Die Tote aus Kabine 2
Als der Steuermann der "Sea Legend" versucht, zwei überfüllte Schlauchboote durch die Dunkelheit und meterhohe Wellen zu navigieren, hat sein Schiff sich in einen Feuerball verwandelt. Zwei Schläge hallen über die aufgepeitschte See, kurz und hart wie Granatenexplosionen.
Mehr als 3000 Kilometer entfernt schläft Gina De Carlo unter einem Dachfenster am Stadtrand Bielefelds. Es sind die letzten Stunden, bevor das Leben, wie sie es kannte, endet.
Es ist Donnerstag, der 22. Februar 2024, kurz vor vier Uhr morgens. Auf dem Roten Meer sinkt eine Luxusyacht, 42 Meter lang, vier Decks hoch. In der Kombüse ist ein Feuer ausgebrochen. An Bord sind 31 Frauen und Männer. Einige haben hektische Rufe gehört und retten sich, gerade noch rechtzeitig, in zwei Schlauchboote. So beginnt eine dramatische Flucht.
Eine Passagierin der "Sea Legend" aber fehlt. Michaela De Carlo, Kabine 2, Unterdeck. Eine Deutsche, Ende 50, mit langem dunklem Haar und einer ansteckenden Liebe zum Meer und zum Tauchen.
"Ich wache oft mit dem Gedanken auf, dass sie aus diesem Urlaub zurückkommt", sagt ihre Tochter. Gina De Carlo sitzt in ihrem Wohnzimmer, eingesunken in eine große Couch. Eine Frau von 28 Jahren, Krankenpflegerin, ein Schäferhund ruht auf ihrem Schoß. Sie blickt oft aus dem Fenster, als ließen sich in den Wipfeln der Birken Antworten finden oder Trost.
Mehr als ein halbes Jahr nach dem Verschwinden der "Sea Legend" ist noch immer unklar, wo genau das Schiff unterging. Der Sender, der seine Positionen melden sollte, war offenbar abgestellt. Der ermittelnde Staatsanwalt in Ägypten sagt, das ausgebrannte Wrack liege in einem Meeresgebiet nahe Safaga, in etwa 120 Meter Tiefe. Die Behörden führen Michaela De Carlo offiziell noch als vermisst.
"Sie ist tot", sagt Gina De Carlo, sie mache sich keine Illusionen. Aber ihr Verstand ist schneller als ihre Gefühle. Die Mutter war auch ihre beste Freundin. Gina De Carlo sagt, sie wolle endlich trauern dürfen. Stattdessen blickt sie in einen Abgrund der globalen Freizeitindustrie.
Die letzte Fahrt der "Sea Legend" und die Hintergründe des Unfalls lassen sich mithilfe von Zeugen und Dokumenten rekonstruieren. Die Reporter des stern haben Überlebende interviewt, Angehörige und Freunde. Sie haben Fotos, Videos, Chats und Schiffsdaten ausgewertet und mit Kennern gesprochen, auch in Ägypten.
Das Schiff wurde im Jahr 2019 gebaut, eine Firma in der ägyptischen Küstenstadt Hurghada hat es betrieben. Diese Firma ist einer der zahllosen Anbieter von Expeditionen zu geheimnisvollen Orten der Unterwasserwelt. Ihre Safariboote kreuzen, eine oder zwei Wochen lang, auf dem offenen Meer, sie bringen Taucher in Meeresgegenden, die als Lebensraum seltener Arten gelten und von Land aus kaum erreichbar sind. Es ist eine Welt der Haie, großer Rochen, seltener Kreaturen und riesiger Korallen in allen Farben und Formen. Die Taucher schweben darin umher, astronautengleich.
Die Eigner bedienen die Bedürfnisse einer Erlebnisgesellschaft, die das Außergewöhnliche zur Norm erhoben hat. Ihre Yachten bieten Platz für zwei oder drei Dutzend Taucher, pro Gast und Woche verlangen sie oft mehrere Tausend Euro. Die Crews rekrutieren sie aus einem fast unerschöpflichen Reservoir von Arbeitern, die oft niedrige Löhne bekommen. Dieses lukrative Geschäft lockt Firmen an, für die der Profit zählt; die Sicherheit der Boote und Gäste nicht unbedingt.
