«Ich habe sie gelobt, weil sie so einen guten Arsch hatte»
Ein Mann springt auf eine Bühne, spritzt Champagner auf die Partygäste und filmt sich dabei mit dem Smartphone. Er nimmt auf, wie Frauen tanzen, während Männer mit Sonnenbrillen um sie herumstehen und mit dem Kopf im Takt wippen. Dann filmt er die Ausschnitte, die wackelnden Hintern.
Der Mann, der diese Bilder später im Internet verbreitet, ist ein heute dreissigjähriger Zürcher. Wie er wirklich heisst, weiss kaum jemand. In der Mode- und Partyszene kennen ihn alle nur unter seinem Pseudonym: Travis the Creator.
Travis stammt aus Ghana und wuchs ab sieben Jahren in der Schweiz auf. Er ist ein kleiner Mann, 159 Zentimeter gross und 58 Kilogramm schwer. Ein Energiebündel, laut und extrovertiert. Über seinen Instagram-Account lädt er zu Afterpartys ein, für Künstler wie Burna Boy, Travis Scott oder Jason Derulo.
Zielgruppe dieser öffentlich geposteten Einladungen: «Ladys only». Die Marke seiner Partys: «DBS» – «Don’t be shy», sei nicht schüchtern.
Am 18. September 2024 erhob die Zürcher Staatsanwaltschaft Anklage gegen Travis wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehrfacher sexueller Nötigung und Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte. Am 24. März 2025 muss Travis vor dem Zürcher Bezirksgericht erscheinen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Drei Jahre lang haben wir recherchiert, was genau an diesen Partys und Shootings passiert. Wer eingeladen wird, was vor sich geht. Wir haben Videos analysiert, Gerichtsakten studiert, mit Opfern gesprochen und auch mit Travis selbst.
Uns interessiert die Angelegenheit auch deshalb, weil Travis kein Einzelfall ist. In den letzten Jahren klagte allein der Staatsanwalt von New York zwei CEOs von Modelabels und den Rapstar Sean Combs alias Diddy wegen serieller Übergriffe an Partys an. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Combs Partys veranstaltete, an denen er Frauen angeblich systematisch zum Sex drängte, davon Videos machte und die Frauen mutmasslich damit erpresste.
Ähnliches taten gemäss Anklage die Chefs der Modelabel Abercrombie & Fitch und Nygård International. Die Anklageschriften dieser Fälle offenbaren, wie das Missbrauchssystem solcher VIPs funktioniert:
Schritt eins: Hoffnung schüren. Die Opfer sind jung und unerfahren, ihnen wird eine Karriere im Mode-, Musik- oder Filmgeschäft in Aussicht gestellt.
Schritt zwei: Die Opfer werden zu einer Party oder an ein Modeshooting eingeladen. Dort werden sie überredet, überrumpelt, gedrängt oder gar gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht wollen.
Schritt drei: Die Opfer wehren sich nicht oder werden zum Schweigen gebracht, eingeschüchtert vom Ruhm und Einfluss der VIPs.
Nach demselben Muster soll auch Travis vorgegangen sein. Die Anklage gegen ihn beschreibt einen der grössten #MeToo-Fälle der Schweiz. Aufgedeckt wurde er nur durch einen Zufall: weil Travis einem Mann tausend Franken schuldete.
Mark
Unsere Recherche beginnt an einem Dienstag, dem 2. November 2021.
Kurz zuvor war in Zürich ein mysteriöses Instagram-Konto aufgetaucht. Es trug den Namen «travisthecreator_scammer» – also «Travis der Gauner».
Besitzer des Accounts war ein gewisser Mark. Wie fast alle im Text erwähnten Personen heisst Mark in Wirklichkeit anders. Eigentlich sei er keiner, der andere im Internet anprangere, sagt er. Tatsächlich macht er den Eindruck eines friedliebenden Menschen: bärenhafte Statur, Dreitagebart, eckige Brille. Sein Job: Informatiker.
Mark erzählt uns, dass Travis einst für seine Firma Werbung machte. Später habe er sich tausend Franken von Mark geliehen und ihm dieses Geld trotz mehrfacher Mahnung nie zurückgezahlt. Das ärgerte Mark. Er hatte den Eindruck, Travis müsste diese Summe leicht aufbringen können, schliesslich ist er auf Social Media ein bekannter Influencer.
Bereits mit achtzehn Jahren hatte Travis ein eigenes Kleiderlabel und posierte auf Fotos zusammen mit den Rapstars Snoop Dogg und Run-D.M.C. In den sozialen Medien findet man auch Fotos von ihm mit einem Designer von H&M oder an einem Mode-Event des schwedischen Textilriesen.
Travis gab Interviews in Modezeitschriften und eröffnete einen Kleiderladen in Zürich. Bekannte Schweizer Fussballnationalspieler wie Manuel Akanji oder Breel Embolo kauften bei ihm ein.
Er sprach öffentlich über angebliche Sponsoringverträge mit Marken wie Converse, Puma oder der Luxusmarke MCM. Er telefonierte mit dem Sänger Pharrell Williams und traf sich mit Fussballgrössen wie Mario Balotelli oder Raheem Sterling. Gleichzeitig rekrutierte er über Instagram Models für einen Videoclip der Luzerner Rapperin Loredana.
Zeitweise hatte Travis über 50’000 Follower auf Instagram. So jemand muss doch tausend Franken aufbringen können, dachte sich Mark Anfang November 2021.
Und so erstellte er auf Instagram einen Pranger: die Seite «travisthecreator_scammer».
In den Stunden, nachdem die Seite online gegangen war, bekam Mark Dutzende Nachrichten. Leute schrieben, Travis schulde ihnen ebenfalls Geld. Es ging laut Mark um Zehntausende Franken, die Travis angeblich nie zurückgezahlt hatte.
Dann, am 2. November um ein Uhr nachts, meldete sich eine Frau aus dem spanischen Ferienort Marbella. Sie rief Mark über Instagram an und erzählte ihm, dass Travis sie sexuell missbraucht habe.
«Ich wusste erst mal nicht so recht, was ich damit anfangen soll», erinnert sich Mark. Schon am nächsten Morgen um fünf ging die nächste Nachricht einer Frau ein. Sie schrieb über Travis: «Er hat Videos und Bilder von mir, wo ich ihm einen Blowjob gebe. Alles heimlich aufgenommen!»
In diesem Moment wurde Mark bewusst, dass Travis offenbar nicht nur Leute um ihr Geld gebracht hat.
Er fragte die zweite Frau, ob er ihre Nachricht öffentlich und anonym posten dürfe. «Yaa unbedingt!», schrieb sie zurück. Kurz danach stellte Mark die Nachricht online.
In den folgenden drei Stunden bis 8.17 Uhr meldeten sich sieben weitere Frauen bei Mark. Drei berichteten, Travis habe sie angeschrieben, als sie minderjährig waren. Eine schrieb, sie sei 14 Jahre alt gewesen, als Travis sie ins Hotel eingeladen habe. Die Geschichten ähneln sich: Travis habe ihnen Sexvideos geschickt und sich übergriffig verhalten.
