Gier und Wahn im Berformance-Universum
«Die dachten, sie könnten über Wasser gehen.»
– Ehemaliges Kadermitglied von Berformance über seine Chefs
Der Tag wollte nicht richtig losgehen. Eine graue Decke lag über Zürich. Ich dachte an die Anwälte von Berformance, die in ihren Büros mit den teuren Metallschränken sassen. Vermutlich setzten sie in diesem Moment eine Verleumdungsklage gegen mich auf.
Das Telefon leuchtete auf. «Die Bombe ist geplatzt», las ich.
Es war kurz vor 10 Uhr, der 11. Juni 2024. Die Nachricht kam von einem Informanten. Er nahm eine Sprachnachricht auf. «Volles Programm, rundherum Fahrzeuge, überall Polizei», sagte er hastig. «Die nehmen die Bude in Erfurt gerade auseinander. Ich nehme an, in der Schweiz ist das auch passiert.»
Erfurt, Landeshauptstadt des Freistaats Thüringen. Handelsstadt im Mittelalter mit Riegelhäusern und Steinbrücken, dann von der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Bau von himmelhohen Wohnaktenschränken modernisiert, damit auch das Wohnen bürokratisiert war. Erfurt erinnerte keineswegs an eine Gangsterstadt. Es ist eine Stadt der Bausparverträge und des Kornschnapses. Aber in Erfurt war es mit Berformance losgegangen. Und jetzt schien es dort auch zu Ende zu gehen.
Vier Stunden zuvor, um sechs Uhr früh, hatte die Sonderkommission Midas unter der Leitung des Thüringer Landeskriminalamts eine gross angelegte internationale Aktion gestartet. In Deutschland, der Schweiz, Österreich, Tschechien und Litauen durchsuchten 280 Polizistinnen zahlreiche Wohnungen und Büros. Sechs Topleute von Berformance wurden verhaftet, drei in Deutschland und drei in der Schweiz.
Die Behörden werfen ihnen «gewerbs- und bandenmässigen Betrug» vor. Die mutmasslichen Betrüger hätten vermeintliche Anlageprodukte im Zusammenhang mit Krypto-Währung vermarktet. Und zwar mit einer Rendite von 200 Prozent in drei Jahren. Das alles stand in einem der Hausdurchsuchungsbefehle der Polizei, den ich mir besorgen konnte.
«Schon bei wirtschaftlicher Betrachtung», steht im Durchsuchungsbefehl, mit dem die Beamten der Soko Midas vor den Türen der Verdächtigen und von potenziellen Zeugen aufgetaucht waren, «können Renditen in der beworbenen Höhe mit einer Verdreifachung des eingesetzten Kapitals binnen dreier Jahre realistischerweise nicht (…) erzielt werden. Tatsächlich wurde das beworbene Anlagekonzept nach Einnahme der Investition nie beziehungsweise nur in einem äusserst geringen Ausmass umgesetzt.»
Weiter heisst es: «In Kenntnis davon, dass die vermittelte Geldanlage tatsächlich nicht wie beworben existiert (…) vermittelten sie potentiellen Anlegern das (…) betrügerische Anlagemodell unmittelbar im Direktvertrieb, über soziale Netzwerke oder Marketing-Events sowie über zwischengeschaltete Vertriebspartner.»
Die Soko Midas ging von einem Schaden von 113 Millionen Euro aus. Wie viele Leute betroffen sind, konnte sie noch nicht sagen. Mit Sicherheit waren es Tausende – Handwerker, Kauffrauen, Kellner und ihre Mütter, Väter, Schwestern, Brüder, Tanten, Onkel –, die ihr Erspartes investierten, das sie in Jahren mühsamer Arbeit zurückgelegt hatten.
Die Ermittlungen laufen weiter. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
1. Dubai all-inclusive
Ein Jahr vor der Razzia, Juli 2023. Den sonderbaren Namen Berformance hörte ich zum ersten Mal, als das Unternehmen einen Sponsoringdeal mit dem FC Schaffhausen einging. Roland Klein, der damalige Präsident des Fussballvereins, sagte: «Wir freuen uns, einen dynamischen und zukunftsorientierten Partner an unserer Seite zu haben. Die Zusammenarbeit wird über den Namen und das Sponsoring hinausgehen.»
Das Stadion hiess ab sofort Berformance-Arena.
Die Website von Berformance wirkte wahllos zusammengestellt. Wie ein von Schülerinnen erstelltes Jahrbuch zum Schulabschluss. Überall Köpfe und Zitate von Menschen, die Grosses erwarten und zuversichtlich lächeln. Das «Wir», das sie beschworen, schien einen All-inclusive-Urlaub auf Lebzeiten in einem Resort in Dubai zu versprechen.
Irgendwie ging es dabei um die Krypto-Währung Bitcoin und Computertechnik. Aber womit Berformance Geld verdiente, konnte ich nirgends in Erfahrung bringen.
Ein neuartiger Schlag von Fachleuten bewarb Berformance auf Facebook und Instagram, genialisch bürgerliche Freigeister, und über allem befeuerten sie eine gewaltige Angst, zu spät zur grossen Bitcoin-Party zu erscheinen, wo alle stinkreich geworden sind.