Im September 2019 ging eine Nachricht um die Welt, die ein Schlaglicht auf diese Branche warf. Vor der Küste Kaliforniens war ein Tauchschiff namens "Conception" ausgebrannt, 34 Menschen starben an Bord. Es schien, als sei alles ein unglücklicher Zufall. Allerdings sind in den vergangenen Jahren Dutzende Schiffe wie die "Conception" und die "Sea Legend" gesunken, ausgebrannt, explodiert. Viele in Südostasien, wo die Unterwasserwelt besonders artenreich ist und bunt, rund die Hälfte vor Ägyptens Küsten. Das Rote Meer, beliebtes Reiseziel der Deutschen, ist Schauplatz einer beispiellosen Unfallserie.
Am 24. April 2023 sank die "Carlton Queen". Neun Crewmitglieder und 26 Taucher konnten gerettet werden, weil andere Schiffe in der Nähe waren.
Anfang Juni 2023 ging die "New Dream" unter, auf ihrem Rückweg in den Urlaubsort Marsa Alam. Die 36 Frauen und Männer an Bord wurden geborgen.
Wenige Tage später brannte in der Nähe des Tauchplatzes Elphinstone die "Hurricane" aus. Drei britische Taucher starben.
Im Februar 2024 verglühte die "Sea Legend".
Ende Juni verschwand die "Exocet", ein Luxusschiff mit vier Decks und Jacuzzi, bei hohem Wellengang. Die Gäste überlebten.
Im Oktober sank die "Seaduction" in einem Sturm, 18 Taucher trieben stundenlang in Rettungsbooten durch die Nacht, bevor Fischer sie entdeckten.
Es ist nur eine Auswahl der bekannten Fälle, andere bleiben verborgen. In den Datenbanken der zuständigen Landesbehörden tauchen solche Havarien oft erst nach Jahren auf, falls überhaupt. Viele Behörden veröffentlichen ihre Statistiken zudem nicht.
Gina De Carlo hat nun einen Anwalt. Sie musste lernen, dass die Wahrheit auf dem Meer mit einem Schiff versinken kann. Nur selten zieht ein Unglück ernsthafte Ermittlungen nach sich.
Kapitel 1: Der Zauber und die Vorboten
An einem Samstagnachmittag im Februar 2024 liegt die Old Sheraton Marina unter einem postkartenblauen Himmel, an der Landungsbrücke schaukeln Yachten und Segelboote auf sanften Wellen. Die Marina findet sich etwas abseits des Zentrums von Hurghada, einer ägyptischen Küstenstadt mit kilometerlangen Stränden aus weißem Sand. Sie ist nach einem markanten Turm benannt, der verwittert am Wasser liegt. Das Old Sheraton Hotel hat in den 60er-Jahren eine neue Zeit in Hurghada eingeleitet, die Ära des Massentourismus.
Heute zieht die kleine Stadt mehr als drei Millionen Menschen im Jahr an, die im Sommer günstig Urlaub machen wollen oder im Winter der Kälte entfliehen. Sie ist zudem ein Sehnsuchtsort für Taucher aus aller Welt, von Deutschland aus in wenigen Flugstunden erreichbar. Schon kurz vor der Küste beginnen die Korallenriffe des Roten Meeres, farbenfrohe Unterwasserstädte, vom Klimawandel nicht so geschädigt wie in der Karibik und vor Australien.
An diesem Samstag rollt ein weißer Minibus durch die bewachte Einfahrt der Marina, am Pier steigen fünf Menschen aus, die der Fahrer in ihren Hotels abgeholt hat. Eine Stadtplanerin aus Singapur, eine Beraterin und eine Flüchtlingshelferin aus der Schweiz, ein Ingenieur aus Süddeutschland und Michaela De Carlo, Verwalterin eines Studentenwohnheims in Bielefeld. Sie gehören zu einer Gruppe von 17 Tauchern, aus Deutschland und Italien, Argentinien und den USA. Sie erwartet ein Abenteuer, jedes Mal auch ein soziales Experiment.
Eine Woche lang leben sie mit Fremden auf einer Yacht, um sie herum nur Wasser bis zum Horizont. Was sie verbindet, ist das Gefühl, einem Bund Eingeweihter anzugehören. Sie haben die Reize einer für Landmenschen unergründlichen Sphäre erfahren. Manche haben mehr als 1000 Tauchgänge in ihren Logbüchern vermerkt.
Sie sind über das Internet auf die "Sea Legend" gekommen, 16 Doppelkabinen, Klimaanlage, zwei Dieselmotoren mit je 1000 PS, Gesamtwert rund zwei Millionen Euro.
