True Story Award 2026
Shortlist

Wurden Murali und Mugunthan von Neonazis ermordet?

Bei einem Brand in Chur starben 1989 vier Menschen aus Sri Lanka, darunter zwei Kinder. Unsere Recherchen zeigen: Alles deutet auf einen Anschlag von Rechtsextremen hin. Doch die Polizei ist dieser Spur nie nachgegangen.

Die beiden Brüder waren unzertrennlich. Sie spielten Fussball, badeten abends mit extra viel Schaum und assen lieber Spaghetti als das tamilische Chicken ihrer Mutter. Die Namen der Brüder waren Balamurali und Balamugunthan.
Es sind fremd klingende Namen, die für uns schwierig zu merken sind. Aber wenn man sie ein paarmal laut ausspricht, dann bleiben sie im Gedächtnis. Man kann die Namen auch abkürzen, so wie es ihre Eltern und Freunde taten: Murali und Mugunthan.
Die beiden lebten in St.Gallen, sprachen Deutsch, waren in der Schule unauffällig. Die dunklen Haare wuschelig, das Jeanshemd vor dem Bauch geknotet, so sieht man sie auf Fotos, so beschreiben sie auch ihre Eltern, ihre Schwester, ihre ehemalige Lehrerin.
Der Ältere, Murali, half gern. Schon als kleiner Junge stieg er auf einen Stuhl, um abzuwaschen, und staubsaugte die Familienwohnung an der Oststrasse im Stadtteil St.Fiden. Einmal fragte er einen Gärtner, ob er für ihn arbeiten dürfe, er wolle mit dem Lohn die Eltern unterstützen.
Der Jüngere, Mugunthan, fühlte sich immer ein wenig benachteiligt. Er befürchtete, seine Eltern liebten die kleine Schwester mehr als ihn. Doch Mugunthans Angst war unbegründet: Sie liebten jedes ihrer drei Kinder gleich fest, bedingungslos, von ganzem Herzen.
Murali und Mugunthan werden für immer Kinder bleiben, zehn und neun Jahre alt.
Am 2. Juli 1989, in der Nacht von Samstag auf Sonntag, wurden die beiden Buben in Chur getötet. Ein Feuer verwüstete die Asylunterkunft, in der sie schliefen. Sie erstickten am Kohlenmonoxid.
Zusammen mit den beiden Kindern starben ein weiterer Jugendlicher und ein Mann: der achtzehn Jahre alte Saththivel Thambirajah und der vierzig Jahre alte Thevarajah Sinnethamby.
Vier Tamilen kamen ums Leben, die in der Schweiz Schutz vor dem Krieg in ihrer Heimat suchten.
Es hat viel mit Zufall zu tun, dass wir hier die Lebensgeschichte von Murali und Mugunthan erzählen und die mysteriösen Umstände, die zu ihrem brutalen Tod führten. Denn der Brand, bei dem sie vor fünfunddreissig Jahren ums Leben kamen, ging nicht in das kollektive Gedächtnis der Schweiz ein, nichts erinnert mehr daran, keine Tafel, keine Reden, und auch wir sind zufällig darauf gestossen. Der Historiker Damir Skenderovic hatte den Fall beiläufig erwähnt, in einem Interview mit der NZZ.
Weil wir vorher noch nie von dem Brand gehört haben, lesen wir in der Schweizerischen Mediendatenbank nach, was damals berichtet wurde. Es gab nur wenige Artikel, aber ein paar Journalisten und Politikerinnen stellten die Vermutung auf, die vier tamilischen Geflüchteten könnten bei einem rechtsextremen Anschlag ums Leben gekommen sein. Wir fragen uns: Ist das möglich? Und falls ja, warum gab es darüber keine Debatte? Und weshalb wurden die Mörder nie gefasst?
Wenn wir bisher an rechtsextreme Anschläge dachten, dann an Anschläge in Deutschland, etwa den in Solingen, bei dem im Mai 1993 zwei Erwachsene und drei Kinder getötet wurden. Ein Mahnmal erinnert an die Tat, Strassen wurden nach den Opfern benannt, der deutsche Bundespräsident hielt 2023 zum dreissigsten Jahrestag eine Gedenkrede. Es gibt Bücher über Solingen, Filme, Schulmaterial, sogar ein Hörspiel und Popsongs.
Aber über den Brand in Chur gibt es nichts. Und leider, so müssen wir im Verlauf unserer Nachforschungen feststellen, ist dieses Nicht-Erinnern kein Zufall; es folgt einem Muster.
Unsere Suche beginnt nicht bei den Hinterbliebenen, die sind zunächst unauffindbar, sondern bei Reto Padrutt in seinem Zuhause in Zürich. Wo genau er wohnt, das dürfen wir nicht schreiben, das sei ihm «zu heikel». Er sagt das gleich zu Beginn unseres Treffens, während er, im Garten stehend, eine Zigarette raucht.
Padrutt, heute achtundsiebzig Jahre alt, war früher Journalist. Er berichtete zusammen mit dem Reporter Andreas Hoessli für die «Rundschau» über den Anschlag von Chur und recherchierte viele Jahre lang in der rechtsextremen Szene. In jener Zeit, so erzählt er uns, habe er in einem Mehrfamilienhaus gewohnt, bei dem die Eingangstür kaputt war, sie liess sich nicht mehr abschliessen. Und so ist er «ziemlich erschrocken», als er einen Brief von der rechtsextremen Patriotischen Front erhielt, in dem stand, man wisse von der kaputten Tür und werde bei ihm Feuer legen.
In der hellen Wohnung im ersten Stock setzen wir uns an den Holztisch, auf dem schon die Unterlagen bereitliegen, die Padrutt für uns aus dem Keller geholt hat. Es sind seine Notizen zum Brand von Chur. Wir lassen den Kaffee kalt werden und stürzen uns stattdessen auf die sorgfältig geordneten Blätter. Padrutt und sein Kollege trugen damals Hinweise zusammen, die auf einen Anschlag aus der rechtsextremen Szene hinweisen.
Später schicken wir der Staatsanwaltschaft in Chur einen eingeschriebenen Brief und bitten um Einsicht in sämtliche Untersuchungsakten zum Brand. Wir sprechen mit ehemaligen Polizisten, mit einer Augenzeugin, einem Anwalt und mit weiteren Journalisten.
In St. Gallen treffen wir schliesslich auch die Schwester und die Eltern der beiden toten Buben. Die Familie zu finden, war schwierig, denn die Behörden und folglich auch die Presse hatten damals den Nachnamen falsch geschrieben, Kandian statt Kandiah. Beim jüngeren der Brüder stimmte auch der Vorname nicht: Balamuganthan statt Balamugunthan. Fehler, die bezeichnend sind für die Art und Weise, wie man mit der Familie umging, und auch dafür, wie die Ermittlungen geführt wurden.