Einer dieser Typen lud Bilder von sich in der neuen «Berformance VIP-Lounge» im Stadion des FC Schaffhausen hoch. Er teilte auch Fotos von blauen Himmeln mit weissen Kondensstreifen von Flugzeugen, in der Überzeugung, irgendjemand vergifte uns die ganze Zeit mit «diesen Scheiss-Chemtrails», also mit fein zerstäubten Chemikalien in der Luft. Er teilte auch Kalendersprüche wie «Wenn du eine bessere Rendite als die Masse haben willst, musst du anders handeln als die Masse». Oder: «Wir sind das Volk». Der Mann war früher Fussballtorwart gewesen. Er erinnerte mich an Oliver Kahn, den langjährigen Goalie von Bayern München, weshalb ich ihn hier den Titanen nenne. Ich wählte seine Nummer und sagte ihm, dass ich mich für Berformance interessiere.
«Wenn du Lust hast zu investieren», sagte der Titan sehr erfreut, «dann ist das ’ne super Sache.» Ohne dass ich gefragt hatte, fügte er hinzu: «Überhaupt kein Schneeballsystem.»
Vielleicht möchte ich investieren, antwortete ich ohne Überzeugung, und der Titan schlug ein Treffen vor, um mich davon zu überzeugen, endlich aufzuhören, arm zu sein.
2. Die Versprechungen des Titanen
An einem sehr heissen Abend im August 2023 trotteten chinesische Touristen einem Mann mit Fähnchen in der Hand hinterher durch die Schaffhauser Altstadt. Der Titan wartete in einem Restaurant am Rhein auf mich. Er gab mir einen Handschlag und bestellte ein alkoholfreies Weizenbier.
«Wenn du jetzt investierst», begann er, ohne dass er irgendetwas von mir hätte wissen wollen. Ich schaute auf die Uhr. Seit der Begrüssung waren vier Minuten vergangen. Er sagte, innert drei Jahren – er sagte: 36 Monaten – würde sich das investierte Geld verdreifachen. Sollte ich zum Beispiel 20’000 Franken investieren, würde mir ein festgelegter monatlicher Gewinn versprochen, ausbezahlt in Bitcoins. Nach drei Jahren hätte ich 60’000 beisammen.
Eine garantierte Rendite von 200 Prozent.
Der Titan wollte sich mit seinem Laptop im Berformance-Office einloggen, um mir einen vorgefertigten Vertrag zu zeigen. Aber die Internetverbindung funktionierte nicht.
Der Titan hatte kürzlich seinen Job als Autoverkäufer verloren und arbeitete jetzt gerade auf dem Bau. Zu Berformance war er durch seine Frau gekommen. Eine Bürokollegin hatte seine Frau von der Sache überzeugt. Seine Frau kündigte ihren Job und machte sich als Partnerin bei Berformance selbstständig. Sie liess sich die Pensionskasse auszahlen und investierte hunderttausend Franken in Berformance. Jeden Monat bekam sie eine festgelegte Rendite in Bitcoin ausbezahlt.
Ich sagte, das sei alles interessant. Aber was mir nicht in den Kopf gehe, sei die Tatsache, wie man so viel Geld verdienen könne.
«Hochleistungscomputer», erklärte der Titan. «Jetzt sind wir gerade in Norwegen. Dort bauen wir eine Anlage mit unserem Partner. Für 100 Millionen und mehr. Unterirdisch. Das wird mit Wasser gekühlt, nachhaltig.»
Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte.
Er sagte: «Die verkaufen die Leistung nachher weiter an die Filmbranche und die ganzen anderen Unternehmen.»
Die Filmbranche?
«‹Avatar› – alle Filme heute sind mit KI generiert, und die brauchen so viel Rechenkapazität. Das ist Wahnsinn.» Der Titan nahm einen Schluck Bier.
Mehr wusste er nicht über diese norwegische Anlage zu erzählen, diese Goldgrube, die anscheinend von niemandem ausgebeutet wird, ausser von ein paar schlauen Berformance-Leuten. Er wusste dafür einiges über den Aufbau von Berformance.
Wenn man weitere Leute anwarb, wie der Titan jetzt mich, und diese Leute Geld investierten, bekam man Provisionen, die nach einem mir unbegreiflichen System regelmässig ausbezahlt wurden. Der Titan verwendete Begriffe wie «unter mir» oder «über mir». Es gab offenbar ein pyramidenmässig aufgebautes Schema. Das Geld schien vom breiten Fundament nach oben in die Spitze zu fliessen.
«Die Chantal, die über uns ist, ist jetzt so gross, sie ist ausgewandert nach Mexiko», sagte der Titan. Chantal heisst in Wahrheit anders. «Die hat vielleicht fünfzehn Leute unter sich. Und die haben auch schon Leute unter sich. Sie arbeitet komplett von Mexiko aus. Sie macht alles nur noch über Computer. Sie hat jetzt zwischen sieben- und achttausend im Monat.»
Ich nickte beeindruckt.
«Weisst du, was geil ist?», fragte er. «Wenn du dir das aufbaust, hast du ja das Team, das für dich arbeitet.»
Wir müssten nichts überstürzen, sagte der Titan zum Abschied. Er lud mich in die VIP-Lounge von Berformance im Stadion des FC Schaffhausen ein, um etwas zu essen und zu trinken, ein Spiel zu schauen und die Details des Vertrags zu besprechen.
3. Die Nummer eins
Die Sicherheit der Website von Berformance war verblüffend schlecht für eine Firma, die behauptete, Geld mit neuster Computertechnik zu verdienen. Wenn man bei der Adressleiste im Browser ein paar Zahlen veränderte, kam man in die Personaldatenbank der Firma.
Als Nummer eins war ein Mann namens Andreas Baese eingetragen. Mit ihm begann vor fünf Jahren alles.