Michaela De Carlo betritt das Schiff als eine der Ersten. Einer läuft barfüßig die terrassenartigen Decks der Yacht ab und filmt alles mit seiner Kamera. Andere fotografieren ihre Kabinen, die Sonnendecks mit ihren beigefarbenen Sofas und Liegen.
Michaela De Carlo bringt ihr Gepäck in Kabine Nummer 2, eine der acht Kabinen im Bauch der "Sea Legend", ganz unten. Sie liegen nahe am Maschinenraum, es ist laut dort, die Luft riecht nach Diesel, dafür kostet die Kabine deutlich weniger als auf den oberen Decks. De Carlo hat für die ganze Woche rund 950 Euro gezahlt, Verpflegung und unbegrenzte Tauchgänge inbegriffen. Das ist selbst in Ägypten selten günstig.
Manche Gäste teilen ihre Kabine mit ihrem Partner, einem Freund, dem Vater. Michaela De Carlo teilt sie mit einer Fremden. Sie kenne keine Angst, sagt ihre Tochter. Sie hat die Liebe gefunden und verloren, die Höhen und Tiefen eines Lebens erfahren, Glück und Unglück. Erst kürzlich ist der Vater ihrer beiden Kinder, längst zum guten Freund geworden, auf einem Konzert umgefallen; er stand nicht mehr auf.
Die andere Frau in ihrer Kabine ist Yiwen Ng, die Stadtplanerin aus Singapur. Sie wird Michaela De Carlo später als angenehmen Menschen beschreiben, freundlich, ein wenig in sich gekehrt.
De Carlo verbringt auf dieser Reise viel Zeit mit Büchern, auf ihrem Nachttisch stapeln sich dicke Romane. Manchmal erzählt sie von ihren vielen Tauchreisen. Sie wischt auf ihrem Handy durch Fotos von Korallen, dahingleitenden Mantarochen und dichten Fischschwärmen. Sie kennt alle Arten, oft auch ihre lateinischen Namen. Seit 15 Jahren taucht sie, gleich beim ersten Mal sah sie einen Walhai, lang wie ein Bus, fast zum Anfassen nahe. Ein Erlebnis, auf das andere jahrzehntelang hoffen.
"Sie war wie von einem Zauber umfangen", sagt ihre Tochter. Kein Ort habe sie so glücklich gemacht wie das Meer.
Michaela De Carlo und die anderen tauchen in zwei Gruppen, jede geführt von einem Mitglied der Crew. Die Sonne hat eine für diese Jahreszeit erstaunliche Kraft, das Wasser ist selbst 20 Meter unter der Oberfläche oft klar wie Glas.
Der erste Tag verfliegt, der zweite, der dritte. Sie sehen Barrakudas in dichten Schwärmen, Torpedorochen und Korallen, die wie riesige Fächer in der Strömung stehen. Sie betauchen einen Korallengarten mit Seekühen und Schildkröten, deren Köpfe und Körper fast so groß sind wie ihre. Sie fahren zu Riffen, die zu den beliebtesten der Welt gehören, Brothers, Daedalus, Elphinstone. Die Natur führt ihnen Schönheit vor, aber nicht das, wofür sie angereist sind. Sie sehen kaum Haie und wenn, dann wie flüchtige Schatten, die kurz im Blau auftauchen und wieder verschwinden.
Michaela De Carlo tut sich mit einem der erfahrenen Taucher zusammen, Holger Raetsch, einem Feuerwehrmann aus Berlin. Die beiden sinken bis auf 40 Meter hinab, wo Hochseehaie jagen. Es ist die Grenze für Sporttaucher, weil sich die Pressluft in ihren Flaschen in solchen Tiefen in ein lebensgefährliches Gasgemisch verwandelt.
Nachts steuert der Kapitän die "Sea Legend" stundenlang durch aufgewühlte See, um sie zum nächsten Revier zu bringen. Das Schiff schwankt, in den Kabinen rutschen Minibars über den Boden, zersplittern Duschkabinen, im Restaurant fliegen Stühle und Tische umher und zerschlagen Glasscheiben. Die Möbel sind nicht festgeschraubt wie auf anderen Schiffen. Einem, der nachts manchmal aufsteht und raucht, fällt auf, dass er nie eine Brandwache sieht. Aber sie sind von den Erlebnissen unter Wasser so betört, dass sie Alarmzeichen wie diese wieder vergessen.