Ein feierlicher Abend, eine grauenvolle Nacht
Der 1. Juli 1989 war ein kühler und regnerischer Samstag. In St.Gallen hatten gerade die Sommerferien begonnen, doch Vasanthi und Siva Kandiah mussten arbeiten. Sie waren angestellt als Küchenhilfen, typische Jobs für Tamilen, die in den späten Achtzigern aus dem Bürgerkrieg in die Schweiz geflüchtet waren. Ihren Söhnen und der sechsjährigen Tochter Mena war es langweilig, so allein zu Hause. Sie wollten zu einem Familienfest nach Chur, doch die Eltern erlaubten es nicht. Nun geschah etwas, das in allen Familien passiert und eigentlich harmlos ist. Die Kinder quengelten, es kam zum Streit, Mutter und Vater gingen genervt zur Arbeit.
Es war die letzte Begegnung der Eltern mit ihren Söhnen.
Die drei Geschwister reisten noch am gleichen Tag mit ihrem Onkel nach Graubünden – gegen den Willen der Eltern. Abends standen die Kinder in der Küche an der Alexanderstrasse in Chur und telefonierten kleinlaut mit der Mutter. «Morgen holen wir euch ab», sagte sie.
Es soll ein feierlicher, ein friedlicher Abend gewesen sein. Fünfzehn Tamilen versammelten sich an jenem Samstag in der Viereinhalb-Zimmer-Wohnung im Obergeschoss, der Rest des Hauses stand leer. Die Gäste waren aus verschiedenen Kantonen angereist. Ursprünglich kamen die meisten aus demselben Dorf in der Nähe der Stadt Jaffna und waren auf die ein oder andere Art miteinander verwandt. Um halb zehn gab es Abendessen. Vor einem leeren Stuhl wurde ein zusätzlicher Teller aufgestellt, so wie es bei Hindus Brauch ist, um der Toten zu gedenken, in diesem Fall des Grossvaters der drei Kinder. Alkohol trank niemand, einige rauchten. Um Viertel nach zwölf legte sich der Letzte schlafen.
Zwei Stunden später, nachts um 2.14 Uhr, wählte ein Nachbar den Notruf und meldete der Stadtpolizei Chur, dass das alte Haus an der Alexanderstrasse 38 in Flammen stehe. Zuerst brach Verwirrung aus, dann Panik, dicker Rauch füllte die Zimmer. Plötzlich ging das Licht aus, und es war stockdunkel. Weil das Treppenhaus brannte, konnte sich nur retten, wer aus dem Fenster sprang, fünf Meter in die Tiefe. Die meisten verletzten sich dabei. Jemand warf die bewusstlose Mena aus dem Fenster, ein anderer fing das Mädchen unten auf. Zwei Männer trauten sich nicht zu springen, der achtzehnjährige Saththivel Thambirajah und der vierzigjährige Thevarajah Sinnethamby. Ihre Körper verbrannten bis zur Unkenntlichkeit. Die beiden Buben Murali und Mugunthan erstickten in ihren Betten. Wahrscheinlich im Schlaf.

Gestutzte Hecken, grüssende Nachbarn
Margarethe Sauter war dabei, als die Feuerwehr die leblosen Körper der beiden Buben aus dem brennenden Haus holte und später die Überreste der beiden Männer barg. Sie wohnte direkt gegenüber.
Wir treffen Sauter in Chur und spazieren zur Alexanderstrasse 38, wo die vier Menschen ihr Leben liessen. Heute steht dort ein Mehrfamilienhaus inmitten einer idyllischen Nachbarschaft mit Apfelbäumen, gestutzten Hecken, grüssenden Anwohnern – keine Spur mehr von dem, was sich vor fünfunddreissig Jahren ereignete.
Als wir vor Margarethe Sauters alter Wohnung stehen, kommt eine Frau mit dem Velo nach Hause. Wir fragen, ob sie wisse, was gegenüber geschehen ist. Sie nickt. Dann wechselt sie das Thema.
Margarethe Sauter war damals Anfang zwanzig, Fotografin für das «Bündner Tagblatt», und lag im Bett, als sie durch die Schreie ihrer tamilischen Nachbarn geweckt wurde. Sie riss den Fensterladen auf, rief die Feuerwehr, schnappte sich ihre Decke und rannte nach unten. Die Decke legte sie einem Mann um die Schultern, der den Flammen nur spärlich bekleidet entkommen war.
Niemand aus der Nachbarschaft hatte eine Leiter, die lang genug gewesen wäre, um in den ersten Stock zu reichen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Feuerwehr kam, aber für Margarethe Sauter fühlte es sich an wie eine Ewigkeit. Danach tat sie das Einzige, was sie noch tun konnte – ihren Job. Sie holte ihre Kamera und dokumentierte. Auch für die Zeitung, aber nicht nur deshalb. Denn für sie sei schon im ersten Moment klar gewesen: «Mord.»
Einerseits weil der Brand unten im Treppenhaus, im unbewohnten Parterre, zu wüten begonnen hatte. Andererseits wegen der Stimmung damals in Chur. Eine Stimmung, die Fremden gegenüber feindselig war.
Drei Wochen vor dem Anschlag hingen in der Stadt fotokopierte Zettel. In dreidimensional gestalteten Buchstaben stand dort:

«ATO–Anti Tamilen Organisation. Für eine saubere Schweiz.»
Reto Padrutt, der Journalist, den wir in Zürich besuchten, hat eine Kopie des Flugblatts in seinem Ordner abgelegt. Wer es damals verbreitet hatte, konnte er nicht herausfinden. Er stiess aber in Chur auf ein mit Hakenkreuzen und SS-Runen verspraytes Haus, das wohl als eine Art Treffpunkt für Rechtsextreme diente. Padrutt hat auch Namenslisten erstellt mit Leuten, die Mitglieder rechtsextremistischer Organisationen waren. Darunter sind mehrere Personen aus Graubünden und dem angrenzenden St. Galler Rheintal.
In den Untersuchungsakten, die wir von der Staatsanwaltschaft erhalten haben, finden wir ein weiteres Dokument, dessen Inhalt nur schwer zu ertragen, aber von Bedeutung ist: eine Art Bekennerschreiben zum Brandanschlag, adressiert an den damaligen Bündner Regierungsrat Luzi Bärtsch:
Unterschrieben ist der Brief mit pakt rütlischwur 1991.
Brandstiftung? JA! Dritte und letzte Warnung an B.Rat Koller, Arbenz & Polit-Konsorten: RAUS MIT DEM ASYLANTEN-u. RAUSCHGIFTPACK AUS UNSEREN DÖRFERN u. STÄDTEN. ODER WIR VERHEIZEN DAS GESINDEL, BIS KEINER MEHR IN UNSEREN HÄUSERN IST!

