der von ihm annektierten Gebiete in den ukrainischen Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson.

Kyjiws Behörden haben Zehntausende Fälle von Folter dokumentiert und sollen bereits 300 mutmaßliche Täter identifiziert haben. Auch im Fall Taganrog sind konkrete Namen bekannt: Alexander Alexandrowitsch Schtoda heißt der Direktor des Gefängnisses, seine Stellvertreter sind Andrej Michailitschenko und Alexej Scharapanjuk. Einzelne Wärter wurden ebenfalls identifiziert. Einer wurde »Wolf« genannt, ein anderer »Schamane«, ein dritter schlicht: »der Tod«.

Ukrainische Staatsanwälte haben wegen Folter bereits zahlreiche Verfahren eingeleitet, Ermittler tragen Beweise zusammen, vernehmen Zeugen, sammeln DNA-Proben und obduzieren Leichen. Auch das Bundeskriminalamt beschäftigt sich mit den russischen Foltergefängnissen. Die »Zentralstelle für die Bekämpfung von Kriegsverbrechen« ermittelt seit November 2024 in dieser Frage. Dazu haben die Ermittler mehr als zwei Dutzend Zeuginnen und Zeugen befragt. Weil Deutschland eines der wenigen Länder ist, das das Weltrechtsprinzip anwendet, können dort auch Verbrechen zur Anklage kommen, bei denen weder Täter noch Opfer einen Bezug zu Deutschland haben. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft setzt deshalb einige Hoffnung auf Berlin.

Diese Recherche ist Teil des »Viktoriia-Projekts«, initiiert und koordiniert von Forbidden Stories, einem gemeinnützigen Recherchenetzwerk mit Sitz in Paris. Die Organisation setzt die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten fort, die wegen ihrer Recherchen bedroht, inhaftiert oder getötet wurden. Nach dem Tod der ukrainischen Journalistin Viktoriia Roshchyna im September 2024 startete Forbidden Stories gemeinsam mit dem SPIEGEL, der ZEIT, dem ZDF und internationalen Partnern (The Guardian, The Washington Post, Le Monde, Tamedia, Der Standard, Important Stories, France 24, Ukrainska Pravda), eine mehrmonatige Recherche. Die Journalisten versuchten, Viktoriias Verschwinden und die Umstände ihres Todes aufzuklären, vor allem aber setzten sie das letzte Projekt der Reporterin fort und sammelten Informationen über die russischen Foltergefängnisse.