Am Mittwoch, dem fünften Tag der Reise, entscheidet De Carlo, zu pausieren. Eine Erkältung, die Nebenhöhlen ihrer Nase sind entzündet, zudem ist ihr übel. Sie bleibt in ihrer Kabine 2 im Unterdeck und nimmt Tabletten, die sie müde machen. Sie bekommt wohl nicht mit, wie vor dem Abendessen jemand auf dem Sonnendeck sein Smartphone an einem Lautsprecher anschließt und eine kleine Gruppe in der untergehenden Sonne tanzt, Village People, Abba, Bee Gees. Sie hört auch die Glocke nicht, mit der die Crew zum Abendessen läutet.
Yiwen Ng, ihre Kabinengenossin, läuft ins Unterdeck. "Michaela? Dinner!"
Nach dem Essen zieht De Carlo sich in ihre Kabine zurück. Ng beschließt, auf einem der Sofas zu schlafen, auf Deck 3. Der Dieselgeruch aus dem Motorenraum macht ihr zu schaffen. Es ist etwa halb elf, als Ng ihre Decke aus dem Unterdeck holt. Sie wünscht De Carlo eine gute Nacht und zieht die Kabinentür hinter sich zu.
Sie sagt heute, dass dieser Moment sie verfolgt. Sie war wahrscheinlich der letzte Mensch, der Michaela De Carlo sah.
Kapitel 2: Schiff in Flammen
Es ist etwa halb vier morgens an diesem Donnerstag im Februar 2024, als Malik Schukri* auf Deck 3 aufwacht und sich schläfrig an die Reling lehnt. Er blickt über das Meer, wild und undurchdringlich schwarz. Schukri, 28 Jahre alt, stammt aus einer arabischen Küstenstadt, lebt in Deutschland und arbeitet als Programmierer für einen Weltkonzern. Es gefällt ihm dort, aber er vermisst das Meer. Es beruhigt ihn, selbst wenn es in Aufruhr ist. Wie Michaela De Carlo und Yiwen Ng hatte er eine Kabine im Unterdeck gebucht. Auch er ist vor dem Dieselgestank geflohen, seit Tagen schläft er auf einem der Sonnendecks.
Nun hält der Kapitän mit großer Geschwindigkeit frontal auf hohe Wellenberge zu. Das Schiff fällt krachend in die Täler, danach vibriert sein tonnenschwerer Stahlrumpf sekundenlang.
Etwa zur selben Zeit wacht, ein Deck darunter, Gennaro Palomba auf. Ein beißender Geruch zieht in seine Kabine. Palomba, Steuerberater aus Apulien, rüttelt seine Frau wach, krabbelt aus seiner Koje, öffnet die Kabinentür, durch die Ritzen der geschlossenen Küchentür quillt ihm dichter Rauch entgegen. Palomba weckt ein Mitglied der Crew, das im hinteren Teil seines Decks 2 auf einem Stuhl schläft. Ein zweiter Arbeiter eilt herbei, greift einen Feuerlöscher, stößt die Küchentür auf. Der Sauerstoff, der dadurch in die Kombüse strömt, wirkt als Brandbeschleuniger.
Auf Deck 3 sieht Malik Schukri, wie Flammen durch den Boden schlagen, das Feuer frisst sich aus der Küchenetage durch die Holzdecke nach oben. Die Rauchmelder, in jedem Raum der "Sea Legend" installiert, bleiben stumm. Schukri versucht, seine Gedanken zu sammeln, hastet zum Kabinengang auf seinem Deck und stößt die Türen auf, eine nach der anderen. "Get out, get out", schreit er, raus hier.
In Nummer 15 schrecken eine Ärztin und ihr Vater auf, Jana und Heinrich Maidhof aus Berlin.
In Nummer 13 greift der Ingenieur aus Süddeutschland nach seinem Handy und rennt nach draußen.
Schukri, noch im Gang, reißt einen Feuerlöscher von der Wand. Ein Crewmitglied hält ihn zurück, das Schiff sei nicht zu retten.
Eine Etage darunter, auf einer Plattform am Heck, lassen Männer der Crew zwei Schlauchboote mit Außenbordmotor ins Wasser. Andere rufen nach Gott. Gäste in Schlafanzügen laufen und rufen durcheinander, ein Gewirr der Stimmen und Körper. Diese Plattform ist ihre Chance zu überleben. Die See tobt, das Wasser ist empfindlich kühl, nicht einmal eine Ahnung der Küste in Sicht. Aber es bleiben bestenfalls Minuten, bevor das Feuer auch hier ankommt. Im dichten Rauch ist nicht auszumachen, wer noch fehlt.