«Tamilenbatzen»
Die Menschen aus Sri Lanka, die Ende der Achtziger und in den frühen Neunzigern in die Schweiz kamen, weckten Ängste und Missgunst. Obwohl sie aus einem Bürgerkrieg flohen, obwohl sie als Angehörige der tamilischen Minderheit in ihrer Heimat verfolgt wurden, galten sie als falsche Flüchtlinge. Eine Motion im Nationalrat, die politisch breit abgestützt war, forderte eine Unterscheidung zwischen «unechten und echten Flüchtlingen». Die Tamilen, hiess es, «werden in der Schweiz kaum je heimisch werden».
In Thun war die Unterscheidung, oder eher Diskriminierung, bereits real. Die tamilischen Geflüchteten bekamen von den Behörden, anders als andere Asylbewerber, keine Schweizer Franken, sondern sogenannte Tamilenbatzen. Das waren Münzen, die aussahen wie Spielgeld und mit denen sie in den lokalen Läden einkaufen mussten.
Parteien wie die Nationale Aktion, die Autopartei, die Vigilance und die Lega dei Ticinesi hetzten gegen die Tamilen und machten Fremdenfeindlichkeit zu ihrem Programm – das Antirassismus-Gesetz trat erst 1995 in Kraft.
Auch die Medien spielten eine unrühmliche Rolle. Der «Blick» führte eine Kampagne gegen die Tamilen, bezeichnete sie als «Männer in Lederjacken» und kolportierte, der Drogenhandel in der Schweiz werde von den «Heroin-Tamilen» kontrolliert. Eine Studie des Bundes kam später zum Schluss, dass die Kriminalitätsrate der eingewanderten Sri Lanker gleich hoch war wie die der Schweizer Bürger. Andere Zeitungen zogen mit, der Presserat rügte damals den «Tages-Anzeiger», weil in einem Artikel fälschlicherweise behauptet wurde, mehr als die Hälfte der tamilischen Männer in der Schweiz hätten ein Alkoholproblem.
Die Fotografin Margarethe Sauter erinnert sich an keine Anti-Tamilen-Flugblätter und bekam nur wenig von den Neonazi-Gruppierungen mit, die damals in Graubünden aktiv waren. Aber die Haltung, den Flüchtlingen mit der dunklen Haut nicht mit Wohlwollen zu begegnen, die war verbreitet, sagt sie. Sogar in der Brandnacht. Die Hälfte der Nachbarn habe geholfen, mit Decken, Wasser und erster Hilfe. Die andere Hälfte lehnte über den Zaun und palaverte. «Geschieht ihnen recht, hätten sie halt nicht hierherkommen sollen», hörte Margarethe Sauter jemanden sagen, während die Feuerwehr damit beschäftigt war, die Leichen von Murali und Mugunthan zu bergen.
Die Aufnahmen, die Margarethe Sauter machte, erschienen am nächsten Tag im «Bündner Tagblatt» – die Negative hat sie vor ein paar Jahren verschnitten. Es war ein symbolischer Akt, um die Bilder nicht länger mit sich herumtragen zu müssen.
Was sie sich bis heute nicht erklären kann: «Ich habe damals für die Zeitung viele Verkehrsunfälle fotografiert. Oft stand nachher der Untersuchungsrichter da und hat den Film eingezogen.» Nicht hier. Obwohl einer der Nachbarn die Polizei darauf hinwies, dass sie Aufnahmen gemacht habe, wurde sie nie einvernommen. «Ich war die Einzige, die in dieser Nacht fotografiert hat. Meine Bilder, das war Beweismaterial – und sie haben nicht einmal danach gefragt.»