Im Erfurter Ortsteil Stotternheim nahmen DDR-Punks früher Kirchen bei Underground-Konzerten auseinander. Aber das Einzige, was hier noch abgeht, ist die Fahrzeugflotte beim riesigen Warenhaus von Amazon. In einem unscheinbaren weissen Neubau quartierte sich 2019 Andreas Baese ein. Er nannte es «House of Bitcoin».
Mit seinem weissen Audi-Cabriolet mit gross aufgedrucktem Berformance-Logo fuhr er zur Stotternheimer Zentrale, um Vorträge über den Bitcoin-Boom zu halten, über Blockchain, über den Niedergang des alten Bankensystems und über die Chance, die er normalen Leuten bieten wolle, auch etwas vom Kuchen abzubekommen.
Das war das zentrale Versprechen der Blockchain als öffentliche, dezentrale Datenbank: Du musst den Banken nicht mehr trauen. Du musst der Wall Street nicht mehr trauen. Du musst gar keiner Institution mehr trauen. Wir als Masse von Kleinanlegerinnen können mit der Blockchain-Technologie die alte Finanzwelt überwinden.
Baese benutzte oft das Wort «Demokratisierung». Er sagte: «Bei Berformance bist du Teil einer Gruppe von Menschen, die sich dazu entschieden haben, ihr Leben selbst zu bestimmen.»
Wenn man sich seine Erklärvideos über Kryptos und Blockchain anschaut, lernt man einen Mann Ende vierzig kennen, der massgeschneiderte Anzüge und Manschettenknöpfe trägt, in der Brusttasche ein Einstecktuch mit Bitcoin-Logo. Baese tritt als visionärer Verkäufertyp auf, und obschon er geschliffene Sätze im Akkord produziert, erfährt man wenig über ihn. Fast niemand, auch keiner, der jahrelang unter ihm gearbeitet hat, kennt ihn wirklich.
In einer Folge seines Podcasts erzählte er, er habe eine Lehre als Zimmermann gemacht und sei dann zur Bundeswehr gegangen, wo er acht Jahre geblieben sei und Einsätze im Ausland geleistet habe.
Einmal habe er Lebensversicherungen verkauft. Ein anderes Mal überzeugte er Leute, zum Billigstromanbieter Teldafax zu wechseln, mit Fussballikone Rudi Völler als Werbegesicht. Bei Teldafax musste man die Rechnung ein Jahr im Voraus bezahlen. Die Firma ging nach vier Jahren pleite, und Tausende Kunden verloren ihr Geld.
Schliesslich, sagte Baese weiter, sei er von einem Arbeitskollegen überredet worden, Bitcoins zu kaufen. Der Kurs stieg. Das habe ihn überzeugt, «sein Leben in andere Bahnen zu lenken».
Was Baese jedoch nicht so genau erklärte, war die Tatsache, dass er Geschäftsführer von Blue Pegasus gewesen war, einem Unternehmen, das mit günstigen Autos lockte. Dafür musste man eine Kaution von 15’000 Euro zahlen. Blue Pegasus versprach, die Kaution gewinnbringend anzulegen, mit den Erträgen aus der Kaution sollten neue Autos bezahlt werden. Die meisten Autos wurden nie geliefert.
Laut einem Gericht in Klagenfurt, Österreich, betrog Blue Pegasus Kundinnen um 2,2 Millionen Euro. Der Staatsanwalt kritisierte «die besondere Rücksichtslosigkeit der Geschäftemacherei um jeden Preis». Drei Vertreter der Firma wurden 2011 wegen «gewerbsmässigen schweren Betrugs» verurteilt. Die Namen der Verurteilten sind nicht öffentlich bekannt.
4. Bargeldberge im Tresor
Für einige Zeit verkaufte Baese in der Folge Spielzeugautos in Erfurt. Dann wechselte er zu einem Unternehmen namens Bitclub, 2014 in den USA gegründet, und an diesem Geschäft war überhaupt gar nichts mehr real. Real war nur der allgemeine Krypto-Trip, auf dem die Welt war. 2017 wurden weltweit ungefähr 4,6 Milliarden Dollar in Krypto-Start-ups investiert. 78 Prozent dieser Gründungen stellten sich laut einer Studie als Scams heraus.
Bitclub war mutmasslich eines der grössten Krypto-Betrugssysteme überhaupt. Den Investoren wurde versprochen, das Geld in Rechnern anzulegen. Diese Rechner würden Krypto-Währungen schürfen, behaupteten die Betreiber. Innert tausend Tagen würde sich das investierte Geld verdoppeln. Und es gäbe mehr Geld, wenn man selber weitere Investorinnen anwarb, und noch mehr Geld, wenn diese wiederum Investoren anwarben. Ein gigantisches Pyramidensystem entstand, das so organisiert war, dass immer mehr Leute unten riesige Geldmengen anhäuften, die die wenigen Leute oben abschöpften.
Sechs Köpfe von Bitclub wurden 2019 verhaftet. Das Geschäft brach zusammen. Die US-amerikanische Staatsanwaltschaft erhob Anklage. Den Verantwortlichen wird vorgeworfen, Tausende in die Irre geführt zu haben. Den Investoren seien Rechner vorgetäuscht worden, die es nie gab. Bitclub soll so 722 Millionen US-Dollar eingesammelt haben. Ein Beteiligter hat inzwischen ein Geständnis abgelegt. Ein Gerichtsurteil gegen die übrigen Beschuldigten steht noch aus.