Schukri überlegt einen Moment, ob er im Begriff ist, einen Fehler zu machen, den er mit dem Leben bezahlen wird, dann stürzt er über eine kleine Treppe hinunter ins Unterdeck, wirft Türen auf, brüllt, blickt in Kabinen ohne Licht, sieht nicht, ob jemand reagiert, wartet auch nicht darauf.
In Kabine Nummer 2 rührt sich nichts.
In Nummer 3 springt Holger Raetsch aus dem Bett, springt in Shirt und Jogginghose. Als Feuerwehrmann ist er es gewohnt, aus dem Schlaf gerissen zu werden und sofort funktionieren zu müssen. Aus dem Augenwinkel sieht er, wie der Amerikaner und ein Crewmitglied an seiner Kabine vorbeirennen, hinter ihnen Malik Schukri.
Als Raetsch die Treppe erreicht, beginnt der Rauch auch das Unterdeck zu füllen. Er schafft es nach oben, bevor das Feuer sich die Treppe holt. Seine Erfahrung sagt ihm, dass niemand nach ihm eine Chance hatte, sich aus dem Unterdeck zu retten. Ein Mensch hat bei solch einem Brand etwa vier Atemzüge, bevor Kohlenmonoxid ihm das Bewusstsein nimmt.
Die "Sea Legend" treibt nun führerlos im Meer, der Kapitän hat die Brücke verlassen. Die beiden angeleinten Schlauchboote werden von den Wellen umhergeworfen, die ersten Passagiere springen hinein, manche bäuchlings. Jana Maidhof, die Berliner Ärztin, fragt jemanden von der Crew nach Rettungswesten. Der deutet in die Flammen.
Der Wind treibt eine Wand aus schwarzem Rauch auf sie zu. Sie schaut zu ihrem Vater, sagt, das überleben wir nicht.
Das ist der Anfang vom Untergang der "Sea Legend", wie er sich aus den Erzählungen der Betroffenen und aus Dokumenten ergibt. Manche Momente kann nur eine Person bezeugen; in anderen Erinnerungen sind unwichtige Details widersprüchlich. Am Ende aber fügt sich fast alles zu einem stimmigen Bild.
Ägypten hat strenge Sicherheitsvorschriften und Gesetze, Tauchschiffe wie die "Sea Legend" müssen demnach ausreichend Rettungswesten, Feuerlöscher und Rauchmelder haben. Und eine Crew, die regelmäßig für Notfälle übt. Die zahlreichen Unfälle zeigen, dass viele Anbieter und ihre Crews diese Vorschriften offenbar nicht einhalten. Auch die Überlebenden der "Sea Legend" sagen, die Besatzung habe kein erkennbares Notfallprotokoll gehabt, keinen Evakuierungsplan. Sie sagen außerdem, das Feuer sei nur ein Teil des Dramas gewesen. Sie seien dem Tod danach noch mehrfach so nah gewesen wie dem Leben.
Kapitel 3: Die Flucht und die Todesahnung
Der Mond wirft ein schwaches Licht auf zwei überladene Schlauchboote, ein kleines rotes und ein größeres weißes, die in einem Nirgendwo durch meterhohe Wellen treiben. Etwa 30 Gestalten kauern im Dunkeln, dicht an dicht, auf den Luftkammern und auf dem Boden, den Blick auf einen Feuerball gerichtet, wo eben noch ein Schiff trieb. Sie haben etwa 500 Meter zurückgelegt, als die zwei Detonationen durch die Nacht donnern. Wahrscheinlich hat die Feuerhitze die Pressluftflaschen der Taucher so unter Druck gesetzt, dass sie barsten. Ein paar filmen mit Handys das brennende Schiff, auch die Explosion.
Es ist, so besagen es die Metadaten der Videos, kurz vor vier. Weniger als eine halbe Stunde zuvor stand Malik Schukri noch an der Reling der "Sea Legend". Nun schießt sie Stichflammen in den Himmel, die aus der Ferne wie gewaltige Leuchtraketen aussehen. Und während einige Passagiere noch denken, sie seien gerade so mit dem Leben davongekommen, müssen sie fürchten, dass der Tod ihnen nur einen kurzen Aufschub gewährt hat.
Das große Schlauchboot muss das kleine an einer langen Leine abschleppen. Der Motor ist ausgefallen, kurz nach dem Start. Zudem sind die Luftkammern beider Boote nicht richtig aufgepumpt. Das Gewicht der vielen Körper drückt sie so tief ins Wasser, dass sie volllaufen. Die Schiffbrüchigen schaufeln das Wasser mit Händen, Rucksäcken, Flaschen ins Meer zurück. Aber nie genug.