Die Schwester
Als es in der Nacht zum 2. Juli 1989 zu regnen begann, kam die kleine Mena vor dem brennenden Haus zu sich. Ein Polizist trat auf sie zu und fragte, was ihre Brüder getragen hätten. Sie antwortete: Murali eine türkisfarbene Hose, Mugunthan eine rote.
Unterdessen ist Mena kein Mädchen mehr, sondern eine Frau von einundvierzig Jahren. Sie lebt noch immer in St.Gallen, hat geheiratet und heisst deshalb nicht mehr Kandiah, sondern Nirozan. Am Telefon sagt sie, sie wisse nicht, warum sie uns überhaupt zurückrufe. «Eigentlich spreche ich ja nicht einmal mit meinen Eltern darüber, was passiert ist.»
Schliesslich willigt sie doch zu einem Treffen ein. Wir verabreden uns im Café Roox in St.Gallen. Es liegt an einer Hauptstrasse, die Tischchen stehen auf dem Trottoir, kein idealer Ort für private Gespräche. Mena Nirozan kommt direkt vom Büro, sie arbeitet als Personalfachfrau in einem Unternehmen, trägt Bluse und Blazer und wirkt auf eine freundliche Art zurückhaltend.
Schweigen, so hat die Familie Kandiah versucht, mit dem Schmerz umzugehen. Dass ihre Brüder gestorben sind, hätten ihr die Eltern nie gesagt, irgendwann habe sie es einfach gewusst, erzählt Mena Nirozan. Nachdem sie aus dem Spital in Chur entlassen worden war, fuhren sie zu dritt zurück nach St.Gallen. Als sie die Wohnung betraten, rissen ihre Eltern als Erstes alle Bilder der hinduistischen Götter von den Wänden. «Es waren viele Bilder», sagt Mena trocken. Sie schlief von nun an im Ehebett, weil sie schlafwandelte und von ihren Brüdern träumte. Und weil ihre Eltern furchtbare Angst um sie hatten.
Angst. Das Gefühl beherrschte ihre Kindheit, ihre Jugend, selbst ihr Leben als Erwachsene. Sie sei, sagt sie, in einem «goldenen Käfig» aufgewachsen. Ihre Eltern fürchteten ständig, jemand könnte ihr etwas antun. Sie liessen sie nicht aus den Augen, überschütteten sie gleichzeitig mit Zuneigung. Selbst nachdem sie geheiratet hatte, wollte und konnte Mena ihre Eltern nicht alleine lassen, also zog ihr Mann bei ihnen ein. Das Paar bekam zwei Söhne. «Der Ältere ist dünn und dunkel wie Murali, der Jüngere mollig und hell wie Mugunthan.» Das sei tröstend. «Als würde etwas von meinen Brüdern in meinen Söhnen weiterleben.»
In all den Jahren hat Mena Nirozan kaum je über das Trauma jener Nacht gesprochen, aber es hat sich in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt. Es müsse vor etwa sechs Jahren gewesen sein, als sie auf der deutschen Autobahn nach Hause fuhr und aus den Augenwinkeln sah, wie neben der Strasse etwas brannte. «Ich stellte das Auto einfach ab, mitten auf der Überholspur.» Sie habe, ohne zu überlegen, den Zündschlüssel abgedreht. Passiert sei glücklicherweise nichts, ihr Mann sass neben ihr und schaffte es, das Auto auf den Pannenstreifen zu lenken.
Während Leute mit Laptoptaschen an unserem Tischchen vorbei in den Feierabend schlendern, erzählen wir ihr von den Untersuchungsakten, die wir einsehen konnten. Von den rechtsextremen Flugblättern, davon, dass ihre Brüder eventuell bei einem Anschlag ums Leben gekommen sind und wir der Sache nachgehen wollen.
Sie schweigt und schaut auf ihre kunstvoll lackierten Fingernägel. «Das zu hören, ist hart», sagt sie schliesslich. «Es macht mich sehr traurig.» Fragen stellt sie keine, stattdessen denkt sie nach und sagt dann. «Ich habe die Schweiz nie als rassistisches Land erlebt, wurde nie diskriminiert, ja nicht einmal beleidigt. Und jetzt das.»
Es ist ein beklemmender Moment. Mena sagt, sie sei davon ausgegangen, dass der Brand ein Unfall war. Sie deutet an, wir hätten gerade eine Gewissheit infrage gestellt, die für sie bisher unbestritten war: die Gewissheit, dass sie und ihre Familie in diesem Land gleichbehandelt werden wie alle anderen.

Skinheads und Fröntler
Der Anschlag auf die Asylunterkunft an der Alexanderstrasse in Chur kam nicht unerwartet und war, wie wir im Verlauf der Recherche feststellen, kein aussergewöhnliches Ereignis. In den Achtzigern und frühen Neunzigern erstarkte der Rechtsextremismus. Unter Historikern heisst die Zeit «kleiner Frontenfrühling». Der Begriff Front, den faschistische Bewegungen in der Schweiz erstmals in den Dreissigerjahren benutzten, wurde nun von Schweizer Neonazis aufgegriffen, sie nannten sich Neue Front, Patriotische Front, Schaffhauser Front und so weiter. Rassismus war auch Teil einer Jugendkultur, die aus England kam. In fast jedem Sekschulhaus gab es einen Skinhead mit Springerstiefeln, der Ausländer anpöbelte und sich mit Linken prügelte.
Die Schweiz blickte mit einer gewissen Neugier auf die Rechtsextremen. Sie galten als Freaks, wurden von Fernsehteams besucht und in Talkshows eingeladen. So kam es, dass ein Luzerner mit Rauschebart bald fast so bekannt war wie ein Bundesrat. Marcel Strebel, der Anführer der Patriotischen Front, durfte seine kruden Ideen im «Zischtigsclub» ausbreiten. Dass er bereits im Foyer des Fernsehstudios eine Frau als «schwarze Hure» beschimpfte, sie schubste und anspuckte, hielt die TV-Macher nicht davon ab, ihn in der Sendung willkommen zu heissen.
Gerne hätten wir über all das mit Jürg Frischknecht gesprochen. Frischknecht war ein bekannter Ostschweizer Journalist und kannte sich wie kein anderer in dieser Szene aus. Leider ist er vor einigen Jahren gestorben. Er hat aber ein Buch hinterlassen über «die neuen Fröntler und Rassisten», eine Art Grundlagenwerk, auf dessen Cover vier weiss vermummte Gestalten des Zuger Ku-Klux-Klan abgebildet sind. Nachdem wir das Buch gelesen haben, in dem auch der Anschlag in Chur kurz erwähnt wird, kleben drei Dutzend Post-its zwischen den Seiten – ein Zettelchen für jede rassistische Gewalttat:
Im selben Jahr, in dem Murali und Mugunthan ihr Leben liessen, wird in Fribourg Mustafa Yildirim, vierundvierzig Jahre alt, Kurde und Vater von drei Kindern, von einem rassistischen Lehrling zu Tode geprügelt.
Und in Regensdorf tötet der Schweizer Ex-Boxchampion Walter E. den Tamilen Santhakumar Sivaguru mit einem einzigen Faustschlag. Der Wirt, der um seinen jungen Hilfskoch trauerte, sagte später: «Jedes Mal, wenn er in die Küche trat, war es, als ginge die Sonne auf.»
Zwischen 1988 und 1993 gab es in der Schweiz dreizehn Todesopfer rechtsextremer Gewalt. Gemessen an der Bevölkerungszahl, sind das mehr als überall sonst in Europa und auch deutlich mehr als in Deutschland. Welche Strassennamen in der Schweiz erinnern an sie? Welcher Bundesrat gedenkt ihrer? Welche Geschichtslehrerin spricht über sie?

In Frischknechts Buch lesen wir, dass es die rechtsextremen Gruppen besonders auf tamilische Flüchtlinge abgesehen hatten. So auch bei der sogenannten Tamilenjagd von Zug. Fünfundzwanzig Männer und Frauen der Patriotischen Front trafen sich am 20. Mai 1989 auf dem Landsgemeindeplatz. Ihre Absicht: mit Fäusten, Stöcken und Veloketten Tamilen verprügeln. Sie stürzten sich auf die Ahnungslosen, viele waren gerade auf dem Heimweg von der Arbeit. Es gab Schwerverletzte.
Erneut nehmen wir unsere Post-its hervor, wir möchten zählen, wie oft in jenem Jahr in der Schweiz eine Flüchtlingsunterkunft angegriffen wurde. Es waren dreizehn Mal. Allein in Graubünden brannte es viermal. Und so fragen wir uns: Gibt es vielleicht einen Zusammenhang zwischen den Bränden im Kanton?