«Hat nicht immer funktioniert», sagte Baese in seinem Podcast über diese Zeit, ohne den Namen Bitclub zu nennen. Über die Verhaftungen und die Tausenden, die viel Geld verloren hatten, sprach er wie über ein übliches Verkaufsgeschäft. Er sagte: «Wir sind aktuell in der Rückabwicklung durch die Behörden.»
Kurz bevor die ersten Bitclub-Köpfe in Untersuchungshaft wanderten, baute Baese sein eigenes Geschäft auf. Er nannte es Berformance, und das in Orange und Grau gehaltene Logo glich dem Bitclub-Logo in Farbe und Schriftart.
In der Zentrale in Erfurt-Stotternheim nahmen Baeses neuste Versprechungen ihren Anfang. Ein Werbespruch ging so: «Finanzielle Sicherheit auf Autopilot».
Einer der Ersten, die davon hörten, war David, ein Informatiker Mitte dreissig, der in Wirklichkeit anders heisst. «Baese hatte etwas sehr Einnehmendes», sagte David, als ich ihn anrief. «Er hat das Gefühl beschworen, wir seien eine Familie.»
Baese überzeugte David im Jahr 2019 von seiner Idee, Geld in Automaten zu investieren, die Krypto-Währungen gegen Geld tauschten. Diese Krypto-Automaten wollte Baese vermieten und damit Profit machen. Das investierte Geld würde sich innert dreier Jahre verdreifachen. 200 Prozent Rendite. Zwei solcher Automaten standen im House of Bitcoin. Alle konnten sie anfassen.
Am Anfang akzeptierte Baese nur Bargeld von den Investoren. Die Leute brachten ihm Zehntausende Euro nach Stotternheim. Sie unterzeichneten einen Vertrag, der ihnen einen monatlich ausbezahlten Gewinn in Bitcoin garantierte. Baese steckte das Geld in einen Tresor. Am Abend packte er es ein und brauste in seinem weissen Cabrio davon.
David kannte das Ausmass des Krypto-Hypes, und der liess ihn an die Rendite solcher Automaten glauben. Er fing an, weitere Leute von diesem Geschäft zu überzeugen. Im Glauben, ihnen Gutes zu tun, warb er fünfzig bis sechzig Kundinnen an. David wurde einer der Topmänner der Firma. Bis Ende 2023 sammelte er laut eigenen Angaben eine Million Euro ein.
«Das versprochene Geld kam jeden Monat», sagte David. Er war vor einigen Monaten ausgestiegen, und man merkte, dass es ihn quälte, über diese Zeit zu reden. «Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk. So ging der Slogan. So sagten es immer alle. Wissen Sie, wenn Sie jahrelang ausbezahlt werden, und die Krypto-Kurse immer steigen – wären Sie unglücklich gewesen?»
5. VIP in der Krypto-Lounge
Das Stadion des FC Schaffhausen steht im Industrieviertel Herblingen einige Kilometer ausserhalb der Stadt und ist ein massiger Betonbau mit dem Charme eines Untersuchungsgefängnisses. An einem warmen Septemberabend 2023, an dem der FCS gegen den FC Sion spielte, hatte ich meinen blauen Anzug entstaubt und war mit dem Zug zur Berformance-Arena gefahren. Der Titan wartete am Eingang. Als er mich erkannte, winkte er.
In den Wochen zuvor hatte ich ein paar Checks zu Berformance gemacht, und sie waren praktisch alle negativ ausgefallen. Hochleistungscomputer in Norwegen, Rechen- und Speicherkapazität für datenverschlingende Branchen, KI-Animationen für «Avatar». Alles, was ich darüber in Erfahrung brachte, war, dass Berformance erst seit kurzem angab, in diese Technik zu investieren.
Die versprochenen Traumrenditen blieben zwar dieselben wie früher. Aber der Auftritt der Firma veränderte sich grundlegend. Niemand redete mehr von Krypto-Automaten. Es gab ein neues Logo mit neuen Farben. Der Name des Berformance-Gründers Andreas Baese verschwand von der Website (was mehrere Quellen als rein symbolisch einstuften, weil Baese nach wie vor sehr präsent gewesen sei).
Als ich auf den Titanen zuging, dachte ich, dass das alles keinen Sinn ergab: weder dass Berformance mit Investitionen in Krypto-Automaten eine Traumrendite versprach, noch dass ein ganz neues Geschäftsmodell die exakt gleiche Traumrendite erwirtschaften soll.
Sinn ergab hingegen die Expansion in die Schweiz. Ins Kapitalanlageparadies, ins reichste Land der Welt.
Der Titan war sehr gut gelaunt. Er lobte meinen Anzug. Er stieg eine Treppe hoch, dann eilte er einen fensterlosen Gang hinunter. Alles war in Betongrau gehalten, auch der Raum, der mit «Berformance VIP» beschriftet war. Die Einrichtung bestand aus einem blauen Samtsofa, einer Kapselkaffeemaschine, einem Fernseher und einem Kühlschrank mit Bier, Wein und Softdrinks. Ein paar Leute sassen an einem langen Tisch mit weissem Tischtuch. Durch eine grosse Fensterfront sah man aufs Spielfeld.
Der Titan stellte seine Frau vor, die den Berformance-Schriftzug auf ihr Auto drucken lassen wollte. Offensichtlich sah sie in mir eine Menge ungenutztes Potenzial. Wenn ich über ihren Mann investieren würde, erklärte sie, würde ich unter ihr laufen, denn ihr Mann laufe ja schon unter ihr. «Wenn du drei Leute hast, die investieren, dann läufts», erklärte sie weiter. «Ich habe noch nie, auf Deutsch gesagt, ein so geiles System gesehen wie dieses hier.»
