Lena + Ivan
Zwei Teenager, sie hocken in einem fensterlosen Keller, nur wenige Treppenstufen über ihnen Lwiw, die Ukraine, der Krieg.
Der Keller ist ein Luftschutzbunker, der aussieht wie ein Klassenraum. Holztische, aufgereiht in U-Form, Bürostühle, weißes Licht. Sie steht auf und läuft kurz dazwischen herum, als suchte sie eine Beschäftigung. Sie findet keine, außer weiter zu warten. Sie wartet. Eine Minute, zwei Minuten, 15.
Sie sagt: »Wir sollten uns für die Zeit im Bunker Brettspiele besorgen. Monopoly vielleicht. Wir müssen Monopoly kaufen!«
Lena, blaue Augen, blonde Haare, vorn zum Pony geschnitten, geboren am 25. Mai 2006 in Warschau, Polen. Der Krieg, nur wenige Treppenstufen über ihr, ist einer, in den sie gestern hineingereist ist und in dem sie nicht sein müsste.
Er geht zu ihr, sie nimmt ihr Handy in die rechte Hand. Sie zeigt ein Peace-Zeichen, er legt den Arm um ihre Hüfte. Dann machen sie ein Selfie. Sie schickt es an eine Freundin, nimmt eine Sprachnachricht auf, hält ihm das Handy hin. Sie sagt: »Sag mal Hallo!«
Er sagt: »Hallo«.
Ivan, braune Augen, braune Haare, in der Mitte gescheitelt, ein bisschen Bart am Kinn, eine Zahnspange im Mund, geboren am 7. Juli 2005 in Schytomyr, Ukraine. Der Krieg, nur wenige Treppenstufen über ihm, ist einer, in den er vor fast einem halben Jahr zurückgekehrt ist, weil seine Familie ihn rief, und aus dem er nicht mehr herauskommt.
Sie sind ein Paar, seit sieben Monaten und vier Tagen. Seit er sie gefragt hat, ob sie seine Freundin sein möchte, am 17. November, sie schauten gerade »Spider-Man«, in seiner alten Wohnung in Deutschland. Sie sagte: Ja.
Sie wusste da noch nicht, dass er gehen würde. Dass sie ihm irgendwann aus Düsseldorf hinterherfahren würde, begleitet von (Mediumname)-Reportern. In diesen Krieg, der sie beide auseinandergerissen und so lange getrennt hatte. Dass sie am ersten Tag, an dem sie ihn wiedersieht, drei Stockwerke hinunterrennen würde, in einen fensterlosen Keller, weil Sirenen durch die Straßen heulen. Luftalarm, der Erste ihres Lebens.
Sie will jetzt Musik hören. Sie drückt auf ihren Bildschirm, Zufallswiedergabe einer Playlist, »Classicrock«, ein Song beginnt.
»Forever Young« von Alphaville.
Sie machen die Taschenlampen an ihren Handys an, recken ihre Arme in die Höhe und wippen im Takt, als stünden sie gerade in der Menge bei einem Konzert.
Sie singen ein bisschen mit.
Forever young, I want to be forever young. Do you really want to live forever? Forever and ever?
Irgendwo im Himmel über der Ukraine fliegt gerade, an diesem Juninachmittag, eine russische Rakete, über vier Tonnen schwer, und explosiv genug, um ganze Gebäude zu zerstören.
Sie schaut ihn an und sagt: »Wenn wir jetzt bombardiert werden, wären wir wirklich für immer jung.«
Er weiß noch genau, sagt Ivan, wo er Lena zum ersten Mal sah, es war im dritten Stock ihres Berufskollegs, in Düsseldorf, Herbst 2023. Sie war noch 17, er schon 18. Er habe gedacht: Wow, ist die hübsch. Er habe geglaubt, sie käme aus der Ukraine, so wie er, wie so viele neue Schüler hier. Er sprach sie an, auf Russisch.
Aus welcher Klasse bist du? – Hm?