Eine Spur
An zwei schwülen Sommertagen sitzen wir in einem Büro der Staatsanwaltschaft Graubünden. Die Beamtinnen sind freundlich und hilfsbereit; durchs offene Fenster dringen die Rufe der Buben vom nahen Fussballplatz. Wir studieren die Akten der vier Brandanschläge, die zwischen November 1988 und August 1989 im Kanton Graubünden verübt wurden.
29. November 1988, Klosters-Selfranga: Brandanschlag auf ein Bundesasylzentrum, in dem sechs Hilfsarbeiter untergebracht sind. Sie überleben unverletzt. Später geht bei der Polizei ein anonymer Anruf ein: «Wir machen weiter.» Unterstützerinnen von Asylsuchenden erhalten anonyme Drohbriefe, sie enden mit «PS: Ihre Wohnung könnte das nächste Objekt sein.» Täterschaft unbekannt.
2. Juli 1989, Chur: Der Brand an der Alexanderstrasse, vier Tote.
2. August 1989, Chur: Brandstiftung im Durchgangszentrum Loëstrasse, in dem hundert Menschen wohnen. Ein Bewohner des Heims, der noch wach ist, kann den Brand löschen.

7. August 1989, erneut das Durchgangszentrum Loëstrasse: Brandstiftung im Aufgang zur Treppe. Das Feuer kann durch die Anwohner, Betreuer und den Feuerinspektor der Stadt Chur, der im Nebenhaus wohnt, gelöscht werden.
Beim Sichten der Akten stellen wir fest: Nicht nur erfolgten alle vier Brandanschläge auf Unterkünfte für Geflüchtete – die Täterschaft ging auch in jedem der Fälle gleich vor. Der Brand wurde jeweils in der Nacht gelegt, mit Brandbeschleuniger im Eingangsbereich, sodass den schlafenden Bewohnern der Fluchtweg abgeschnitten wurde.
Die Parallelen sind offensichtlich, zumindest für uns. Die Bündner Polizei sah das damals anders. In den Untersuchungsakten zum Fall Alexanderstrasse werden die anderen Brandanschläge nur am Rand erwähnt – ein näherer Zusammenhang sei nicht zu finden.
Die Polizei bildete im Fall Alexanderstrasse eine Sonderkommission. Sie befragte zehn der tamilischen Flüchtlinge, die den Brand überlebt haben, zwei Männer, die den Brand gemeldet hatten, einen für die Wartung zuständigen Elektromonteur, den Inhaber der Garage im Parterre und eine Person, die etwas Verdächtiges meldete. Insgesamt sprach die Polizei mit weniger Menschen, als wir für diese Recherche befragt haben.
In den Unterlagen steht, wo die Sonderkommission den Schwerpunkt legte: Erstens wollten sie herausfinden, ob der Brand ein Unfall war (zum Beispiel ein Elektrobrand oder eine brennende Zigarette); zweitens, ob die Asylsuchenden selbst die Täter waren, obwohl es dafür nicht einen einzigen Hinweis gab. Sie stellten Fragen wie: «Bestehen Rivalitäten unter den Tamilen? Sind Racheakte von Libanesen und Syrern gegenüber den Tamilen die Auslöser dieser Brandanschläge?»
Die Frage, ob es sich um den Anschlag einer rechtsextremen Gruppe mit fremdenfeindlichem Motiv handeln könnte, suchen wir in den Akten vergebens. Trotz Flugblatt, Bekennerschreiben und drei weiteren Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte in weniger als einem Jahr.
Der Nachrichtendienst wird eingeschaltet, um «politische Zusammenhänge herauszufinden». Was genau damit gemeint war, ist in den Akten der Staatsanwaltschaft nicht dokumentiert – aber die Stossrichtung lässt sich aus zwei Nebensätzen herauslesen: Dem Nachrichtendienst sei es nicht gelungen «in diesen ausländischen Personenkreis einzudringen». Weiter würden Mitarbeiter fehlen, «welche bei den Tamilen als Polizisten nicht bekannt sind». Man fokussierte also auch beim Nachrichtendienst einzig darauf, unter Tamilen und anderen Flüchtlingsgemeinschaften verdeckt zu ermitteln.
Wir stellen konsterniert fest: Die Strafverfolgungsbehörden haben gar nicht erst im rechtsradikalen Milieu ermittelt. Ja, sie taten überhaupt wenig, um den Fall aufzuklären.
Aber vielleicht tun wir ihnen ja unrecht, vielleicht haben wir etwas übersehen? Wir bitten einen Experten um Hilfe.

Ein fassungsloser Polizist
Hannes Tarnutzer ist pensionierter Polizist und war in jener Nacht vor fünfunddreissig Jahren an der Alexanderstrasse im Einsatz. Tarnutzer, fester Händedruck, aufrechter Gang, heisst in Wirklichkeit anders. Wir treffen ihn in einem Bistro in Landquart. Während am Nebentisch zwei Kinder spielen, holen wir aus unserem Rucksack die Akten hervor, die uns die Angehörigen der Opfer ausgehändigt haben. Es ist das erste Mal, dass Tarnutzer die vollständige Untersuchung sieht.
Er hat die Nacht nicht vergessen, auch wenn es in seinen fast dreissig Jahren bei der Polizei nicht sein einziger Brandeinsatz mit Todesopfern war. «Die Bilder sind das eine. Der Geruch…» Tarnutzer hält inne und sagt dann: «Mit heutigen Methoden hätten wir die Täterschaft überführt. Aber damals waren die Mittel halt sehr begrenzt. Das muss man berücksichtigen.»
Als wir ihm den Bundesordner überreichen, legt sich seine Stirn in Falten. «Das ist alles?», fragt er mit Blick auf den knapp vier Zentimeter hohen Stapel Papier.
Das ist alles.
Er wisse von einem Fall einer Diebstahlserie. Da würden 15 Kilogramm Akten bei der Staatsanwaltschaft liegen. Dann beginnt er zu blättern.