Das Ergebnis dieses Systems schien ziemlich klar – das Geld floss von unten nach oben.
Als ich fragte, wie dieses System genau funktioniere, sahen die anderen im Raum von ihrer Suppe auf. Sie breiteten Details aus, um zu beweisen, dass sie sich auskannten, bis jemand anderes neue Details einbrachte. Die Diskussion entwickelte sich zu einem laufenden Übertrumpfen. Nach einer Weile einigten sie sich darauf, dass Berformance wie eine Familie sei. Neid gebe es in dieser Familie überhaupt nicht.
6. Der Baron von Liechtenstein-Kastelkorn
«Berformance braucht uns nicht», sagte ein kahlköpfiger Mann mit Henriquatre-Bart in breitem Thurgauer Dialekt. Er zeigte eine Visitenkarte, auf der stand: Dr. H. C. Baron von Liechtenstein-Kastelkorn. Sein bürgerlicher Name klang etwas gewöhnlich, und wie ich später feststellen musste, kann man in eigenartigen Online-Shops alle möglichen Adelstitel dieser Welt für ein paar Franken kaufen.
Wenn der Baron redete, hörten die anderen zu. Er wusste auf alle Fragen eine Antwort. Er dozierte weiter: «Berformance könnte das alles mit Grossinvestoren machen. Aber das Risiko ist ja, wenn du Grossinvestoren hast, wenn dir einer oder zwei abspringen, hast du ein Problem. Sie wollen das nicht. Sie wollen den Kleinen eine Chance geben, auch Geld zu verdienen. Sie brauchen uns nur als Rad, damit wir diesen Namen nach aussen tragen.» Der Baron war immer lauter geworden. Die Fans im Stadion hauten auf ihre Trommeln und zündeten Knallpetarden, und wir mussten uns anbrüllen.
«Hast du schon mal Lamborghini Werbung machen sehen?», rief der Baron. Er rückte mit seinem Gesicht bis auf ein paar Zentimeter an mein Ohr. «Nada! Die haben das nicht nötig!»
Die Kellnerin brachte den Hauptgang. Pouletgeschnetzeltes an Pilzrahmsauce, Bohnen im Speckmantel, Nudeln. Die Spieler des FC Schaffhausen rannten dem Ball hinterher. Der Titan leerte den Teller in Höchstgeschwindigkeit. Der Baron rührte sein Essen kaum an. Er redete ununterbrochen. Nicht alles konnte ich verstehen. Es ging auf jeden Fall darum, dass er vor bald fünf Jahren noch im Spital gelegen war nach einer Operation. Im Bett schaute er sich ein virtuelles Seminar von Berformance an – Auftritt Andreas Baese –, was ihm gefallen habe, weil es nichts mit Asien sei, mit Asien habe er einmal in die Scheisse gegriffen.
«Weisst du, die schönste Freude ist die Schadenfreude», sagte der Baron. «Früher lachten meine Kollegen über mich. Heute lache ich.»
Er habe jetzt ungefähr fünfzig Leute unter sich. Alles in allem habe er 9 Millionen Euro an Investitionen sammeln können. Im letzten Monat habe er 15’000 verdient, im vorletzten 24’000, und im Monat davor seien es 18’000 gewesen. Auf ein Jahr hochgerechnet, ergab das Einnahmen von 228’000. Ich nahm an, dass er von Franken sprach.
Der Baron von Liechtenstein-Kastelkorn war, so viel stand fest, einer der besten Verkäufer modernster Technologie, die Berformance zu bieten hatte. Der Titan hingegen, der sich gerade mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Bau und in der Gastronomie durchschlug, befand sich ganz unten. Ebenso wie seine Frau, die ihren Bürojob gekündigt hatte. Gemeinsam war ihnen einzig, dass sie in ihrem Leben noch nie irgendetwas mit Computern oder Krypto-Währungen zu tun gehabt hatten.
Hungrig von seinen Erzählungen, machte sich der Baron über das erkaltete Essen her. Die Frau des Titanen schob ihren Teller beiseite. «2025 geht der Bitcoin hoch», sagte sie. «Und zwar richtig. Also sie sagens.»
Wer sagt das?
«Sagen wir: die, die sich extrem damit befassen … Mit Bitcoin und der Weltwirtschaft und den obersten Zehntausend, die eigentlich die ganze Welt steuern mit ihrer Macht. Das hängt ja alles zusammen.» Ich nickte verständnisvoll.
Langsam dämmerte mir, dass es hier nicht darum ging, neue Technologien zu begreifen oder Geschäftsmodelle. Es ging darum, die Geschichten, die die Leute im Berformance-Universum zu hören bekamen, möglichst oft und umfassend weiterzuerzählen.
Die Frau des Titanen fuhr fort: «Man weiss, dass der sogenannte bull run kommen wird. Bitcoin macht ja immer so und so.» Sie bewegte ihre Hand auf und ab.
«Und der wird wieder steigen, und zwar richtig, weil die obersten, mächtigsten Menschen auch …» Sie hielt inne. «Wies genau funktioniert, weiss ich nicht. Aber die werden auf Bitcoin umstellen. Weil sie einfach alles bestimmen … Die vorsichtigen Schätzungen gehen davon aus, dass der Bitcoin auf 120’000 Euro kommt. Die Mutigen sagen: 250’000.»