Lena spricht kein Russisch. Ivan sagt, er sei wortlos weggegangen, ein bisschen verschämt. So erzählen sie es heute, sie zeigen auch Chats, Briefe, Kuscheltiere, an denen sich die Geschichte ihrer Liebe rekonstruieren lässt.
Ein paar Wochen später stand sie wieder im Schulflur, allein. Er habe sie gefragt, auf Englisch nun: Wartest du auf jemanden? – Nein.
Sie gingen zusammen los, Süßigkeiten kaufen, 16. Oktober, ein Montag. In der nächsten Pause wartete er vor ihrem Klassenraum. Als sie aus dem Unterricht kam, fragte er sie nach ihrer Handynummer. Nachmittags schickte er ihr ein Katzenbild. Sie schickte eines zurück.
Lena, 09:18 Uhr: Ich hatte auch ein paar Jahre lang eine Zahnspange.
Ivan, 09:18 Uhr: Deswegen ist dein Lächeln so bezaubernd.
Das erste Date, ein Sonntag, bei ihm zu Hause. Sie machten Hamburger und er spielte ihr einen Song vor, auf der Gitarre, die er auf dem Flohmarkt gekauft hatte. David Bowie, »The Man Who Sold The World«. Er hatte ihr auch Blumen gekauft.
Zu Hause, in ihrem Zimmer mit dem orangefarbenen Linoleumboden, den Postern an der Wand und den Puppen im Regal, legte Lena die Blätter zum Trocknen zwischen die Seiten eines Buchs, später auf ein Stück Papier, karteikartengroß, klebte Folie drüber, schrieb auf die Rückseite, mit Herzen als Stichpunkte:
29.10.2023
Erstes Date
- Zusammen kochen
- Zusammen Zeit verbringen
- Erster Kuss auf die Wange
Blumen, immer neue Blumen, zu jedem Treffen, in Rot und Lila und Gelb. Ihr Ex-Freund, sagt Lena, hatte ihr nie Blumen gekauft, nicht mal die aus dem Aldi.
Sie sagt: »Blumen sind besonders. Man kann eigentlich nichts mit Blumen anfangen. Du gibst sie dem anderen nur, um sie ihm gegeben zu haben. Blumen haben keinen Nutzen, außer dass der andere sich gut fühlt. So einfach ist das.«
Ivan sagt: »Alle Blumen der Welt würden immer noch nicht genügen. Ich will ihr immer noch mehr schenken.«
11.11.2023
Drittes Date
- Erster Kuss!!!
- Filme gucken
Lena sagt, was sie an Ivan mag, ist, dass er sich kümmert, wirklich kümmert. Einmal, als sie in Düsseldorf zusammen über die Straße liefen, hätten da Kartons gelegen, achtlos auf den Bürgersteig geworfen. Er sammelte sie auf und stopfte sie in einen Mülleimer.
Ivan sagt, was er an Lena mag, ist, dass sie so strahlt. Niemand in der Schule hätte so gestrahlt wie sie.
Lena sagt, was sie nicht an Ivan mag, ist, dass er sich manchmal so sehr kümmert, dass er sich selbst dabei vergisst. Und dass manche Menschen, das ausnutzten.
Ivan sagt, ihm fällt nichts ein, das er an Lena nicht mag.
Ivan, 21.23 Uhr: Ich wünschte, ich wäre eine Katze. Dann könnte ich alle meine neun Leben mit dir verbringen.
Sie schlief jetzt fast jedes Wochenende bei ihm, sagt Lena, in seiner Wohnung, in der die Heizung nie warm genug war und das Wasser in der Dusche immer zu heiß. Ivan hatte hier zusammen mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder gelebt, bevor beide zurück in die Ukraine gingen, August 2023, zurück zum Vater, zurück in ein Land, dessen Sprache sie verstanden, und er blieb.