Zwei Tage nach dem Brand meldete ein Anwohner, der sein Auto in der Seitengasse zur Alexanderstrasse geparkt hatte, dass ihm Benzin aus dem Tank gestohlen wurde. Ein Putzlappen stecke in der Tanköffnung, der Tankdeckel sei unauffindbar. «Warum haben sie keine Fingerabdrücke vom Auto genommen?», fragt Tarnutzer laut. Auch vom Anti-Tamilen-Flugblatt und dem Bekennerschreiben – «Keine Fingerabdrücke, keine Untersuchungen, auf was für einem Gerätetyp das verfasst wurde, keine Anfragen bei den Druckereien in der Region…». Tarnutzer ist auch erstaunt, dass die Zaungäste in der Brandnacht nicht befragt wurden. «Gerade bei möglichen Brandstiftungen findet man die Täterschaft nicht selten unter den Gaffern.»
Wir blättern weiter zum Bericht des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich. Dazu muss man wissen: Wenn es in Graubünden Tote gab, wurden meist Experten von aussen geholt, weil die Bündner Kantonspolizei dafür nicht ausgerüstet war. Die Zürcher Forensiker stellten fest, dass die Haustüre beim Eintreffen der Polizisten in der Brandnacht offen stand, obwohl die Bewohner versicherten, die Türe sei zu gewesen, als sie sich schlafen legten. Den Schwerpunkt ihrer Ermittlungen legten sie auf eine Autowachsbüchse, die im Treppenhaus gefunden wurde. Im Labor untersuchten sie den Inhalt und kamen zum Schluss, dass das, was mal in der Büchse drin war, «als Brandbeschleuniger geeignet» sei.
Das Fazit der Zürcher Experten: «Eine Brandstiftung steht im Vordergrund.»
Zur These ihrer Bündner Kollegen, dass der Brand wegen eines Kurzschlusses im Sicherungskasten entstand, schreiben die Zürcher, das sei «nicht wahrscheinlich», weil das Licht in der Wohnung noch funktionierte, als der Brand entdeckt wurde, und weil der Brand nicht im ersten Stock ausbrach, wo sich der Sicherungskasten befand, sondern unten im Treppenhaus, wo es weit und breit keine Elektroanschlüsse gab.
Ein Kurzschluss, schreiben die Forensiker weiter, liesse sich aber auch «nicht vollständig ausschliessen». Letzteres wertet Tarnutzer als reine Pro-forma-Aussage. «Wenn ich das lese, ist es für mich sonnenklar: Brandstiftung. Gemäss Sachverhalt mit dringendem Verdacht auf qualifizierte Tötung – Mord.»
Tarnutzer sagt, es mache ihn stutzig, dass seine Kollegen in Chur nicht mit entsprechendem Nachdruck ermittelten – «sondern larifari, als wäre nur ein Adventskranz abgefackelt». Noch etwas stört ihn: Ob in der Büchse tatsächlich Autowachs war oder sie mit etwas anderem gefüllt wurde – etwa mit Benzin –, das mussten die Forensiker offenlassen. Um den Inhalt genauer zu untersuchen, hätte die Bündner Polizei einen speziellen Auftrag an die Zürcher Kollegen rausgeben müssen. Das taten sie aber nicht. Die Büchse – und damit eines der wichtigsten Beweismittel – wurde vernichtet.
Tarnutzer sucht in den Unterlagen nach Erklärungen. Dann wird er plötzlich still. Beginnt vor- und zurückzublättern. Wechselt immer wieder zwischen den gleichen zwei Seiten, bis er schliesslich leise sagt:
«Gopfertammi.»
Er deutet auf zwei Daten: Am 10. Oktober 1989 schickten die Zürcher Forensiker den Bericht mit dem Fazit: «Brandstiftung im Vordergrund.» Am 5. Oktober – also fünf Tage vorher – und nur drei Monate nach der Brandnacht beantragte die Sonderkommission im Fall Alexanderstrasse ihre Auflösung. «Sie haben noch nicht einmal den forensischen Bericht abgewartet, bevor sie den Sack zumachen wollten.» Tarnutzer atmet tief durch. «Das ist ziemlich krass.»
Es ist der Moment, in dem für uns kein Zweifel mehr besteht: Was im Fall Alexanderstrasse geleistet wurde, war im besten Fall unterirdische Polizeiarbeit. Eher aber ein Skandal. Denn auch das oberste Gericht des Kantons verhielt sich fragwürdig.
Jetzt wird es etwas kompliziert, aber es ist wichtig, hier ins Detail zu gehen: Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen mit nur einer Begründung ein: Die Brandursache habe nicht eindeutig geklärt werden können. So steht es auf der Einstellungsverfügung. Gegen diese erhob der Anwalt der Opferfamilie Beschwerde beim Kantonsgericht. Die Eltern von Murali und Mugunthan wollten, dass weiter nach Tätern gesucht wird.
Das Kantonsgericht wies die Beschwerde der Opferfamilie aber ab, wodurch das Verfahren und somit auch alle Ermittlungen endgültig eingestellt wurden. Aber, und das ist seltsam, das Kantonsgericht änderte die Begründung für die Einstellung. Das Gericht sah wohl, dass die Begründung der Staatsanwaltschaft nicht genügte und den Forensikern aus Zürich widersprach. Die neue Begründung der Richter lautete: Es gibt keinen Verdacht auf eine konkrete Täterschaft. Und: Es konnte nie herausgefunden werden, wer die rassistischen Flugblätter verfasste.
Logisch konnten die Urheber nicht gefunden werden, wenn die Polizei nicht danach gesucht hatte.
Eigentlich gilt in der Schweiz die sogenannte Untersuchungsmaxime. Das heisst, die Strafverfolgungsbehörden (also die Polizei und die Staatsanwaltschaft) müssen nach allen Mitteln der Kunst Informationen beschaffen, wichtige Tatsachen klären und Beweismittel klarmachen. Diese Maxime, so müssen wir feststellen, wurde beim Brand an der Alexanderstrasse verletzt.
Gerne hätten wir die Richter konfrontiert, die an der Einstellung beteiligt waren, doch das ging nicht. Einer ist bereits verstorben. Und diejenigen, die noch leben, sagten am Telefon, sie würden sich nicht erinnern, und verwiesen uns an das heutige Kantonsgericht. Das Kantonsgericht wiederum schrieb uns in einer E-Mail, dass es nichts dazu sagen kann, weil es keine rechtskräftig abgeschlossenen Verfahren früherer Kammern bewertet.
Etwas ist uns wichtig zu betonen: Die Bündner Kantonspolizei arbeitete damals nicht generell schlecht. Andernorts im Kanton wurde zur gleichen Zeit gute und gründliche Arbeit geleistet.
Das beweisen die Akten zum Brandanschlag im November 1988 auf das Asylzentrum in Klosters. Obwohl es nur um einen Sachschaden ging, ermittelte die Behörde mit grosser Sorgfalt. Ein Gemeindearbeiter, der sich abfällig über Asylsuchende äusserte, wurde sofort befragt. Es folgte ein Zeugenaufruf, Reifenspuren und Fussabdrücke wurden fotografiert, anonyme Anrufe zurückverfolgt, und es kam zu einer Hausdurchsuchung. Anhand von Schreibmaschinenanalysen wurden die Absender von Drohbriefen ausfindig gemacht. Auch wenn das Verfahren nach sieben Monaten eingestellt werden musste, ist offensichtlich, dass die Beamten ihr Möglichstes taten, den Fall ergebnisoffen aufzuklären.
Ganz anders lesen sich die Akten aus Chur. Warum?