Innerhalb weniger Stunden lud Mark mehrere dieser Vorwürfe auf der Instagram-Seite hoch. Jedes Mal, wenn Mark eine Nachricht erhielt, fragte er, ob er diese öffentlich posten dürfe. Die Antworten: «Ja sicher!!», «Ja fix», «Ja chasch», «ja safe».
Zuerst erzählten die Frauen und Mädchen vor allem von unerwünschten Einladungen und Berührungen oder dass er sie filmte, während sie mit ihm Sex hatten, obwohl sie nichts davon wussten. Später beschrieben sie gegenüber Mark dann konkrete Übergriffe und erhoben schwerwiegende Vorwürfe:
«Als ich 16 war, bin ich zum ersten Mal mit meinen Kolleginnen in den Ausgang. Er hat mich angetanzt, ich habe mitgemacht, alles okay gewesen. Dann ist er mega grob geworden. Ich hatte ein Kleid an, und während wir am Tanzen waren, hat er versucht, mich zu fingern. Ich ging dann zu meiner Kollegin und habe geweint. Ich war 16 und hatte noch nie eine sexuelle Erfahrung gehabt mit einem Typen.»
«Beim Modeljob ist dann so was passiert, dass er, obwohl ich nicht weiter gehen wollte (im Sexuellen), weitergemacht hat. Er hat einfach kein Nein akzeptiert.»
«Er hat mal so ein Shooting gemacht für eine Galerie mit ein paar anderen Frauen. Dann mussten wir uns nackt ausziehen, das war noch okay. Aber nachher ist er mit uns einzeln in ein Badezimmer. Da musste ich mich auf den Boden legen, auf allen Vieren. Dann hat er mich gebumst. Ich wollte das eigentlich nicht, aber ich konnte mich einfach nicht bewegen.»
Viele schrieben, sie hätten niemandem etwas gesagt, versucht, alles zu verdrängen. Aus Angst, aus Scham.
«Ich bin leider, was ich bis heute so krass bereue, nie zur Polizei gegangen, weil ich Angst hatte und nicht wusste, wie mit der Situation umzugehen. Es prägt mich bis heute, und ich denke immer noch viel daran.»
«Wir haben uns nie getraut, etwas zu sagen, weil wir immer dachten, er habe so viel Einfluss und niemand würde uns glauben.»
«Damals war ich 15 … Ich habe nie eine Anzeige gemacht, weil ich mich zutiefst geschämt habe. Es wissen nur zwei Leute davon.»
Viele Betroffene gaben sich selbst die Schuld, dass Travis ihnen solche Dinge angetan hatte. Lange dachten die Mädchen, sie wären mit ihren Erlebnissen alleine. Nun aber folgte eine Frau der nächsten. Ihre Erfahrungen teilen zu können, schien für die teils noch sehr jungen Frauen befreiend zu sein.
«Danke für die Seite – wirklich!♥ »
«WE NEED TO SPEAK UPPPPPP!»
Wir konnten alle Nachrichten einsehen, die Mark im November 2021 erreicht haben. Sie sind bisher grösstenteils nicht öffentlich geworden.
Das Ausmass dieser #MeToo-Bewegung ist gewaltig: Innerhalb von vier Tagen melden sich 34 Frauen mit Geschichten zu Vorfällen, die sie selbst erlebt haben oder bezeugen können. 17 berichten von sexuellen Handlungen, die Travis gegen den Willen der Frauen ausgeübt haben soll. 12 schreiben von Belästigungen, 5 erzählen, wie Travis sexuelle Handlungen ohne Erlaubnis gefilmt habe. Von den 34 Frauen sagen 12, sie seien bei den Vorkommnissen minderjährig gewesen, 6 von ihnen erst 14 oder 15 Jahre alt.
Am 6. November 2021, also vier Tage nach den ersten Vorwürfen, erhielt Mark einen Anruf von der Polizei. Travis hatte ihn angezeigt. Die Beamten sagten, Mark müsse alle Posts sofort löschen – und dürfe auch keine neuen Anschuldigungen veröffentlichen.
Bevor Mark das Konto deaktivierte, schickte ihm die 34. Frau eine letzte Sprachnachricht:
«He Leute … Ich bin ein bisschen am Zittern. Ich war gerade bei der Polizei. Die Polizistin hat mir gesagt, wenn man aufhört, Angst zu haben, und wenn genug Frauen zur Polizei gehen, um Anzeige zu machen, dann werden solche Menschen verfolgt. Sonst kommen sie davon.»
Sie bittet Mark, aus dieser Nachricht einen Post zu machen. Ihre Sprachnachricht endet so:
«Es wird alles gut kommen am Ende. Glaubt mir.»
Mit der Deaktivierung des Kontos verschwanden auch die Anschuldigungen aus dem Internet. Doch durch die Posts auf Instagram und einige kurze Meldungen darüber in den Medien fanden mehrere Frauen den Mut, zur Polizei zu gehen. Sechs sind nun Klägerinnen im aktuellen Verfahren gegen Travis.
Zwei dieser Klägerinnen wollen ihre Geschichte öffentlich erzählen. Wir nennen sie hier Stefanie und Alena. Sie möchten nicht unter ihrem richtigen Namen sprechen, denn sie wollen nicht bis ans Lebensende mit diesem Fall in Verbindung gebracht werden. Auch wissen sie nicht, wie er für sie ausgehen wird.
Es ist nicht aussergewöhnlich, dass Opfer von sexuellem Missbrauch schweigen: Im Jahr 2019 befragte das Forschungsinstitut GFS Bern im Auftrag von Amnesty International 4495 Frauen und Mädchen, die in der Schweiz leben. Jede Fünfte sagte, sie habe schon einmal einen sexuellen Übergriff erlebt. Doch nur acht Prozent erstatteten Anzeige. Auch die Frauen, die Travis nun angeklagt haben, gehörten zunächst zu den über neunzig Prozent, die nie eine Anzeige machen wollten. Sie wären ohne Marks Instagram-Kanal nicht zur Polizei gegangen.
Warum sprechen die meisten Betroffenen nicht darüber, warum wehren sie sich nicht? Diese Frage wird uns im Verlauf unserer Recherche noch öfter beschäftigen.
Stefanie
Im Januar 2022 fallen in einem Vorort von Luzern riesige Schneeflocken vom Himmel. Zwischen Einfamilienhäusern und engen Quartiersträsschen wohnt Stefanie. Als wir sie besuchen, lebt sie in einer Wohngemeinschaft. Sie hat grosse blaue Augen und viele Tattoos. Stefanie ist eine der Frauen, die Travis wegen Vergewaltigung angezeigt haben.