Der Bitcoin-Kurs lag damals bei 24’100 Franken. Aber da es anscheinend nur eine Frage der Zeit war, bis alle reich waren, leerten wir den Biervorrat im Kühlschrank. Es fing an zu regnen. Erst waren es dünne Fäden, die vom Himmel hinabschossen, dann richtig grosse Kugeln. Die nassen Trikots klebten an den Körpern der Fussballer, die sich vergeblich abmühten, ein Spektakel in der Berformance-Arena zu bieten. Gierig warteten wir, dass der Kühlschrank aufgefüllt würde.
7. Das Geständnis von Nummer acht
An einem Sonntag rief mich ein Mann an, der früher als Nummer acht bei Berformance gelistet war. Von Anfang an dabei. Innerer Kreis. Er sass gerade im Auto. Von Zeit zu Zeit hörte man sein Kind kichern und seine Frau Anweisungen geben.
Nummer acht erzählte, dass er Ingenieur sei und früh in Krypto-Währungen investiert habe. Durch einen guten Freund sei er zu Berformance gekommen. Er begann selbst, Freunde davon zu überzeugen. Nach den Fotos zu urteilen, die er online stellte, hatte er in den letzten Jahren nicht schlecht verdient. Er zeigte seine Rolex Daytona, die man kaum für unter zehntausend bekam, und trank aus einer 330-Franken-Champagnerflasche. In der Einfahrt vor seinem Haus standen ein Aston Martin Vantage und ein Porsche Cayenne. Der Aston hat nur zwei Sitze. Ich nahm an, dass Nummer acht und seine Familie gerade im Cayenne sassen.
«Am Anfang», sagte er, «gabs zwei Krypto-Automaten im House of Bitcoin in Erfurt. Und ein paar dieser POS-Geräte, Kartenzahlgeräte für Kryptos. Die kamen von der Firma Walledo. Da haben sie das Walledo-Logo abgeklebt und einen Berformance-Sticker drüber. Die haben gesagt, die Geräte seien extra für Berformance gebaut worden. Als wir mehr Automaten sehen wollten, gab es immer wieder neue Ausreden. Wir haben sie nie gesehen. Anfang 2024 habe ich dann Andreas Baese direkt auf die Automaten angesprochen. Ich fragte, wo sich die Geräte befänden. Daraufhin sagte er, dass die nicht existierten. Ich fragte: ‹Warum macht ihr so was?› Dann sagte er: ‹Irgendetwas müssen wir ja in die Verträge schreiben, um den Kunden zu suggerieren, es sei etwas da.› Ich war erst einmal baff. Und ab da war für mich Schluss.»
Er stieg aus.
«Ich war mal mit Andreas Baese in Warnemünde am Strand gesessen», sagte Nummer acht. «Nach aussen hin wirkt er so, als sei er extrem um seine Mitmenschen bemüht. Am Strand sagte ich ihm: Für mich sei ganz wichtig, dass bei Berformance keine Leute auf der Strecke blieben. Da meinte er, er könne fürs System Berformance garantieren, weil er das zu 100 Prozent in seiner Hand habe. Das Perfide ist: Die haben wissentlich in Kauf genommen, dass Leute ihr Geld aus der Pensionskasse oder der Lebensversicherung investierten.»
«Wissen Sie, wohin das Geld geflossen ist?», fragte ich.
«Nein», antwortete Nummer acht. Er klang nicht wütend, eher niedergeschlagen. Bevor er sich verabschiedete, sagte er: «Ich weiss, dass Baese in der Wallet auf seinem Handy immer Bitcoins im Wert von 100’000 bis 150’000 Euro bei sich trug. Er sagte mir auch einmal, dass er einige versteckte Wallets besitze, die nicht mal seine Frau kenne.»
8. Nur der Christian weiss das
Die Dämmerung legte sich über das Betonstadion, aber die Flutlichtscheinwerfer tauchten jede Ecke in hartes, zeitloses Licht. Die Fingerabdrücke auf der Fensterfront der VIP-Loge schimmerten matt. Der Baron zog sein Telefon aus der Tasche. Er benutzte einen Spezialstift, um den Touchscreen zu bedienen. Die Lesebrille sass weit vorn auf seiner Nase.
«Jetzt gehn wir mal in mein Office», sagte er und loggte sich auf der Berformance-Seite ein. Er rief ein Dokument auf. Sah aus wie ein mit Excel erstellter Vertrag. «Das ist eine Kundin, die investiert hat. Einen Hunderttausender. Bei ihr stehts jetzt ganz klar drin. Norwegen. Betreiber: folgt. Sie sagen dir nicht genau, wer wo ist.»
Es stand überhaupt nichts ganz klar drin. Keine Adresse, kein Name einer Anlage, einer Firma oder eines Betreibers, nicht mal genau, welche Technik gemeint war. Nur ein Land – Norwegen, das fast zehnmal so gross ist wie die Schweiz.
«Wenn ich irgendwo Geld investiere», sagte ich, «will ich wissen, wo. Ich will wissen, ob der Betreiber vertrauenswürdig ist.»
«Das geben sie nicht bekannt», sagte der Baron. «Sonst würde es ja jeder machen.»
«Das Wichtigste ist Vertrauen», sagte die Frau des Titanen. «Einfach mal investieren und Vertrauen aufbauen.»
«Man muss nicht alles verstehen. Es ist, wie wenn ich ein neues Auto kaufe», sagte der Baron. «Beim Motor muss ich nicht drauskommen. Mich interessiert nur, ob es läuft und ob der Preis stimmt.»