Kochte Lena, tat Ivan so, als wäre es das Beste, was er je gegessen hat. War sie nicht da, versuchte er heimlich, die Ringe und die Kette wieder zusammenzukleben, die ihr aus Versehen zerbrochen waren. Sie fragte ihn: Würdest du jemals zurück in die Ukraine gehen? Ivan sagte: Nein, nicht wenn da Krieg ist.
Lena sagt: »Am Anfang war alles wie ein Elvis-Presley-Song: langsam und schön.«
Wenn sie das sagt, merkt man, dass sie sich Liebe immer genau so vorgestellt hat.
01.02.2024
Ich glaube, er braucht gar keinen Grund,
um mir Blumen zu schenken
- Wir gehen oft zusammen essen
- Wir schauen Serien zusammen
Lena sagt, es war ein Montag im Februar, sie war in seiner Wohnung, sie hatte Kopfschmerzen, Ivan kam von der Schule. Er weinte.
Seine Mutter habe angerufen und gesagt, dass er zurück in die Ukraine kommen soll. Dort auf die Universität gehen. Was habe er in Deutschland verloren? Dort sei er nur ein nutzloser Flüchtling, er werde unter der Brücke enden. Die Eltern hätten gedroht, sie würden sonst den Kontakt abbrechen. Komme Ivan nicht wieder, sei er kein Teil der Familie mehr.
Lena sagte zu ihm: Ruf deine Eltern noch mal an und sag, du möchtest das nicht.
Sie wartete in der Küche. Nach ein paar Minuten kam er zurück ins Zimmer.
Er sagte: Ich fahre nach Hause.
Lena, 23.00 Uhr: Sie werden dich dort töten …
Lena, 23.04 Uhr: Du kannst nicht gehen
Lena, 23.07 Uhr: Ich kann dich nicht gehen und sterben lassen …
Lena schrieb seinen Eltern einen Brief, ließ ihn von Freunden ins Russische übersetzen, druckte ihn aus, zweieinhalb Seiten DIN A4, unterschrieben mit einem Kugelschreiber:
Bitte hören Sie mir zu, nicht für mich, aber für ihn … Ich habe ihn nach dem Telefonat mit Ihnen weinen gesehen. Ich habe ihn in meinem Arm gehalten, als er mir sagte: »Ich bin nutzlos.« Er ist nicht nutzlos. Er ist ein Mensch. Nichts, was man benutzen sollte … Ich verstehe, Bildung ist wichtig. Sie öffnet viele Türen. Aber wenn er stirbt oder nie zurückkommt, kann er durch keine Türen gehen, auch wenn sie offen sind … Es ist Krieg … Vielleicht denken Sie, ich bin jung und weiß nicht, was Liebe ist. Aber ich weiß es.
Seine Freunde sagten ihm: Ivan, du bist volljährig, sie werden dich irgendwann zum Militär einziehen.
Seine Lehrerin sagte ihm: Wenn du einmal im Land bist, wirst du nicht wieder rauskommen.
Lena sagt, sie habe vor Ivan auf dem Boden gelegen und ihn angebettelt zu bleiben.
Seine Eltern kamen mit dem Auto aus der Ukraine, um ihn abzuholen. Ein letztes Treffen in einem Einkaufszentrum, am Tag vor dem Valentinstag, 13. Februar, ein Dienstag. Bei McDonald’s teilten sich eine Box Chicken-Nuggets. Zum Abschied eine Umarmung.
Lena sagt, in der Woche danach konnte sie kaum schlafen oder essen. In der Schule ging sie auf die Toilette und weinte. Fast jeden Tag, sagt sie, trug sie die rote Jeansjacke, die er ihr dagelassen hatte. Am linken Ärmel hatte sie V+L eingestickt, V für Vanya, seinen Spitznamen, L für Lena.