Stefanie war 21 Jahre alt, als sie Travis bei einem Videodreh im Jahr 2018 kennen lernte. Sie hatte soeben ihre Lehre als Fachfrau Gesundheit abgeschlossen, doch sie war unzufrieden mit den langen, unregelmässigen Arbeitszeiten und dem tiefen Lohn. Bereits am Tag ihrer Diplomfeier wusste sie, dass sie sich einen anderen Job suchen wird.
Fasziniert von der Modewelt, vom Leben der Influencer, das leicht und spassig schien, malte sie sich ein Leben als Instagram-Star aus.
«Ich war beeindruckt von seinen Fotos auf Instagram und von seinen vielen Followern», sagt die Fünfundzwanzigjährige in der Küche ihrer WG über Travis. «Als er mir Komplimente für meine Fotos machte, fühlte ich mich gesehen. Ich dachte, dass ich durch ihn in die Modelwelt reinkommen könnte.»
Stefanie war Statistin in einem Musikvideo, als sie Travis erstmals begegnete. Die beiden kamen schnell ins Gespräch, später folgte Travis ihr auf Instagram. Als er Stefanie ein paar Wochen später fragte, ob sie Lust hätte, für ein Fotoshooting zu ihm nach Zürich zu kommen, sah sie ihre Chance.
«Er sagte, er könne mich gross rausbringen. Natürlich habe ich sofort zugestimmt. Ich war so naiv.»
Sie machte sich Gedanken, welche Hochhäuser sich als Hintergrund eignen würden, und kaufte neue Kleider. «Ich dachte, wenn ich zu ihm komme, wäre da ein kleines Set, und er wartet mit einer Kamera auf mich», sagt sie.
Doch als sie an diesem warmen Tag im Juli 2018 bei einem Wohnblock in Dübendorf ZH ankam, war da nur eine Grillparty mit Travis, seinen beiden Mitbewohnern und etwa fünf anderen Männern. «Ich war die einzige Frau», erinnert sich Stefanie, «ich fühlte mich ausgestellt.»
Sie ignorierte ihr ungutes Bauchgefühl. «Ich versuchte, aus meiner Schale rauszukommen», sagt sie. «Travis lockerte mich auf, sagte immer wieder: ‹Don’t be shy.›» Stefanie trank Whiskey-Cola und nahm ein paar Züge eines Joints. Das versprochene Shooting liess auf sich warten.
«Ich merkte, dass Travis gar nicht motiviert war für das Shooting», erinnert sie sich. Aber nachdem sie ihm ihre neuen Kleider gezeigt hatte, sprang er auf und führte sie in sein Schlafzimmer. «Er fragte, worauf ich warten würde. Wir seien ja zwei erwachsene Menschen, ich solle mich umziehen und keine Angst haben.»
Stefanie atmet tief ein.
«Als ich mich ausgezogen hatte, kam er näher und begann, mich anzufassen. Am Füdli und … er begann, mich anzufassen und auch zu küssen. Am Oberkörper.»
Sie macht eine Pause.
«Ich wand mich weg.»
Stefanie fällt es schwer, zu beschreiben, was danach passierte. Weil sie gegenüber der Polizei detailliert angeben musste, was an jenem Abend geschah, zitieren wir aus den Einvernahmeprotokollen.
Stefanie: «Es war mir sehr unangenehm. Ich fühlte mich natürlich bedrängt. Und zugleich so machtlos. So steif und starr.»
Sie erinnert sich, wie Travis sie aufs Bett schubste und in sie eindrang. Travis hingegen erzählte bei der Polizei von einvernehmlichem Sex.
Travis: «Sie hatte Spass», «sie wollte das so». «Ich habe sie sogar noch gelobt, weil sie so einen guten Arsch hatte. Es war geil.»
Später kam ein zweiter Freund dazu.
Travis: «Dann kam der Kollege ins Zimmer, sofern ich mich nicht täusche. Ich fragte Stefanie, ob sie schon einmal einen Dreier gemacht hätte. Sie sagte: Nein, aber wieso nicht.»
Stefanie hingegen schildert die Erfahrung mit den beiden Männern als traumatisch:
«Als ich die dritte Hand spürte, merkte ich: ‹Scheisse, die sind zu zweit.› Der zweite Typ nahm meinen Kopf und nötigte mich zum Oralverkehr. Beide sagten, wie gut ich das mache, ‹good girl› haben sie gesagt.» Und: «Für mich war in dem Moment klar, dass ich einfach nur irgendwie durchhalten muss. Ich schäme mich dafür, dass ich nicht Nein gesagt habe.»
Travis habe später nochmals Sex zu zweit haben wollen, sagte Stefanie der Polizei. Da habe sie dann Nein gesagt, doch er habe sich darüber hinweggesetzt.
Stefanie: «Ich dachte, er weiss ja, dass ich nicht mehr will. Dabei versuchte er, auch anal in mich einzudringen. Dies machte mir aber so weh, dass ich ihn wegdrückte.» Und: «Mir wurde einfach bewusst, dass wenn er jetzt nicht bekommt, was er will, dass ich dann vielleicht alleine wäre, ich gegen ihn und seine Leute.»
Als es vorbei war, stellte Stefanie Travis zur Rede. «Ich sagte ihm, ich hätte wirklich an ein Shooting gedacht», erzählt sie. «Er lachte mich aus.»
Stefanie verliess die Wohnung, rief ihre beste Freundin an und brach in Tränen aus. Sie erzählte ihr, dass sie nicht einverstanden gewesen sei mit dem, was passiert sei. Aber auch, dass sie sich nicht gewehrt habe. Die Freundin bestätigt dies gegenüber uns und der Staatsanwaltschaft. Und auch, dass Stefanie dachte, sie ginge an ein Modeshooting.
Travis erzählt der Polizei etwas anderes. Er sagt zwar, dass er mit Stefanie über ein Fotoshooting sprach. Doch gemäss Travis hätten sie sich an jenem Abend explizit für Sex verabredet. Auch seien nur zwei Männer anwesend gewesen, und sie hätten nur Wasser getrunken. Er bestreitet, dass er ein zweites Mal Sex wollte.
Zur Frage, warum Stefanie ihn angezeigt habe, sagte Travis in der Einvernahme: «Sie wollte wahrscheinlich Aufmerksamkeit.»
Alena
Wir erinnern uns: Über neunzig Prozent der Frauen, die Übergriffe erleben, gehen nie zur Polizei.
Fünf Frauen, die es im Fall von Travis doch gewagt haben und nun gegen ihn klagen, gaben an, sich aus Hoffnung auf eine Karriere als Musikerin oder Model mit ihm getroffen zu haben. Ihre Fälle ähneln sich stark.
Alenas Vorfall ereignete sich im März 2017, über ein Jahr vor Stefanies Begegnung. Auch sie war jung, achtzehnjährig. Auch sie wurde zu einem Fotoshooting eingeladen, dieses Mal fand es wirklich statt.