Der pensionierte Polizist Tarnutzer mag nicht spekulieren. Nur so viel: Man dürfe den Polizisten nicht alles zur Last legen. «Wie und mit welchen Mitteln eine Untersuchung geführt wird, hängt auch stark vom zuständigen Untersuchungsrichter ab.»
Der Untersuchungsrichter – heute würde man Staatsanwalt sagen – war in den drei Fällen in Chur derselbe, in Klosters ein anderer. Der in Chur sei nicht lange bei der Staatsanwaltschaft geblieben – zwei oder drei Jahre später sei er in ein anderes Amt gewechselt, erinnert sich Tarnutzer.
Wir haben den Untersuchungsrichter angerufen, doch auch er wollte keine Stellung nehmen. Nur so viel: Er habe professionell gearbeitet. Unterdessen sei er pensioniert und fühle sich deshalb nicht befugt, Auskunft zu geben.
Anderntags holen wir uns in einem Laden neben dem Büro eine Suppe und fassen während des Mittagessens zusammen, was wir in den vergangenen Wochen herausgefunden haben.
Erstens: Die vier tamilischen Asylsuchenden sind bei einem Brandanschlag umgekommen, daran lassen die Akten und unsere Recherchen keinen Zweifel. Zweitens: Die Polizei, die Staatsanwaltschaft und das Kantonsgericht haben ihre Pflicht nicht getan – und haben damit nicht nur die Untersuchungsmaxime verletzt, sondern möglicherweise sogar gegen das Willkürverbot verstossen. Das Willkürverbot schützt uns nämlich, wie es der Name schon sagt, vor staatlicher Willkür, und es setzt Mindeststandards fest, an die sich der Staat halten muss. Und drittens: Weil sie pflichtwidrig gearbeitet haben, können wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass Rechtsextreme die Büchse mit dem Brandbeschleuniger gezündet haben. Allerdings gibt es zahlreiche Indizien dafür: Vier Brandanschläge in weniger als einem Jahr auf Flüchtlingsunterkünfte in Graubünden – jedes Mal mit Brandbeschleuniger beim Eingang. Drohanrufe und -briefe nach der ersten Brandstiftung in Klosters: «Wir machen weiter.» Ein mit Rassismus gespicktes Bekennerschreiben des Pakts Rütlischwur nach dem Brand in der Alexanderstrasse. Eine aktive und gut organisierte Neonaziszene in der Schweiz und in Graubünden, die es besonders auf tamilische Geflüchtete abgesehen hat. Und keinerlei Hinweise auf andere Täter.

Etwas verstehen wir allerdings bis heute nicht: Warum arbeitete sowohl die Polizei als auch die Staatsanwaltschaft in Chur so nachlässig? Weshalb griff das Kantonsgericht als Beschwerdeinstanz nicht korrigierend ein?
Wir haben nicht herausgefunden, ob sie es nicht besser konnten oder ob sie absichtlich pfuschten. Ein Satz in Frischknechts Buch über den damaligen Umgang der Behörden mit rechtsextremer Gewalt gibt uns allerdings zu denken: «Die Verharmlosung des Rechtsradikalismus ist bei Beamten der Polizei (und teilweise auch der Justiz) verbreitet, und zwar auf den verschiedensten Stufen.»

Trauer, die krank macht
Dem Polizisten Hannes Tarnutzer geht unsere Begegnung nahe. Im Nachgang zum Gespräch in Landquart telefonieren wir mehrmals mit ihm. Er erkundigt sich nach dem Stand der Recherchen, und er will wissen: «Wie geht es der Familie der beiden Buben heute?»
Wir finden die Eltern von Murali und Mugunthan erst über einige Umwege. Helena Graf hilft uns, mit ihnen in Kontakt zu treten. Graf war die Lehrerin der Buben, sie unterrichtete Deutsch für fremdsprachige Kinder und versuchte, ihnen neben dem Schulstoff auch Geborgenheit zu vermitteln oder, wie sie es nennt: «Nestwärme». Die Familie Kandiah schloss die Lehrerin ins Herz, lud sie zum Essen ein, zu Familienfeiern. Man war sich nahe.
Der Tod der Buben traf Helena Graf zutiefst. Sie sammelte Geld für den Grabstein, vermittelte den Eltern den Anwalt Hans-Martin Allemann, schrieb einen Leserbrief, bekam einen Drohbrief. Während des Frauenstreiks ging sie für die trauernde Mutter im Spital putzen, damit diese sich einen freien Tag nehmen konnte.
An einem sonnigen Donnerstagmorgen wartet Helena Graf, die mittlerweile pensioniert ist und das Haar kurz trägt statt in langen Locken, am Bahnhof St.Gallen. Sie fährt uns mit dem Auto an den Stadtrand, zum Haus der Kandiahs. Als Mutter Vasanthi die Tür öffnet, fallen sich die beiden Frauen in die Arme, auch die Begrüssung mit Siva, dem Vater, ist herzlich. Tochter Mena ist bei der Arbeit, die Grosskinder sind in der Schule.
Wir setzen uns an den Esstisch im modern eingerichteten Wohnzimmer und trinken eiskaltes Wasser. Vasanthi Kandiah beginnt sogleich von Murali und Mugunthan zu erzählen, vom roten Rennvelo, das sie für ihre Buben gekauft haben, oder davon, wie sie die Fussballplätze im Quartier absuchten, wenn die Jungs mal wieder die Zeit vergessen hatten. Manchmal weint und manchmal lacht sie, während ihr Mann schweigend danebensitzt oder weitere Getränke holt.
Kein einziges Mal, erzählt Vasanthi, seien sie nach der Brandnacht von der Polizei oder den Behörden kontaktiert worden. Sie waren allein mit ihren Fragen, ihrer Angst. Die Trauer habe beide krank gemacht. Herzinfarkt, Asthma, Diabetes, Depressionen, sie zählt die Medikamente auf, die sie täglich nehmen. Gearbeitet haben sie und ihr Mann trotzdem – immer. Als Küchenhilfe, Fabrikarbeiter, Reinigungskraft. Manchmal waren es mehrere Jobs gleichzeitig.
Stirbt ein Kind, ist das für Eltern das Schlimmste auf der Welt. Wenn es sich um einen gewaltsamen Tod handelt, mischen sich zur Trauer oft noch andere Gefühle. Wut oder Rachegelüste scheinen die Kandiahs nicht zu kennen. Das Gefühl, das sie begleitet, ist Angst. Angst, dass ihnen oder, viel schlimmer, ihrer Tochter oder ihren Grosskindern etwas angetan werden könnte.
Die sichere Schweiz ist für sie ein gefährliches Land.
Für die Eltern steht fest: Murali und Mugunthan wurden ermordet. Würde man die Täter finden, so brächte das ihre Söhne nicht zurück, sagt Vasanthi, und doch würde sich etwas verändern. Sie müsste sich dann nicht mehr fragen, wer sie getötet hat, wo diese Leute wohnen, wo sie arbeiten. Stünde Vasanthi den Tätern gegenüber, würde sie ihnen sagen wollen, dass auch Tamilen Menschen sind: «Redet mit uns, wenn ihr etwas gegen uns habt. Aber tötet uns nicht.» Helena Graf legt ihrer Freundin die Hand auf den Arm. Sie hat damals vergeblich dafür gekämpft, dass die Untersuchung nicht eingestellt wird. Sie habe sich nicht nur als Freundin, sondern auch als Schweizer Bürgerin für die Familie gewehrt.