In ihrem Zimmer hat sie bis heute eine kleine weiße Box, in der sie Briefe, Zeichnungen, Steine, sammelt, die er ihr geschenkt hat. Es sind die einzigen Dinge, die ihr von ihm geblieben sind. Erzählt sie von ihrem Alltag, seit er weg ist, lächelt sie fast nie. Sie wird nicht laut, sie weint nicht. Sie sagt: »Es ist, wie wenn man so müde ist, dass man die ganze Zeit nur noch auf einen Punkt starrt und alles verschwimmt. So fühle ich mich seit Monaten.«
Lena sagt, sie fing an Nachrichten zu lesen, alles, was sie über die Ukraine finden konnte, Todeszahlen, an welchen Orten die Bomben eingeschlagen waren. Bei Google Street View suchte sie nach dem Haus seiner Eltern, in dem Dorf im Westen der Ukraine, Sinhury. Aber durch Sinhury war noch nie ein Google-Auto gefahren. Antwortete er ihr eine Stunde nicht, sagt sie, bekam sie Panik. War er tot?
Meistens war er beim Joggen. Antwortete er endlich, konnte sie sich wieder auf den Mathe-Unterricht konzentrieren.
Ivan, 9.48 Uhr: Ich werde zurückkommen.
Lena, 9.48 Uhr: Lüg mich nicht an.
Nach ein paar Wochen sagte er ihr, dass er fliehen wolle. Wieder raus aus der Ukraine. Die Eltern hätten ihn nur geholt, damit er ihnen helfe, Kisten zu schleppen, in ihrem Fleischerbetrieb. Wir haben dich großgezogen, das schuldest du uns, würden sie sagen.
Zusammen machten sie einen Plan. Über die Grenze zur Slowakei, zu Fuß durch die Berge, von da weiter nach Polen, dann im Flugzeug von Krakau nach Deutschland. Über Wochen, sagt er, brachte er heimlich Kleidung zu einem Freund. Sie kaufte ein Flugticket für ihn.
Sie blieb so lange wach, wie sie konnte, 2. März, ein Samstag. In der Nacht rief er an und sagte, er habe Angst. Angst davor, dass er seine Familie für immer verlöre, wenn er das jetzt durchziehe.
Als sie aufwachte, um halb acht morgens, schrieb er nicht mehr. Über Stunden kein Kontakt. Dann ein Selfie, schnell aufgenommen und ein bisschen verwackelt, von der Polizeistation.
Die Polizisten hatten ihn erwischt, um 9.20 Uhr, so steht es in ihrem Bericht. Er wollte gerade mit seinem großen Rucksack auf den Schultern in einer Tankstelle auf die Toilette gehen. Nach einer Nacht kam er frei. Er nahm den Bus zurück zu seinen Eltern.
Ivan, 14.08 Uhr: Ich habe es verkackt.
Lena, 14.08 Uhr: Nein, du warst großartig und hast nicht aufgegeben.
Sie sagt: »Auch wenn er es damals nicht geschafft hat: Ich war in meinem Leben noch nie so stolz auf jemanden wie auf ihn in diesem Augenblick.«
Eine Straße im Süden Düsseldorfs, Hausnummer 29, weiße Ziegel an der Fassade. Im Erdgeschoss seine alte Wohnung, in der sie oft neben ihm eingeschlafen und aufgewacht war. Sie sagt, nachdem er gegangen war, kam sie oft nach der Schule her. Sie sagt: »Ich brauchte das. Ich musste sehen, dass die Wohnung wirklich leer ist. Dass er wirklich nicht mehr da ist.«
Sie legt die Hand auf die Stirn, drückt ihren Kopf gegen die Scheibe der Haustür, kneift die Augen zusammen. Grauer Teppichboden und Raufasertapete, viel mehr kann sie nicht erkennen. Sie läuft auf den Bürgersteig, lugt durch das Fenster zur Straße, zugewachsen von den Sträuchern davor. Da, im Regal, steht noch ein orangefarbenes Dudenbuch, daneben eine Trinkflasche, an der Wand klebt ein bunter Stundenplan.
Es sieht aus, als wäre er nur kurz weg.
Es sind jetzt vier Monate.