Wir treffen Alena in ihrer Wohnung in der Ostschweiz. Sie erzählt, wie Travis sie bei dem Shooting in Zürich in ein Badezimmer lockte, unter dem Vorwand, auch dort Bilder von ihr zu machen. Als sie auf allen Vieren vor Travis kniete, habe er ihr den Slip beiseitegeschoben und sei in sie eingedrungen. Alena erstarrte.
Für Alenas Aussage gibt es mindestens eine Zeugin: Eine Freundin, die Alena an diesem Tag begleitete, erzählt uns, dass auch sie von Travis im Badezimmer fotografiert wurde. Travis habe auf die genau gleiche Art versucht, mit ihr Sex zu haben, doch sie habe sich wehren können.
Travis bestritt gegenüber der Polizei, dass es beim Shooting zu Sex kam. Er habe allerdings davor einvernehmlichen Sex mit Alena gehabt.
Aufgrund unserer Recherche wissen wir, dass Travis Dutzende von jungen Frauen anschrieb, mit dem Angebot, Fotos von ihnen zu machen. Viele haben wohl gar nicht geantwortet, einige aber schon. Und alle, mit denen wir sprechen konnten, schämten sich dafür, dass sie auf seine leeren Versprechungen und Tricks reingefallen sind. Ähnlich wie bei älteren Menschen, die auf Enkeltrick-Betrüger hereinfallen und sich im Nachhinein dafür schämen, suchen diese jungen Frauen die Schuld bei sich, nachdem sie Opfer von Travis’ Modemasche geworden sind.
Die Anklageschrift im aktuellen Verfahren gegen ihn offenbart, wie systematisch er vorging. Neben Stefanie und Alena berichten drei weitere Frauen von mutmasslichen Übergriffen, die stets nach demselben Muster abgelaufen sein sollen. In einem Fall soll die Tat gar am gleichen Ort passiert sein wie bei Alena.
Gemäss Anklageschrift beteuern diese drei Frauen, klar Nein gesagt zu haben. Und immer habe Travis das Nein ignoriert. Und jedes Mal kam es zu sexuellen Handlungen, weil die Frauen nach eigener Angabe in eine Schockstarre verfielen.
Travis streitet alle Vorwürfe ab. Bei einer der Frauen, sagte er gegenüber der Polizei, sei der Sex einvernehmlich gewesen. Bei einer zweiten habe nichts stattgefunden, und an die dritte könne er sich nicht mehr erinnern.
Nachdem wir Alena besucht haben, nehmen wir Kontakt mit der Anwältin von Travis auf und konfrontieren sie mit den Vorwürfen. Die Anwältin heisst Laura Jetzer und sagt: «Mein Klient streitet ab, dass die sexuellen Kontakte gegen den Willen der Frauen geschahen.»
Jetzer verweist darauf, dass die Frauen nach den angeblichen Vorfällen teilweise weiterhin Kontakt mit Travis hatten und sie die Vorfälle jahrelang nicht angezeigt haben. Ihr Klient habe seit Beginn des Strafverfahrens ausführlich zu den Vorwürfen Stellung genommen. Sie betont, dass die Staatsanwaltschaft bei zwei Frauen die Vorwürfe von Sexualdelikten fallen liess.
Tatsächlich zog sich eine Frau aus privaten Gründen zurück. Und in einem anderen Fall legt die Untersuchung der Staatsanwaltschaft nahe, dass Travis zu Unrecht beschuldigt wurde. Die Frau sagte aus, dass Travis sie zusammen mit zwei anderen Männern mehrfach vergewaltigt habe. Sie wies die Polizei darauf hin, dass es Videos von dem Vorfall gebe. Die Polizei konnte daraufhin zwei Videos sicherstellen. Sie zeigen, dass die Frau aktiv am Sex teilnahm. Zudem hatte ihre Freundin ausgesagt, dass die Frau sie weggeschickt habe, als sie mit dieser nach Hause gehen wollte. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren zur Vergewaltigung ein.
Dieser Fall zeigt, dass es auch falsche Vorwürfe gegen Travis gab. Deshalb kommt es vor Gericht oft zu einem zermürbenden Kampf um die Glaubwürdigkeit der mutmasslichen Opfer und um die persönliche Wahrnehmung der beiden Parteien.
Genau das ist der Grund, warum so viele Frauen Angst haben, überhaupt zur Polizei zu gehen: Sie fürchten, dass ihnen ohnehin niemand glaubt. Dass sie kaum eine Chance haben, vor Gericht zu gewinnen.
Leider ist diese Angst berechtigt.
Tanja
Tanja hatte keine Angst. Schon mehrfach wurde ihr in ihrem Leben Unrecht angetan. Doch die schlanke Frau mit kurzen, dunklen Haaren ist eine Kämpferin. Deswegen steht sie in diesem Text auch mit ihrem richtigen Namen hin.
Travis hat Tanja sexuell missbraucht. Sie hat ihn angezeigt. Und vor Gericht recht bekommen. Trotzdem zeigt ihr Fall exemplarisch, wie zermürbend ein solches Verfahren für Betroffene ist. Und wie schwierig es für Frauen ist, zu beweisen, dass ihnen Unrecht getan wurde.
Tanja lernte Travis an einer Party im Oktober 2017 kennen. Ein Mann, mit dem sie einen Flirt hatte – ein Bekannter von Travis –, hatte sie an jenem Abend eingeladen. Eins führte zum anderen, und Tanja ging mit dem Mann ins Bett.
Während Tanja einvernehmlich mit dem Mann ihrer Wahl schlief, schlich sich Travis ins Zimmer. Tanja, die ihre Augen geschlossen hatte, spürte etwas in ihrem Mund und dachte zuerst, es sei der Finger ihres Sexpartners. Sie erschrak, als sie bemerkte, dass das, was sie im Mund hatte, gar kein Finger war. Sondern der Penis von Travis.
Das Bundesgericht kommt später zum Schluss, Travis habe die Situation ausgenutzt und Tanja, die ihm durch ihre geschlossenen Augen «wehrlos ausgeliefert» war, missbraucht und geschändet.
Im Schweizer Strafrecht ist der Erfolg von Tanja ein seltener Fall. Von Travis’ Anwältin musste Tanja sich anhören, dass sie das Vorgefallene viel «dramatischer» darstelle als andere Befragte. Sie wurde gefragt, warum sie nicht einfach nach Hause gefahren sei, und es wurde darüber debattiert, ob Travis seinen Penis ihr in den Mund gesteckt oder nur auf die Lippen gelegt habe. Solche Details waren ausschlaggebend dafür, dass Travis rechtskräftig wegen Schändung verurteilt werden konnte.
Doch Tanjas Beispiel zeigt auch, dass Mut und Geduld alleine oft nicht reichen. Tanja hatte mit dem Sexpartner einen Zeugen, der bestätigen konnte, was sich abgespielt hatte. Zudem hat Travis die Tat im Grundsatz zugegeben.
Selbst bei einer so klaren Ausgangslage mit Beweisen und Geständnissen vergingen von der Tat, als Tanja 27 Jahre alt war, bis zum rechtskräftigen Urteil kurz vor ihrem 34. Geburtstag, 6 Jahre und 3 Monate.