Die Frauen und Männer an Bord fürchten, dass sie ertrinken, wenn nicht das Schicksal ihnen Hilfe schickt. Die beiden Boote treiben in einem Abstand von etwa 20 Metern durch die See. Das Fauchen des Winds und das Donnern der Wellen verschlucken jeden Versuch, etwas von Boot zu Boot zu rufen. Der Kapitän und seine Mannschaft wirken auf sie, als seien sie mit allem überfordert. Niemand gibt Kommandos. Niemand überblickt offenbar, ob alle, die auf der Passagierliste des Schiffs stehen, es auf die Schlauchboote geschafft haben. Ein folgenschweres Versäumnis, wie sich bald zeigen wird. Und nicht das einzige.
Die beiden Schlauchboote sind nach Berechnungen des stern anfangs etwa 15 Kilometer von der Küste entfernt. Sie fahren zwischendurch in die falsche Richtung, ohne Leuchtstoffraketen, ohne Rettungswesten, die eigentlich vorgeschrieben sind. Und die Schiffsmannschaft weigert sich, die Küstenwache zu verständigen, offenbar fürchtet sie Ärger. So jedenfalls erzählen es später mehrere Überlebende, auch Malik Schukri. Er ist der derjenige, der die Sprache der Crew spricht und ihre Gespräche versteht.
Als eines der Handys ein schwaches Signal auffängt, wählt Schukri den Notruf und gerät an einen Mann der Militärpolizei. Er könne nicht helfen, sagt der, mehrmals. Er scheint erst hellhörig zu werden, als Schukri von Touristen aus Deutschland, den USA und anderen Ländern erzählt, die sterben werden. "Wie viele Ausländer?", fragt er.
Nach zwei Stunden, in der Morgendämmerung, droht das weiße Boot zu kentern. Das Wasser steht knietief darin, mit jeder Minute wird es mehr. Jemand aus der Crew kappt die Schleppleine. Der Steuermann fährt, den Motor am Anschlag, in die Richtung, in der sich nun die Küste abzeichnet. Das rote Schlauchboot überlässt er dem Meer, 13 durchnässte Frauen und Männer, die hoffen, dass ein Wunder sie retten möge.
Es ist halb sieben, als das weiße Schlauchboot die Küste erreicht, rund 120 Kilometer südlich von Hurghada, wo die Reise begonnen hatte.
Es ist Viertel nach elf, als ein Militärschiff der Küstenwache in den Hafen von Safaga einläuft. Auf dem Pier ist ein roter Teppich für die Überlebenden ausgerollt, die die Küstenwache mit einer gefährlichen Rettungsaktion von dem zweiten Schlauchboot geholt hat. Ägyptische Medien berichten schon, die Marine habe alle ausländischen Touristen gerettet.
Yiwen Ng tippt eine Nachricht in ihr Smartphone, eine düstere Ahnung hat sie befallen. Niemand kann sich erinnern, in den vergangenen Stunden die Frau gesehen zu haben, mit der sie sich die Kabine geteilt hat.
Im nächsten Moment blinkt das Handy von Jana Maidhof, der Berliner Ärztin. Sie war auf dem anderen Schlauchboot und ist mit ihrer Gruppe inzwischen in einem Hotel untergebracht.
Ist Michaela bei euch?
Sie war nicht mit uns auf dem Boot
Oh mein Gott
Kapitel 4: Das große Vertuschen
Es ist längst dunkel im Bielefelder Süden, als eine Frau und ein Mann in Uniform in ein ockerfarbenes Wohnhaus treten. Gina De Carlo sitzt mit einem Bekannten am Esstisch im Wohnzimmer. Nur Augenblicke später geht ein Riss durch ihr Leben. Die beiden Polizisten sagen, auf dem Roten Meer sei ein Schiff gesunken, die Passagiere seien gerettet, ihre Mutter aber werde vermisst.
Gina De Carlo sagt, sie sehe alles noch vor sich. Das Zucken der Warnblinklichter vor dem Haus. Das Bedauern in den Polizistengesichtern, dass sie kaum mehr wussten als das, was in einen dürren Satz passte, Schiff untergegangen, Mutter vermisst.