Der Titan meldete sich: «Die Anlage in Norwegen: Da weiss keiner, wo die ist.»
«Da kommst du nicht einfach so rein. Die ist schwer bewacht», sagte der Baron. «Nur der Christian weiss, wo die ist.»
Damit meinte der Baron Christian Lux, der Berformance zusammen mit Andreas Baese gegründet hatte. Er war das Gesicht des Unternehmens, ein Typ, der auf allen Fotos siegessicher lächelte.
Über Christian Lux hatte ich noch weniger gesicherte Informationen gefunden als über Baese. Ich wusste nur, dass er gleich alt war wie Baese, 1976 geboren, aufgewachsen in Potsdam, Ruderer in der Jugend, und dass er behauptete, als Scharfschütze bei einer Eliteeinheit der Bundeswehr gedient zu haben.
Er behauptete ausserdem in einem Interview, dass er im Vertrieb für eine Immobilienfirma gearbeitet habe, wo er vierhundert Kunden betreut habe. Es klang so, als ob er die Leute von einer Investition in Immobilien überzeugt hätte und dafür eine Provision erhalten hatte. Die Firma sei pleitegegangen, sagte er, aber den Kundenstamm habe er behalten. Seinen Social-Media-Profilen nach zu urteilen, mochte er inspirierende Gedanken wie «Alle wollen essen – doch nur wenige sind auch bereit zu jagen». Daneben interessierte er sich für Accounts von leicht bekleideten, jungen Frauen. Manche davon waren Scheinprofile, die den Leuten irgendetwas unterjubeln wollten, und wenn es nur ein guter alter Trojaner-Virus war.
9. Wirklich ein Milliardenkonzern
Was das System Berformance wohl über fünf Jahre am Laufen hielt, waren nicht unbedingt die schönen Bilder von unfassbar leistungsstarken Computern. Es waren nicht die vielen Gruppenfotos von Menschen, die unfassbar glücklich wirkten, und auch nicht der Bitcoin-Kurs, der unfassbar steil nach oben ging. Was das System am Laufen hielt, waren die Geschichten und Versprechen, die die Leute jede Woche in virtuellen Seminaren zu hören bekamen. Die Geschichten und Versprechen waren so exklusiv, dass man sie auf keinen Fall verpassen durfte. Es sei denn, man wollte für immer arm bleiben.
Jemand hatte eines dieser Seminare aufgezeichnet, was die Veranstalter, aus welchem Grund auch immer, eigentlich verboten hatten.
In der Aufzeichnung bewiesen als Erstes ein paar Grafiken, dass es mit unseren Renten den Bach hinunterging. Dann redete Christian Lux von der staatlichen Rentenlösung, die keine Lösung sein könne, er redete von Krieg, vom System Hoffnung, das schwinde, und von den Möglichkeiten, die solche Schwierigkeiten den Schlauen böten, und die Schlauen, das war klar, waren er und seine Freunde von Berformance.
«Es ist ja gut, dass es solche Menschen wie uns gibt», sagte Lux. So redete er immer. Getrieben von der Bürde eines Visionärs, der höchstpersönlich für unser Glück verantwortlich war.
Als Bildschirmhintergrund hatte Lux ein lichtdurchflutetes Büro gewählt, das nach New York oder Singapur passen könnte. Er behauptete, er sitze in der Schweiz. Nach einer Weile wandte er sich dem neuen Geschäftsmodell zu.
Hochleistungscomputer. Norwegen.
Er nahm Anlauf, um die ungefähr hundert Vertriebsleute, die das Seminar verfolgten, zu weiteren grossartigen Verkaufsrunden anzutreiben.
«Wir suchen nicht denjenigen [Investor], der die Technik versteht», sagte Lux. «Es geht tatsächlich und ausschliesslich darum, abzufragen beim Kunden, ob er uns generell zustimmt, dass Speicherplatz und Rechenkapazität benötigt wird.»
Er blickte gereizt in die Kamera. Dann tat er so, als rede er mit einem potenziellen Investor, um den Anwesenden klarzumachen, wie man ein Verkaufsgespräch richtig zu führen hat.
«Es besteht die Möglichkeit», sagte er, «dass du schon nach relativ kurzer Zeit all dein Geld und das Doppelte wieder zurückhast … Klingt das generell interessant für dich? Seriöses Unternehmen, viele Jahre am Markt, Riesenlegende in der Vergangenheit – es gibt real Videos, Fotos und so weiter.»
Lux kniff die Augen zusammen. «Jeder von euch, der es anders sagt, lügt … Was interessiert mich der Kunde von gestern. Mich interessiert der Kunde von morgen.»
Er blickte streng in die Kamera. «Jetzt bitte ich euch noch einmal alle, in euch zu gehen. Die Versicherungs- und Finanzberaterin, die in der Vergangenheit bei dir oder deinen Eltern auf der Couch sass: Was hat die denn verkauft? Die kam mit ’nem Fonds» – Lux sprach das Wort «Fong» aus – «Was war in diesem Investmentfonds drin? Habt ihrs jemals verstanden?»
Er redete nun richtig schnell. Offensichtlich hatte sich eine Wut in ihm angestaut.