Dieser Fall zeigt ein Grundsatzproblem: Frauen, die ein Sexualdelikt anzeigen, haben eine geringe Chance, zu ihrem Recht zu kommen.
Genaue Zahlen dazu, wie viele Sexualdelikte in der Schweiz vor Gericht landen und wie viele zu einem Schuldspruch führen, gibt es nicht. Aber eine Einzelfallanalyse der Zürcher Staatsanwaltschaft gibt einen aufschlussreichen Einblick.
Nach kritischen Medienberichten zählte die Zürcher Staatsanwaltschaft sämtliche abgeschlossenen Verfahren zwischen 2016 und 2018 aus, in denen es um Vergewaltigung, Schändung, sexuelle Nötigung und sexuelle Handlungen mit Kindern ging. In dem Zeitraum gab es 406 Fälle, die die Staatsanwaltschaft weiterverfolgte.
In rund der Hälfte der Fälle, die weiter untersucht wurden, ging die Staatsanwaltschaft mangels Beweisen gar nicht erst gegen die Beschuldigten vor. Gelangte eine Vergewaltigung zu einer Anklage, kam es nur bei jeder dritten zu einem Schuldspruch.
Insgesamt kam es bei rund achtzig Prozent der 406 Fälle zu keiner Verurteilung.
Die Schweiz hat ihr Sexualstrafrecht im Juli verschärft. Doch weil die meisten Taten, die derzeit vor Gericht sind, früher stattgefunden haben, werden sie noch nach altem Recht beurteilt. Das betrifft auch die Vorfälle von Stefanie, Alena und den anderen drei Frauen.
Warum ist es überhaupt so schwer, bei einer Vergewaltigung Recht zu bekommen?
Wir stellten die Frage der Juristin Nora Scheidegger. Sie arbeitet am Max-Planck-Institut für Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg im Breisgau und forscht zum Sexualstrafrecht. Ihre Dissertation hat sie über das Schweizer Sexualstrafrecht geschrieben und dafür zahlreiche Gerichtsfälle studiert.
Damit jemand in der Schweiz für eine Vergewaltigung verurteilt werden kann, braucht es vor allem zwei Beweise, erklärt Scheidegger. Die Staatsanwaltschaft muss erstens nachweisen können, dass das Opfer gegen seinen Willen zu etwas gezwungen wurde und dass der Täter zweitens wusste oder in Kauf nahm, dass das Opfer die Handlung nicht guthiess und trotzdem weitermachte. All das zu beweisen, ist unglaublich schwierig.
Immerhin, für eine Verurteilung muss ein Vergewaltiger nicht zwingend körperliche Gewalt anwenden. «Es gab zahlreiche Fälle, in denen das Bundesgericht gegen einen Täter entschied, weil ein Opfer ‹unter psychischen Druck› gesetzt wurde und man ihm eine Gegenwehr nicht zumuten konnte», sagt Scheidegger.
Was aber braucht es genau, damit «psychischer Druck» vorliegt? Das sei nicht ganz klar, sagt Scheidegger, einheitliche Kriterien habe sie nicht gefunden. «Die Gerichte setzen die Schwelle allerdings schon länger recht tief an, um möglichst alle Fälle von erzwungenem Sex zu bestrafen.»
In Fällen wie jenem von Stefanie wird dennoch oft kein psychischer Druck erkannt. Denn Stefanie hat sich nicht nur nicht gewehrt, sie hat «hingehalten». Sie hat auch nicht geweint oder sonst eine ablehnende Geste gemacht. Sie hat es über sich ergehen lassen. In so einem Fall kann jedes kleinste Zeichen als Zustimmung gewertet werden. «Selbst wenn die Frau vorher Nein gesagt hat», erklärt Scheidegger. «Überreden oder überrumpeln alleine ist eben nicht zwingend strafbar.»
In Schweden hat man für solche Fälle einen eigenen Straftatbestand geschaffen. «Dort gibt es auch eine Art fahrlässige Vergewaltigung», sagt Scheidegger, «das ist ein geringfügigeres Delikt.» Vereinfacht gesagt, glaubt das Gericht im Zweifelsfall, dass der Beschuldigte davon ausging, dass der Sex einvernehmlich war. Doch es verurteilt ihn, wenn er rücksichtslos war und hätte merken können, dass die Frau nicht will, wenn er ein Minimum an Aufmerksamkeit hätte walten lassen.
In der Schweiz geht man weniger weit. Seit Juli 2024 gilt die «Nein heisst Nein»-Lösung. Das heisst: Die Staatsanwaltschaften müssen nicht mehr nachweisen, dass der Täter einen Widerstand überwinden musste. Es reicht schon, dass der Täter ein Nein überging oder eine Schockstarre ausnutzte. Grundsätzlich muss die Frau also ihr Nein immer noch körperlich oder verbal kommunizieren.
«Die Frage ist, ob wir von jungen und verunsicherten Frauen wirklich immer ein klares Nein erwarten können», sagt Nora Scheidegger. Zudem werden Frauen sozialisiert, höflich zu sein. «Ein klares Nein geht vielen gegen die Intuition», sagt Scheidegger. «Doch ohne das ist es schwierig, vor Gericht zu gewinnen.»
Travis
Die Vorfälle mit Stefanie und Alena fanden 2017 und 2018 statt. Viele der Vorwürfe auf dem Instagram-Kanal von Mark betreffen die Zeitspanne zwischen 2014 und 2019. Es ist die Zeit, in der Travis in den sozialen Medien bekannt wird. Als Modeschöpfer und angeblicher Partner von Brands wie Puma und MCM. Als Freund vieler Prominenter.
Doch dieser «Travis the Creator» ist eine Kunstfigur. Travis heisst in Wirklichkeit anders.
Travis wurde 1995 in Ghana geboren und verbrachte dort die ersten Jahre bei seiner Grossmutter. 2002 kam er im Alter von sieben Jahren allein nach Zürich. Die Mutter war mit einem Schweizer verheiratet, doch die Familienverhältnisse waren zerrüttet. Travis kam mit neun Jahren in ein Heim, später zu einer Pflegemutter.
Mit dreizehn Jahren stahl er ein Handy, später verlor er seine Lehrstelle als Koch. Eine Ausbildung machte er danach nicht mehr.
Als er 2018 wegen Tanjas Fall von der Polizei einvernommen wurde, gab er an, er lebe «mehr oder weniger» von seiner damaligen Freundin, die als Kleinkindererzieherin arbeitete.
«Beim Sozialamt müsste ich mich anmelden», sagte er. «Ich weiss aber nicht, ob das noch geht, da ich schon so lange nicht arbeite.» Er hatte keinen festen Wohnsitz in der Schweiz, auch den Schweizer Pass besitzt er nicht (er hat die Niederlassungsbewilligung C). Gegenüber der Polizei gab er zu, dass er Schulden hat. «Es kommen einfach Zahlungsaufforderungen von der SBB wegen Schwarzfahren. Vor kurzem waren es tausend Franken, die ein Kollege zahlen musste.»