Nach allem, was De Carlo inzwischen über den Unfall weiß, glaubt sie, dass ihre Mutter ihre Kabine nicht mehr verlassen hat. Die Aufnahmen von der brennenden "Sea Legend" und die Berichte der Passagiere legen das nahe. Aber niemand weiß, ob sie mit dem Schiff verloren ging oder im Meer, unbemerkt von den anderen.
Als in Safaga den Tauchern immer klarer wird, dass sie auf dem Meer einer Katastrophe nur knapp entgangen sind, beginnt an Land das Vertuschen.
Das Militärschiff hat kaum angelegt, da vernehmen Staatsanwälte den Kapitän der "Sea Legend" und seine Mannschaft. Allerdings wirken die 52 Seiten Verhörprotokolle, die dem stern vorliegen, als hätten der Staatsanwalt und die Polizei die Befragungen eher simuliert.
Die Aussagen der Crew bestehen aus Textbausteinen, zwölf Mal wortgleich. Sie erzählen eine Version der Ereignisse, in der sich die Mannschaft der "Sea Legend" nahezu vorbildlich verhalten hat. Es war demnach der Maschinist, der als Erster das Feuer bemerkte. Die elektrischen Feuermelder schlugen Alarm. Die Crew bildete zwei Gruppen. Eine versuchte, den Brand zu löschen, die andere holte die Passagiere aus ihren Kabinen und brachte sie zu den Schlauchbooten. Und auf der Flucht trugen alle Passagiere Rettungswesten.
Nur ist diese Version voller Ungereimtheiten, manches ist nachweislich falsch. Der Maschinist, der das Feuer entdeckt haben will, gab an, sich im Unterdeck befunden zu haben. Nach den Schilderungen der Überlebenden war der Rauch dort bis zuletzt kaum zu bemerken. Nirgends, so erzählen sie es übereinstimmend, sei ein Rauchmelder zu hören gewesen. Auf den Schlauchbooten trug niemand eine Rettungsweste, wie mehrere Videos beweisen. Und die Behauptung der angeblich geordneten Rettungsaktion widerspricht fast allem, was die Gäste erzählen. Sie erklärt auch nicht, warum die Crew Gäste aus dem Unterdeck gerettet haben will, nicht aber Michaela De Carlo.
Die Ermittler hätten all das herausfinden können. Aber wenn man ihren Protokollen glauben darf, stellten sie der Crew kaum Fragen. Auch von den Überlebenden wollten sie offenbar nicht so genau wissen, was passiert war.
Nach den Vernehmungen der Crew betritt eine Gruppe von Männern in Anzügen eines von Safagas großen Urlaubsresorts. In einer Bar klappen sie ihre Laptops auf und lassen die 16 Passagiere zu sich bringen.
Sie haben einen Dolmetscher dabei, einige sprechen kein Englisch. Es lässt sich im Nachhinein nicht nachvollziehen, ob er akkurat übersetzt, als die Überlebenden die Sicherheitsmängel an Bord aufzählen, die Verstöße gegen das, was ägyptische Behörden Schiffsbetreibern vorschreiben. Wie sich herausstellt, ist der Dolmetscher ein Angestellter der Firma, der die abgebrannte "Sea Legend" gehörte.
Mehrere Taucher erzählen zudem, die Ermittler hätten ihnen befohlen, ein Dokument in arabischer Schrift zu unterschreiben, angeblich das Protokoll ihrer Vernehmungen. Sie könnten sonst nicht den Raum verlassen, auch nicht das Land. Manche ließen, zurück in der Heimat, den Text übersetzen. Es fehle, sagen sie, darin fast alles, was sie über die Sicherheitsmängel an Bord aussagten.
Man bekommt ähnliche Erlebnisse zu hören, wenn man mit den Überlebenden anderer Schiffsunglücke spricht, die in den vergangenen Jahren auf dem Roten Meer passiert sind. Die Gründe, so erzählen es Kenner der Tauchbranche, sind offenkundig. Die Urlauber aus dem Ausland sind für Ägypten eine der wichtigsten Geldquellen; bis zu 15 Prozent seiner Wirtschaftsleistung hängt von Hotels, Kulturstätten und dem Roten Meer ab. Keine Gruppe ist für sie so wichtig, wie es die deutschen Touristen sind. Ein brennendes Schiff, auf dem eine Deutsche stirbt, ist schlecht fürs Geschäft.
Eine wissenschaftliche Arbeit des Instituts für Schiffbau in Kiel untersucht die Havarien und kommt zu dem Ergebnis, dass die meisten aus drei Gründen passieren. Weil schon beim Bau der Safarischiffe gepfuscht wird und sie schnell kippen. Weil Kapitäne ihre Reviere nicht gut genug kennen und auf Riffe oder Felsen fahren. Vor allem aber, weil Brandwachen und Rauchmelder nicht funktionieren und jeder Kurzschluss zur Lebensgefahr werden kann.