Sie sagt: »Manchmal bin ich wütend auf mich selbst, dass ich ihn nicht früher kennengelernt habe.«
Sie telefonieren jeden Tag, drei Stunden lang. Mindestens. Abends schlafen sie zusammen ein, die Handys neben sich auf den Kopfkissen. Sie meistens zuerst. Er sagt, er versuche immer nach ihr einzuschlafen, weil sich das anfühlt, als würde er sie aus der Ferne zudecken. Manchmal, wenn ihre Akkus nicht leer gegangen sind, wachen sie morgens wieder zusammen auf.
Er wohnt jetzt wieder im Haus der Eltern, 150 Kilometer westlich von Kiew, zu dem ein Schotterweg führt. In Videotelefonaten zeigt er die Zimmer, die Brombeeren im Garten, unter einem Carport steht der weiße VW, mit dem sie ihn aus Deutschland wieder in die Ukraine gefahren hatten. Auf seinem Schreibtisch liegen Bücher, mit denen er weiter Deutsch lernt, Hefte, in die er mit krakeliger Schrift Sätze geschrieben hat: »Danke, es geht prima, super« oder »Das wird kein Zuckerschlecken«.
Manchmal fährt er in die nächstgrößere Stadt, läuft dort vorbei an Werbeplakaten der ukrainischen Armee, die aussehen wie Poster für Ballerspiele. »Verpflichte dich jetzt«, steht darauf. Einmal, sagt er, habe er im Bus aus Versehen eine alte Frau angerempelt. Sie habe sich umgedreht und zu ihm gesagt: »Warum bist du hier, junger Mann? Warum bist du nicht an der Front?«
Zum Militär eingezogen werden junge Männer in der Ukraine erst mit 25 Jahren. Aber ausreisen darf niemand, der volljährig ist und in Zukunft vielleicht ein Soldat sein könnte. Ivan hat starke Muskeln. Morgens, nach dem Aufstehen, macht er Liegestütze. Wenn man ihn ansieht, könnte man ihn sich gut in einer Soldatenuniform vorstellen. Aber wenn er dann redet, ruhig, leise, zart fast schon, kann man sich das so gar nicht mehr vorstellen.
Ein Samstag im Mai, ihr 18. Geburtstag. Er schickt ihr ein Paket, darin eine Plüschfledermaus, eine schwarze Handtasche und ein Brief:
… Diese Plüschfledermaus wird bei dir sein, bis ich wieder komme und wir jeden Tag zusammenverbringen werden … Ich will, dass du weißt, dass ich immer für dich da bin … Ich werde mich immer um dich kümmern und dich beschützen … Du bist der hellste und schönste Stern im ganzen Universum. Du bist mein Ein und Alles.
Sie hatte ihre Mutter gefragt, ob sie ihn besuchen darf, in der Ukraine, im Krieg.
Ihre Mutter sagte: Nein, solange du nicht volljährig bist, solange ich bestimme, werde ich das nicht erlauben.
Jetzt ist sie volljährig. Jetzt bestimmt sie selbst.
Ein Bahnhof in Krakau, 20. Juni, ein Donnerstag. Sie ist mit dem Flugzeug hergekommen, gestern. Jetzt steigt sie die Stufen hinauf, in einen grünen Flixbus, Bussteig G12, 9.13 Uhr, Sommerhitze in der Luft. Lena ist jemand, der kurz die Augen schließt, wenn ihm warmer Wind ins Gesicht bläst.
Um sie herum drängen sich ein Dutzend Frauen mit großen Koffern, Sonnenbrillen im blondierten Haar, bunte Schuhe, glitzernden Nägeln. Sie sehen ein bisschen aus, als würden sie in den Urlaub fahren. Hinter der Windschutzscheibe hängt ein Schild mit der Route des Busses.
Krakau – Lwiw – Iwano-Frankiwsk – Kolomyja – Tscherniwzi
Sie trägt eine schwarze Hose, schwarze Schuhe, eine Bluse in Bordeauxrot. Sie hat sich mit Eyeliner kleine schwarze Punkte um die Augen gemalt. Sitznummer 14A. Vor ihr schreien kleine Kinder in einer Sprache, die sie nicht spricht.