Gegenüber der Polizei sprach Travis damals auch von Modekooperationen, zum Beispiel mit Puma. Auf Nachfragen sagt die Firma, Travis habe lediglich einmal an einer Puma-Veranstaltung teilgenommen, stehe aber sonst in keinem vertraglichen Verhältnis zur Marke.
Die Macht von Social Media macht Travis zu einer Art Fake-VIP. Ähnlich wie in den Fällen Diddy oder Abercrombie & Fitch konnte er durch seine Bekanntheit junge Frauen blenden und für seine Zwecke manipulieren. Diddy zum Beispiel veranstaltete sogenannte Freak-offs in Luxushotels. Dabei sollen Frauen unter falschen Karriereversprechungen eingeladen worden sein. Vor Ort seien sie mit Drogen betäubt und zu Geschlechtsverkehr gezwungen worden.
Ähnliches taten der Chef des Modelabels Abercrombie & Fitch und sein Partner. Der ehemalige CEO lud gemäss einer BBC-Recherche jeden Samstag aufstrebende junge Männermodels in seine Villa in den Hamptons ein, wo er diverse Sexpraktiken von ihnen verlangte.
Doch im Gegensatz zu diesen mächtigen Männern hatte Travis kaum je echten Einfluss.
2021 wurde er erstmals wegen eines sexuellen Deliktes schuldig gesprochen. Das Bezirksgericht Bülach verurteilte ihn damals in Tanjas Fall wegen Schändung. Er entkam einem Landesverweis nur knapp und wurde als Härtefall eingestuft. «Er hat klar zum Ausdruck gebracht, dass er sich für seine begangene Tat schämt und gewillt ist, sich künftig wohl zu verhalten», hiess es im Urteil.
Travis zog das Urteil weiter, doch sowohl das Obergericht als auch das Bundesgericht bestätigten die Schändung.
Emma
Emma lebte in Barcelona, war achtzehn Jahre jung und hatte noch nie allein Urlaub gemacht.
Am 30. August 2019 flog sie nach Marbella, um in einer Villa mit Travis zusammen zu feiern. Travis hatte Emma eingeladen. Bezahlt wurde der Aufenthalt von zwei jungen Schweizern, die gerade ihre Lehre abgeschlossen hatten und Travis aus der Zürcher Clubszene kannten.
Die Party dauerte vier Tage lang. Eine Handvoll weiterer Frauen war anwesend, die meisten älter als Emma. Während die anderen Frauen Sekt tranken und mit den männlichen Partygästen anbandelten, wollte Emma lieber am Pool sitzen und ein Buch lesen.
«Er war ein witziger Typ», schreibt sie in einem langen Austausch mit uns per Whatsapp auf Englisch. Wie die meisten kannte auch Emma Travis von einer Party. «Er hat mir gesagt, ich soll nach Marbella kommen. Sagte immer wieder, ich sei sein Baby. Dass wir eine gute Zeit mit Freunden verbringen würden. Er redete die ganze Zeit auf mich ein.»
Also buchte Emma zum ersten Mal in ihrem Leben selbst einen Flug. Ihren Eltern sagte sie nichts davon.
Emma erzählt uns, sie sei zurückhaltend gewesen und habe es ruhig angehen lassen. Doch Travis stellte ihr ein Ultimatum: Wenn sie nicht Sex mit ihm habe, müsse sie aus der Villa verschwinden.
Emma fühlte sich bedrängt. Eigentlich wollte sie nach Hause, doch ihr Rückflug ging erst ein paar Tage später. Und sie hatte weder Geld, noch wollte sie ihren Eltern sagen, wo sie war.
Travis gegenüber sagte sie, dass sie ihre Periode habe. Doch er glaubte ihr nicht. Dann «tat er, was er wollte», schreibt uns Emma.
«Ich hatte Sex, weil ich nicht wusste, was ich tun sollte. Ich wollte in dem Haus bleiben, ich konnte nirgendwo hingehen.» Es sei entsetzlich gewesen, schreibt sie, auf jeden Fall gegen ihren Willen. Trotzdem würde Emma es nicht eine Vergewaltigung nennen. «Ich habe ja irgendwie zugestimmt.»
Mehrere Zeugen an der Party bestätigen Emmas Erzählungen. Emma sei so verzweifelt gewesen, dass sie weinte.
Die Masche, Frauen an Partys zu überrumpeln, funktioniert in vielerlei Hinsicht noch einfacher als die Modemasche. Die Opfer kommen nicht beruflich, sondern privat. An solchen Partys haben viele freiwillig Sex. Und so entsteht ein gewisser Gruppendruck, zumal die Opfer im Vorfeld nicht darüber informiert werden, was sie erwartet.
Auch hier zeigen sich Parallelen zu den Fällen von Abercrombie & Fitch und Diddy: Der Schockmoment, der entsteht, macht es für die Anwesenden schwerer, eine Grenzüberschreitung zu verhindern. Was zurückbleibt, ist ein ungutes Gefühl.
Thiago
Thiago ist ein gross gewachsener Mann mit Glatze. Er stammt aus Brasilien und steht in dieser Geschichte mit richtigem Namen hin. In Marbella arbeitete er als Filmer, Fotograf und wie Travis als Concierge. Ein Concierge ist in der Partyszene jemand, der Dinge organisiert, etwa die Unterkunft bucht, den Transport organisiert oder Restaurants empfiehlt.
Je exklusiver die Gäste, desto höher ihre Ansprüche. Erst kürzlich wurde anhand des französischen Fussballstars Kylian Mbappé bekannt, wie umfangreich die Dienstleistungen eines Concierge sein können: Während einer Wettkampfpause jettete Mbappé im Oktober 2024 nach Stockholm und feierte mit weiblicher Begleitung in einem Club.
Der gesamte Trip wurde von einer Concierge-Agentur organisiert, inklusive der Gesellschaft junger Frauen, die gemäss Medienberichten «im Wesentlichen nach ästhetischen Kriterien eingeladen werden», wie die NZZ schreibt.
Was die Agentur für Mbappé in Stockholm gemacht hat, das macht Travis mittlerweile in Spanien. Schon vor seiner Verurteilung im Fall Tanja orientierte sich Travis neu, weg vom Modebusiness hin zum Partygeschäft. Und deswegen fragte er Thiago im August 2019 via Instagram an, ob er die Partyferien in Marbella filmisch begleiten wolle. Thiago sagte zu.
Die Videos sind wichtig: Einerseits wollen die Kunden Erinnerungen an ihren Urlaub haben. Andererseits braucht Travis Material für seine Social-Media-Kanäle, damit er neue Kunden akquirieren kann.
Von da an arbeiteten Travis und Thiago öfter zusammen. Bald führten sie gemeinsam ein Geschäft. Wenn Travis Concierge-Aufträge bekam, war meistens Thiago für die audiovisuellen Inhalte verantwortlich.