Kapitel 5: "Allah gibt, Allah nimmt"
Gina De Carlo lehnt an einem Altbau in einer Bielefelder Fußgängerzone, sie raucht eine Zigarette, ihre Hand zittert. Sie hat einen Termin bei ihrem Anwalt. Seit Monaten sehnt sie ihn herbei, doch je näher er rückte, desto nervöser wurde sie. Sie will Klarheit, sie will trauern, beides macht ihr Angst.
Sie wollte ein Haus suchen, für sich und ihren Freund, die Mutter, die Hunde. Nun sucht sie Dokumente, um das Leben ihrer Mutter abzuwickeln. Sie muss eine Wohnung kündigen und Verträge, sie muss Konten und Kosten verwalten. Nur ist das in Deutschland erst möglich, wenn ihre Mutter offiziell tot ist.
Gina De Carlo braucht eine Bestätigung aus Ägypten, ein deutsches Amtsgericht muss ihre Mutter für tot erklären. Sie hat alles versucht, diese Bestätigung von ägyptischen Behörden zu bekommen; die deutsche Botschaft in Kairo stellte schnelle Hilfe in Aussicht. "Nach dem Unfall ist monatelang nichts passiert", sagt sie.
Nun will ihr Anwalt den Antrag vorbereiten. Auf seinem Holzschreibtisch liegt ein Gesetzbuch zwischen Dutzenden blauen Fallmappen, die er zu kleinen Türmen aufgestapelt hat. Er hat einen Klebemarker zwischen zwei Seiten platziert, deutsches Verschollenheitsgesetz. Das Gesetz ist einer der Gründe, warum Gina De Carlo sagt, sie fühle sich alleingelassen. Mit bürokratischen Problemen, die sie nicht selbst lösen kann. Auch mit ihren Gefühlen.
Mehrere Gäste der "Sea Legend" sagen, es grenze an ein Wunder, dass es nicht mehr Tote gab. Malik Schukri habe ihr Leben gerettet. Außerdem kam heraus, dass nach dem Brand auf dem Schiff elf Stunden vergingen, bevor der ägyptische Tauchverband einen Notruf an Schiffe in der Meeresgegend absetzte. Sie sollten Ausschau nach einer Frau halten, die womöglich im Meer trieb.
Die Staatsanwaltschaft in Ägypten aber macht nicht den Eindruck, als habe sie vor, das Wrack zu finden und die Umstände des Unfalls aufzuklären.
Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung schrieb, sie könne die Havarie nicht untersuchen, weil Safarischiffe nicht bei der Internationalen Schifffahrtsorganisation registriert seien.
Der Betreiber der "Sea Legend" sagt am Telefon, er habe ein teures Schiff verloren und sei nicht versichert. Aber so sei das Leben, Allah gebe, Allah nehme. "Der Unfall hat uns nicht geschadet", dann beendet er schnell das Gespräch.
Mehrere Reiseveranstalter und Buchungsportale bieten seine Safariyachten nach wie vor an. Sie vermarkten auch andere Anbieter, deren Schiffe aus ungeklärten Gründen abgebrannt oder gesunken sind. Das Trostlose, sagen Kenner der Branche, sei, dass alle weitermachten, als sei nichts gewesen. Die Eigner der Schiffe, die Reiseindustrie, die Behörden. Das Meer ist ein stummer Zeuge, mehr noch, es beseitigt alle Spuren.
"Ich bin so wütend", sagt Gina De Carlo, als sie die Kanzlei ihres Anwalts verlässt. Der Reiseanbieter ihrer Mutter hat sich nie gemeldet, keine Erklärung, kein Wort des Bedauerns. Er schickt nach wie vor Mails an ihre Mutter, "planen Sie Ihr nächstes Tauchabenteuer!"
Einige Wochen später ist ein Schreiben aus Ägypten gekommen, der Anwalt hat Mitte Oktober seinen Antrag ans Amtsgericht geschickt. Gina De Carlo wartet nun auf die Entscheidung des Gerichts.
Sie will glauben, dass der giftige Rauch auf der "Sea Legend" ihre Mutter im Schlaf getötet hat, schnell und zuverlässig. Sie wäre wenigstens ohne Angst gegangen, ohne Kampf.