Heute Morgen hat sie bei Duolingo ukrainische Wörter geübt: Stadt, Eltern, Dorf.
Sie streckt ihren Hals über die Lehne des Vordersitzes und sagt: »Das ist so traurig. Dass so normale Menschen plötzlich mit Krieg konfrontiert sind. Dass sie mit diesem Bus fahren, nur um ihren Ehemann oder ihren Vater sehen zu können.«
Sie fährt mit diesem Bus, um ihren Freund wiederzusehen. Das erste Mal, nach 128 Tagen. Es sind mittlerweile mehr, als sie zusammen als Paar in Deutschland hatten.
Jetzt wollen sie ein Wochenende verbringen, in Lwiw. Es war ihr Vorschlag.
Vor der Abfahrt hat sie sich einen Cappuccino gekauft, die Barista hat ein Herz in den Schaum gegossen. Sie hat ein Foto davon gemacht und ihm geschickt. Keine Antwort.
Der Bus rollt los, brummt und knarzt. Sieben Stunden und 15 Minuten Fahrt für 340 Kilometer, das Warten an der Grenze hat das Unternehmen schon eingerechnet. Draußen Felder und Seen im Sonnenschein. Er antwortet ihr immer noch nicht.
Lena, 11.48 Uhr: Bist du okay?
Lena, 11.56 Uhr: Ich fange an, mich zu sorgen
Nach dreieinhalb Stunden eine blau-gelbe Flagge im Himmel, die Grenze. Sie ruft ihn an, noch mal und noch mal, insgesamt neunmal. Er hebt nicht ab. Ein Mann mit Kappe und Pistole schreitet durch die Sitzreihen und sammelt die Pässe ein. Sie reibt mit der rechten Handfläche ihre linke, bis die Haut vom Druck kurz weiß wird. Sie sagt: »Meine Hände werden taub.«
Lena, 12.38 Uhr: Vanya, bitte sag irgendwas
Lena 12.58 Uhr: Ich habe Angst, dass dir etwas passiert ist oder dass du nicht in Sicherheit bist
Sie liest die Nachrichten, die sie geschrieben hat, immer wieder. Dann legt sie ihr Handy auf den Rucksack, mit dem Display nach unten, faltet die Finger mit den braun lackierten Nägeln ineinander, kratzt mit dem linken Daumen die Farbe am rechten Zeigefinger ab.
Der Bus fährt durch ein graues Tor, auf dem in großen, kyrillischen Buchstaben steht: »Willkommen in der Ukraine«.
Er ist nicht da. Seit 47 Minuten wartet sie am Busbahnhof von Lwiw, seit 47 Minuten sollte er da sein, so hatte er es ihr gesagt, aber er ist nicht da. Er schreibt nicht, er geht nicht an sein Handy. Das letzte Mal hat er sich vor sechs Stunden gemeldet. Da sagte er, er sei im Bus.
Sie sitzt auf einem Bordstein, den Kopf in die Hände gelegt. Es ist ein lauter Nachmittag. Um sie herum scheppern Durchsagen aus Lautsprechern, von irgendwoher auch Rockmusik, Kinder klopfen gegen die Scheiben von ankommenden Bussen. Sie sieht nicht auf, sie schüttelt stumm den Kopf. Man sieht ihr an, wie darin die Gedanken rasen.
Er hat schon einmal versucht, zu fliehen. Lwiw ist nah an der Grenze zu Polen. Auf dem Weg gibt es Checkpoints des Militärs.