Ihr Business wuchs schnell: Bereits kurz nach den Partyferien in Marbella organisierte Travis Luxusferien für einen vierundzwanzigjährigen Profifussballer.
Laut Thiago verbrachten der Spieler und seine Entourage drei Tage in einer Villa in Marbella. Sie machten Ausflüge, gingen in Restaurants und feierten in angesagten Nachtclubs.
Thiago filmte und fotografierte, Travis organisierte Frauen, die die ganze Zeit über in der Villa waren. Videoaufnahmen, die uns vorliegen, zeigen, wie Travis und der Fussballspieler zusammen tanzen, wie Frauen knapp bekleidet durch die Villa laufen, wie der Fussballer ihnen mit der Hand auf den Hintern schlägt. Die Stimmung wirkt ausgelassen.
Thiago sagt, sie hätten Dutzende solcher Partys organisiert, meist seien am Schluss alle zufrieden nach Hause gegangen. Thiago sagt auch, dass vor seinen Augen nie Übergriffe stattgefunden hätten. Überprüfen lässt sich das nicht. Klar ist, dass Thiago ausgiebig mitgefeiert hat.
Wie viel Geld die beiden mit diesem Geschäft verdient haben, bleibt unklar. «Als Concierge verrechnest du deinen Kunden eine Vermittlungsgebühr», sagt er. Zum Beispiel für Villen oder Ausflüge. «So fällt eine Provision für dich ab.»
Die Geschäftsidee dahinter: Junge Frauen machen gratis Luxusferien, die Männer geniessen im Gegenzug die Gesellschaft der jungen Frauen.
Wobei: «Nichts ist gratis», sagt Thiago. Sie hätten zwar nie direkt eine sexuelle Gegenleistung verlangt, «aber wenn du Travis kennst, weisst du, was er von den Frauen erwartet. Er erwartet Sex.»
Zwei Jahre lang arbeiteten die beiden zusammen. Bis eines Tages eine Freundin von Thiago ihm erzählte, dass Travis sie bei einer Party vergewaltigt habe. Sie zeigte Travis in Spanien an, doch das Verfahren wurde mangels Beweisen eingestellt. Nach diesem Vorfall zerbrach die Partnerschaft der beiden.
Elsa
Juli 2020. Ein gutes Jahr nach dem Partyurlaub in Marbella stand wieder eine Party mit einem Fussballer an. Diesmal soll es ein viertägiger Urlaub in Cannes sein.
Ein paar Wochen zuvor postete Travis einen Aufruf auf seinem Instagram-Profil: Er suche jemanden, der ihn von Zürich nach Cannes fahre und dort seine Gäste herumchauffiere. Als Gegenleistung könne man eine berühmte Person treffen.
Esad, ein gemütlicher junger Mann, der soeben seine KV-Lehre abgeschlossen hatte, meldete sich. Seine einzige Bedingung war, dass Travis für Benzin und Übernachtungen aufkam.
Auf der achtstündigen Fahrt kamen die beiden ins Gespräch, und Travis offenbarte Esad, wer die berühmte Person ist, die er bald treffen werde: Benjamin Mendy.
Mendy war nicht irgendein Fussballer. Er spielte damals bei Manchester City, einer der besten Mannschaften der Welt. Viermal gewann Mendy mit dem Club die englische Meisterschaft, stand im Finale der Champions League und war Teil des französischen Nationalteams, als Frankreich 2018 die Weltmeisterschaft gewann. Heute spielt Mendy für den FC Zürich.
Während sie durch Frankreich fuhren, erzählte Travis Esad, dass er ständig von berühmten Personen über Instagram angeschrieben werde. Travis holte sein Handy hervor, scrollte durch seine Direktnachrichten auf Instagram und zeigte Esad die Chatverläufe mit Anfragen von Modedesignern, Sportlern, Musikern. Auch Benjamin Mendy sei durch Instagram auf ihn aufmerksam geworden, sagte ihm Travis.
Dass Travis und Mendy sich kennen und schon zusammen gefeiert haben, ist belegt. Es gibt diverse Bilder der beiden in den sozialen Medien. Sie scheinen auch befreundet zu sein. Auf Facebook gibt es ein Video, das der Fussballer Travis widmet. Darin sagt er: «Big man, Travis. BIG MAN. See you soon, brother.»
Für den viertägigen Urlaub von Benjamin Mendy in Cannes liess Travis Frauen aus ganz Europa einfliegen. Aus Schweden, Deutschland, der Schweiz, Italien.
Eine dieser Frauen war Elsa.
Elsa wurde von Travis über Instagram gefunden. Sie kommt aus Schweden, arbeitete als Influencerin und verdiente sich ihren Lebensunterhalt grösstenteils auf der pornografischen Plattform Onlyfans. Dort bekam Elsa Geld für freizügige Videos und Fotos, die sie auf der Seite hochlud. Ihr Leben bestand im Wesentlichen daraus, ins Gym zu gehen und mit bekannten Persönlichkeiten Partys zu feiern. Dafür jettete sie in der Welt herum.
Als Travis Elsa anschrieb und zu Mendys Party einlud, habe er im Vorfeld Bedingungen gestellt, erzählt sie uns: Wenn sie mit bekannten Fussballspielern feiern möchte, müsse sie Travis zuerst ein Sexvideo von sich schicken. Er wolle sich vergewissern, dass sie auch wirklich «nicht schüchtern» sei.
«Er hat nicht explizit gesagt, dass wir mit ihm oder den anderen Sex haben müssen», sagt Elsa während unseres Videocalls. «Aber er hat es trotzdem klargemacht. So à la: Du weisst, wofür du hier bist.»
Einen Lohn bekam sie nicht, sagt Elsa. Mendy, Travis und die ganze Entourage übernachteten im Hotel Martinez, einem der teuersten Häuser von Cannes.
Die Frauen, die Travis eingeladen hatte, verbrachten die meiste Zeit mit Mendy und seinen Freunden am Pool oder am Strand. Am Abend ging man gemeinsam essen und feiern. Danach gingen die Frauen mit den Männern aufs Zimmer. Auch Elsa.
Elsa ist es wichtig, eines klarzustellen: Sie ist eine selbstbestimmte Frau, die freiwillig mit berühmten Männern Sex hat. «Benjamin Mendy und seine Freunde waren sehr nett zu mir», sagt sie. «Sie waren respektvoll, witzig. Wir hatten eine gute Zeit.»
Doch aus Elsas Bericht wird auch deutlich, dass Travis keineswegs wie ein normaler Concierge auftrat. Er habe die Situation für sich ausnutzen wollen.
«Buchstäblich in der ersten Stunde, in der wir in diesem Hotelzimmer waren, versuchte er, mit allen Frauen, die er eingeladen hatte, Sex zu haben», erzählt Elsa. «Noch bevor die Fussballspieler eintrafen.»