«Seid ihr dahin gefahren, wo die Ölfelder sind? Wo die Palmen stehen? Wo Baumwolle gepflückt wird? Wo irgendwelche Gase aus der Erde gemacht werden? Wo mit irgendwelchen Schaufeln Kinder Schwefel aus der Erde holen? Seid ihr oder eure Eltern hingefahren, habt ihr das Businessmodell verstanden? Oder …» – Lux brüllte nun fast in die Kamera – «wars relativ egal, und der einzige Antrieb war: Geld sichern oder Geld vermehren?»
Er schien ehrlich gekränkt zu sein, dass es jemand gewagt hatte, seine Genialität infrage zu stellen. Dann sagte er: «Ende, aus, eximus.»
Später wurde ein Mann namens Mr. Bleach zugeschaltet, der eigentlich einen ganz gewöhnlichen deutschen Namen trägt. Sein Gesicht war sehr gebräunt, und seine Zähne waren sehr weiss. Es hiess, er befinde sich irgendwo in den USA und katapultiere den Berformance-Vertrieb in neue Sphären.
«Ich glaube, dass dieses Konzept wirklich einen Milliardenkonzern entstehen lassen kann», sagte Mr. Bleach. Er hatte die Aura eines Jahrmarkttypen, der mit Mikrofon an der Wange aus einer Gemüseraffel die nächste Weltsensation macht. «Ich glaube, dass jeder sich glücklich schätzen darf, heute dabei zu sein. Sag noch was Schönes, Christian.»
Lux antwortete: «Ich finde das bemerkenswert, dass du eben beiläufig erwähnt hast, es könne ein Milliardenkonzern werden, was wir seit Jahren in unserem Kopf haben … Was war dein grösstes Team, das du gecoacht hast?»
«Definitiv über vierzigtausend Leute, und ich hab auf Sprachen gecoacht, die ich gar nicht sprach. Mit Händen und Füssen die Leute trainiert, auf Kontinenten, so viele es eben gibt.»
«Glaubst du, dass wir nochmals vierzigtausend Leute begeistern können, in der Berformance-World dabei zu sein?», fragte Lux.
«Ich sags mal unter uns», sagte Mr. Bleach und lächelte. «Wir sind ja hier eine kleine Familie: Ich möchte eine Null dazugeben.»
Vierhunderttausend Berformer – das war eine Vision, die Christian Lux’ Genialität entsprach. Endlich verstand ihn jemand.
Lux, nun entspannt, richtete sich wieder direkt an die Anwesenden. «Wir wollen euch mitnehmen auf die Reise», sagte er. Die nächsten vier Monate seien entscheidend. «Und wir dürfen versprechen: Für die top-einhundert, die dann auf dieser Liste sind, für die geht die Reise noch komfortabler weiter als für die anderen … Also, unser Versprechen ist: Es gibt etwas Grossartiges, bring dich am besten in die Poleposition mit Volumen an eigenen Umsätzen. Dann wird dich Berformance für den Rest deines Lebens belohnen.»
«Darf ich noch einen Punkt ergänzen, lieber Christian?», sagte Mr. Bleach. «Wir haben hier jeden Monat ’ne Zwischenwertung. Eine Punktewertung, wie ihr das vom Radfahren kennt. Ich sage mal: Freunde, bitte Vollgas.»
«Also», sagte Lux, «schlafen, Urlaub – ist sicherlich machbar. Allerdings nicht für jeden und vor allem nicht, wenn man richtig fett dabei sein möchte.»
10. Hinterfrage nichts
Ein Mann schob einen kleinen Wagen mit Bier in die VIP-Loge der Berformance-Arena und füllte den Kühlschrank auf. Die Berformer applaudierten. Später brachte die Kellnerin Zitronenmousse zum Dessert. Die Stadionsprecherin bedankte sich beim Hauptsponsor Berformance. Der Baron sagte, eine Investition sei absolut sicher, weil vom Gesetz her abgesichert. Er sagte nicht, welches Gesetz er meinte, aber die Leute am Tisch nickten.
Die Frau des Titanen schaute mich für einen kurzen Moment eindringlich an. Offensichtlich passte ihr nicht, dass ich mein Potenzial ungenutzt liegen liess und noch keinen Rappen investiert hatte. Beim Gedanken an meinen Kontostand juckte es mich unter der Haardecke. Sie sagte, die Verdreifachung meines Kapitals sei nicht mehr lange möglich. Bald gebe es ein neues Paket mit geringerer Rendite.
«Die Zeit läuft ab», sagte sie.
«So ist es», bestätigte der Baron und hängte eine umständliche Begründung an, die etwas mit langsamen Banken, Rechtsanwälten und einem Dubai-Paket zu tun hatte, aber das Dubai-Paket gebe es wegen neuer Steuergesetze doch nicht, und so bleibe alles beim Alten, also in der Schweiz, was dazu führe, dass man das Paket wieder umschreiben müsse.
«Von Arabisch auf Deutsch», sagte ich, ohne zu verstehen, was das Problem war. Wahrscheinlich gab es kein Problem. «Genau», sagte der Baron. «Jetzt liegt es an den Banken, vorwärtszumachen. Berformance ist schon lange parat.»
An solche Aussagen war ich inzwischen gewöhnt. Die Zeit drängt. Der Fehler liegt bei den anderen. Berformance über alles. Hinterfrage nichts.
Damit endet Teil 1 des nominierten Artikels. Teil 2 ist nicht mehr online. Gegen Christian Lux und drei Mitangeklagte wurde am 30. Juli 2025 der Strafprozess am Landgericht Erfurt (Deutschland) eröffnet. Ob es zu Strafprozessen gegen weitere Beteiligte kommt, wird sich zeigen.