Irgendwann nimmt sie ihr Handy, presst es ans rechte Ohr. Hinten, in ihrer Hülle, steckt ein ausgeschnittenes Herz, auch darauf Blätter von Blumen, die er ihr geschenkt hat und ein glückskeksgroßer Zettel, auf dem steht: »Finde jemanden, der dich so anschaut, wie du Schokolade anschaust.«
Sie ruft einen Schulfreund an, der Ukrainer ist. Sie sagt: »Sei still, sei still, sei still! Hör mir zu. Ich bin in der Ukraine, und er ist nicht hier. Er ist verfickt noch mal nicht hier. Er geht nicht an sein Handy. Irgendwas Beschissenes muss passiert sein. Glaubst du, es könnte sein, dass sie ihn verhaftet haben und er im Gefängnis ist?«
Sie sagt: »Wenn er verhaftet wurde: Ist das eher so eine Situation, dass er eine Nacht im Gefängnis sitzt? Oder schicken die ihn sofort an die Front?«
Sie sagt: »Aber er antwortet mir nicht.« Sie schluchzt. »Und ich verstehe nicht, warum.«
Ein Bus fährt in eine Haltebucht. Sie hetzt zur Tür, guckt, ob er herauskommt. Er kommt nicht heraus.
Sie sagt: »Ich habe so eine Angst.«
Sie sagt: »Warum ist er nicht einfach in Deutschland geblieben, so wie es ihm alle geraten haben?«
Sie sagt: »Ich will jetzt hier nicht mehr öffentlich heulen. Ich bin so verfickt müde.«
Sie will jetzt schlafen, in dem Hotelzimmer, das er für sie beide gebucht hat.
Eine Stunde später ruft er an. Sie sagt: »Oh mein Gott, du lebst.« Er sagt: »Es tut mir so leid, mein Handy ist abgekackt.«
Auch im Krieg bleiben sie Teenager, mit all ihren Teenager-Problemen. Mit einem schrottigen Handy zum Beispiel.
Er sagt, er sei vom Busbahnhof aus in den nächsten Laden gesprintet und habe sich ein Neues besorgt. Sie sagt: »Komm zum Hotel!«
Sie sitzt im Schneidersitz auf den Stufen vor dem Eingang, neben ihr raucht ein Mann, hält sich dabei an Krücken fest. Sein halber Fuß fehlt. Sie beachtet ihn kaum. Sie wippt nervös mit dem Bein. Das Taxi fährt vor.
Vor der Reise in die Ukraine hatte sie gesagt: »Ich hoffe, wir haben uns nicht so doll voneinander entfernt, dass er sich wie ein Fremder anfühlt, wenn er wieder vor mir steht.«
Er hatte gesagt: »Ich habe Angst, dass ich nicht mehr die Person bin, die sie kennengelernt hat. Ich will genauso sein, wie sie sich an mich erinnert.«
Sie rennt zum Wagen. Er steigt aus. In seiner linken Hand hält er einen großen Strauß Blumen. Sie springt ihm in die Arme, klammert sich an seinem Nacken fest, er hebt sie hoch und hält sie kurz über dem Boden.
Sie drückt mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust. Sie sagt: »Fühlt sich komisch an. Wer bist du?«
Sie lachen beide.
Sie sagt: »Ich glaube, ich muss kotzen.«
Zimmernummer 12, im dritten Stock. Sie merken, dass sie die gleichen Zahnbürsten haben, nur in vertauschten Farben. Der Stiel gelb und die Borsten lila und andersherum. Als sie sich ins Bett legen, ist alles wie programmiert. Er auf der rechten Seite, sie auf der linken, mit dem Kopf auf seiner Brust. So wie sie auch immer in seiner Wohnung in Düsseldorf im Bett gelegen hatten. Als wäre es in den vergangenen Monaten nie anders gewesen. Das werden sie am nächsten Morgen erzählen.
Sie haben zwei Tage und keinen Plan, was sie in Lwiw eigentlich machen wollen. Am ersten Morgen füttern sie sich in einem Café gegenseitig mit Croissants. Sie trotten durch die Straßen, Hand in Hand und ein bisschen orientierungslos. Sie wollen ja eigentlich gar nichts sehen außer sich. Manchmal tanzt Lena los, vor Glück, einfach so. Sie kichern, eigentlich die ganze Zeit.