Bevor wir uns auf die Rückfahrt machen, möchte uns Vasanthi Kandiah zwei Sachen zeigen. Sie schiebt den Ärmel hoch: «Hier.» Auf ihrem Unterarm sind in geschwungenen Buchstaben die Namen von Murali und Mugunthan tätowiert. «Auf der Seite meines Herzens», sagt sie.
Sie sei viele Jahre lang täglich auf den Friedhof gegangen, manchmal auch zweimal am Tag. Dann, nach zwanzig Jahren, wurde das Grab aufgehoben. Für Vasanthi kam das unerwartet und war ein Schock. Wie und wo sollte sie sich nun erinnern? Sie musste sich ihren eigenen Gedenkraum schaffen. Darum liess sie sich tätowieren – und holte sich den Friedhof nach Hause.
Sie führt uns die Treppe hoch in ein Zimmer, in dem es nach Räucherstäbchen riecht. Winzige Figuren stehen da, Bilder von Göttinnen und Göttern hängen an der Wand. Und Fotos von Murali und Mugunthan. Das kleine Zimmer am Stadtrand von St.Gallen ist der einzige Ort, wo an den Anschlag erinnert und der Toten gedacht wird.

Die Schweiz verdrängt
Im vergangenen März sah es plötzlich so aus, als wolle sich Chur doch noch erinnern. Jean-Pierre Menge, ein SP-Gemeinderat, regte bei der Stadtregierung an, für die vier Opfer des Brands eine Gedenktafel an der Alexanderstrasse anzubringen. Die Regierung lehnte ab. Zwar kommt sie zum Schluss, dass es sich damals «mit grosser Wahrscheinlichkeit» um eine rassistische Tat gehandelt hatte, doch der Fall liege inzwischen fast fünfunddreissig Jahre zurück und man wolle «keine Präzedenz schaffen». Da könnte ja jeder kommen und so eine Tafel wollen.
Damir Skenderovic schüttelt fassungslos den Kopf, als wir ihm in einem Café in Zürich davon erzählen. Überrascht ist er allerdings nicht. Als Historiker stellt er den Fall in einen grösseren Kontext. Die Art und Weise, wie Chur mit dem Brandanschlag umgehe, sei symptomatisch: «In der Schweiz wird seit jeher so getan, als habe man kein Problem mit Rechtsextremismus.»

Damir Skenderovic ist Geschichtsprofessor an der Universität Freiburg und der einzige Historiker hierzulande, der systematisch zu Rechtsextremismus nach 1945 forscht. Er findet seinen Sololauf selber etwas seltsam, in allen umliegenden Ländern gebe es mehr Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen. Auch auf staatlicher Seite sei man anderswo sensibilisierter. So werde die Polizei in Schweden oder Deutschland in speziellen Kursen für den Umgang mit Rechtsextremismus geschult.
Skenderovic wirft der Schweiz kollektive Verdrängung vor: «Obwohl das Land mit der Schwarzenbach-Initiative die Wiege des Rechtspopulismus war und obwohl es hier zeitweise mehr Todesopfer von rechtsextremer Gewalt gab als in den umliegenden Ländern, tut man so, als sei die Schweiz ein Sonderfall.» Das Nicht-Erinnern sei Programm. «Dabei wäre es gerade jetzt, wo in Europa rechtsextreme Kräfte erstarken, wichtig, dass der Staat sagt: Wir sind antirassistisch, wir bekämpfen den Rechtsextremismus.»
Als wir Skenderovic die Ergebnisse unserer Recherche vorlegen, überlegt er eine Weile und sagt dann: «Das sind gravierende Versäumnisse der Bündner Justiz. Man muss das jetzt aufarbeiten.» Es brauche eine Untersuchungskommission, die sich damit auseinandersetze, was 1989 in Chur passiert sei. Welche Fehler bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft gemacht wurden. Und es sollte eine breite Erinnerungsarbeit zum Rechtsextremismus in der Schweiz eingeleitet werden.
Wir verabschieden uns und treten hinaus auf den Bullingerplatz in Zürich. Die fahle Sonne fällt auf den Springbrunnen, die Pflanzkübel, den bemalten Asphalt. «Das Feuer zerstörte Jugend und Hoffnung», stand in der Todesanzeige.
Uns ist klar: Selbst wenn sich heute noch eine Person meldet, die mehr über die Brandnacht weiss, selbst wenn sich ein Verdacht erhärtet oder sich jemand stellt, so wird niemand mehr für diese Tat ins Gefängnis gehen. Mord verjährt in der Schweiz nach dreissig Jahren.
Was also bringt dieser Artikel heute noch, was verändert er? Vielleicht dient er als eine Art Denkmal. Vielleicht merken sich jetzt einige Menschen die Namen der beiden Buben. Murali und Mugunthan.