Elsa sagt, sie habe sich geweigert. Andere nicht. «Manche hatten Sex mit ihm, aber sie waren nicht scharf drauf. Sie haben sich dazu durchgerungen, als müssten sie es einfach hinter sich bringen. Es war keine grosse Sache für sie. Sie dachten einfach, sie müssten das tun.»
Und hier zeigt sich die Widersprüchlichkeit solcher Partyarrangements: Niemand spricht hier von einer Vergewaltigung. Aber so ganz freiwillig ist der Sex auch nicht.
Einerseits haben die Frauen laut Elsa und Esad zu einvernehmlichem Sex mit Benjamin Mendy und seiner Entourage eingewilligt. Dazu wurden sie nicht gezwungen, das zu betonen, ist Elsa wichtig. Aber mit Travis wollten sie eigentlich nicht schlafen. Doch weil er als Organisator Sex verlangte, liessen einige Frauen Dinge zu, auf die sie keine Lust hatten. Sie gaben dem Druck nach.
Elsa beschreibt es so: «Wenn du oft mit berühmten Leuten unterwegs bist, verändert sich etwas in deinem Kopf. Du verschiebst immer mehr deine Grenzen, denn du denkst, du könnest ja froh sein, hier zu sein.»
Wie zuverlässig dieses Machtgefälle und das daraus resultierende Schuldgefühl funktioniert, zeigen die Fälle von Abercrombie & Fitch und Diddy. Dutzende mutmassliche Opfer werfen ihnen heute sexuellen Missbrauch vor.
Dass sich auch Travis dieses Mechanismus immer wieder bediente, zeigt ein Blick in die Nachrichten von Marks Instagram-Account. In mindestens drei Fällen hat er sich als Partyorganisator aufgespielt, um sexuelle Gegenleistungen zu erhalten.
Eine Frau erzählte uns am Telefon unter Tränen, wie er sie an einer Party im Januar 2020 zum Sex gedrängt habe, bis sie zustimmte. Eine andere Frau sagte, dass er bei einer Party während Corona im Frühling 2020 Oralsex als «Eintritt» verlangte. Eine weitere Frau, die wir im spanischen Malaga trafen, berichtete uns von Verletzungen im Intimbereich und von blauen Flecken. Auch sie weinte während des Interviews. Ihre Schilderungen wurden durch ihre Kollegin bestätigt, die gleichzeitig im selben Raum ebenfalls brutalen Geschlechtsverkehr mit zwei anderen Männern erlitt.
Das Muster wiederholt sich bei Travis und den anderen Angeklagten: Hoffnungen schüren, überrumpeln und darauf vertrauen, dass die Frauen schweigen.
Marbella
Und was sagt Travis zu all dem?
Gemäss Instagram-Account hält er sich die meiste Zeit in Marbella auf. Im Sommer gab er dort jeden Mittwoch eine Party in einem Strandclub. Das Motto, wir erinnern uns: «Don’t be shy».
An einem Mittwoch im Mai 2024 suchen wir den Club auf. Es ist ein wolkenloser Tag, Reggaeton-Musik, knapp bekleidete Gäste, den Espresso Martini gibt es für 22 Euro.
Wir sehen Travis sofort: Er springt auf Tische, tanzt und filmt sich dabei. Als er sich hinsetzt, sprechen wir ihn an. Er ist überrascht, willigt jedoch ein, mit uns zu reden.
Wir versuchen, ihn mit den Vorwürfen der Frauen zu konfrontieren, doch das Gespräch verläuft harzig. Die Musik ist laut, wir müssen schreien, die Antworten von Travis sind kryptisch.
Auf die Frage, warum ihm 34 Frauen über Instagram sexuelle Übergriffe vorwerfen, sagt er. «Ich weiss es nicht.» Und: «Das musst du sie fragen.» Zu den traumatischen sexuellen Erlebnissen an seinen Partys möchte er sich nicht äussern. «Das ist Scheisse. Mehr kann ich dazu nicht sagen.»
Und was ist mit der achtzehnjährigen Emma, die er aus der Villa werfen wollte, wenn sie keinen Sex mit ihm hat? «Wenn ich gesagt habe: Entweder du hast Sex, oder du gehst raus, dann ist es ja keine Vergewaltigung», entgegnet Travis. «Dann ist es: Entweder wir haben Sex, oder du gehst raus.»
Er streitet ab, jemals eine Frau vergewaltigt zu haben, sagt, dass die Frauen diese Geschichten erfunden hätten. Weil er entweder «zu ehrlich» oder «zu frech» zu ihnen gewesen sei.
Und zum Schluss des Gespräches sagt er: «Wenn ich jemanden vergewaltigt habe, gehe ich freiwillig in den Knast.»
Später nehmen wir nochmals Kontakt mit seiner Anwältin auf. Sie sagt, dass die meisten Vorwürfe, die über Instagram erhoben wurden, nicht der Polizei gemeldet wurden. Auch die Vorkommnisse an den Partys wurden nie angezeigt. Diese Anschuldigungen seien somit nicht von den Strafbehörden geprüft worden. Über den Wahrheitsgehalt der restlichen Anschuldigungen werde im kommenden März ein Gericht entscheiden.
Ladys only
Zwischen Sommer 2020 und Sommer 2022 beschuldigten acht Frauen den Manchester-City-Star Benjamin Mendy der Vergewaltigung. Im Zug des aufsehenerregenden Prozesses wurde öffentlich, dass Mendy während des Coronalockdowns mehrfach Sexpartys in seiner Villa veranstaltete.
Im Prozess sagte Benjamin Mendy aus, es sei «normal» gewesen, dass er an einem Abend mit mehreren Frauen schlief. Er sagte, nicht verhütet zuhaben, da er sich «keine Sorgen gemacht» habe. An eine Siebzehnjährige, mit der er Sex hatte, schrieb er am nächsten Morgen: «Vergiss die Pille nicht.»
Im August 2021 wurde Mendy verhaftet, später jedoch freigelassen und in allen Punkten freigesprochen. In keinem Fall waren die Geschworenen zweifelsfrei überzeugt, dass der Geschlechtsverkehr tatsächlich gegen den Willen der Frauen stattgefunden hatte.
Mendy klagte kürzlich, als einziger Manchester-City-Spieler an den Pranger gestellt worden zu sein, obwohl etliche Teamkollegen bei den Festen dabei gewesen seien: «Alle tranken wir Alkohol, alle hatten wir zwanglose Beziehungen zu Frauen, alle brachen wir die Covid-Regeln.»
Im März 2025 muss «Travis the Creator», angeklagt der mehrfachen Vergewaltigung, vor dem Zürcher Bezirksgericht erscheinen. Das hindert ihn nicht daran, mit seiner Partyreihe nach Madrid zu expandieren. Man kann ihn über Instagram auf seinen Partys begleiten.
Noch im Sommer 2024 schrieb er, dass er die Afterparty für das Konzert von US-Superstar Travis Scott in Zürich veranstalten werde. Wer dabei sein wolle, müsse sich über eine private Nachricht bei ihm anmelden.
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