Er trägt glänzende braune Lederschuhe. Sie fragt: »Hast du die geputzt, weil ich komme?« Er sagt: »Ja, natürlich.« Er trägt auch ihren Rucksack. Vor einer Eisdiele liest er ihr all die Sorten vor, die es gibt. Sie will Maracuja. Einmal laufen sie an einem Bild von einem Hund und einer Katze vorbei, die kuscheln. Sie zeigt darauf und sagt: »Das sind wir, in einem anderen Universum.« Ein anderes Mal flüstert er ihr zu: »Du bist die wundervollste und perfekteste Frau, die es gibt.«
Neben der Tür eines Ladens hängen weiße T-Shirts, als wären es Souvenirs. Auf ihnen steht: »FCK PTN«, fick Putin. Sie sagt: »Ich will eins!« Er sagt: »Okay, los!« Sie stürmen hinein, er zur Kasse. Sie ruft: »Kann ich eine M haben, bitte?« Er bezahlt, sechs Euro, umgerechnet.
Sie fragt: »Meinst du, ich kann das in der Schule tragen?«
Um drei Uhr nachts wieder Luftalarm. Im Keller machen sie ein Foto für Lenas Mutter, Ivan zeigt einen Daumen nach oben.
Vorhin hatte Lena noch mit ihrer Mutter telefoniert. Sonst schreiben sie die ganze Zeit. Am Telefon hatte sie ihrer Mutter gesagt: Mach dir keine Sorgen, alles ist gut.
Jetzt lesen sie auf ihren Handys, dass Raketen bei Kiew eingeschlagen sind. Lena sagt: »Was, wenn die in unsere Richtung kommen? Ich weiß nicht, was ich machen soll.« Ein Mann bittet Ivan, das Licht auszuschalten. Er steht stumm auf und drückt den Schalter, es wird dunkel. Kinder kuscheln sich neben ihnen an ihre Eltern.
Lena legt ihren Kopf auf Ivans Schoß, er streichelt ihr über die Schulter. Sie sagt: »Nachts aufzuwachen wegen Bomben, das ist unmenschlich.« Es ist vielleicht der erste Moment, in dem sie begreift oder zumindest nicht mehr verdrängen kann, wo sie gerade ist.
Sie zählt noch einmal die Alarme durch, die es heute gab. Es waren vier.
Nachdem er zurück in die Ukraine gegangen war, sagt sie, hätten viele ihrer Freunde nicht verstanden, warum sie weiter mit ihm zusammenbleibe. Warum sie sich all den Kummer und den Schmerz antue. Sie sagt: »Egal wie unsere Beziehung sich entwickelt, ob ich für immer mit ihm zusammenbleibe oder nicht, ich glaube, er verdient ein besseres Leben. Besser als das in der Ukraine. Er ist so klug, er hat so viel Potenzial. Und da ist diese Angst in mir, dass, wenn ich mich nicht um ihn kümmere, niemand es tun wird. Und er vielleicht stirbt.«
Wenn sie solche Dinge sagt, wirkt sie älter als sie aussieht.
Es ist nicht einfach zu verstehen, warum Ivan im Februar Deutschland verlassen hat. Warum er ein Leben zurückließ, in dem er Zweien und Dreien auf dem Zeugnis hatte, in dem er vielleicht nun eine Ausbildung machen würde, bei einer Versicherung, in einem Fahrradladen, so wie seine alten Klassenkameraden in Deutschland. In dem er es in ein paar Jahren vielleicht sogar auf die Uni geschafft hätte, dort Wirtschaftswissenschaften studieren würde, sein Traum.
Er erzählt von Gewalt durch seine Eltern, von Prügel und Schlägen, mit der Hand, mit Geschirr. Wie sein Vater ihm einmal den Kopf kahl rasiert habe, weil er sauer war und ihm gedroht habe, er schicke ihn an die Front. Er erzählt auch, dass seine Eltern ihm seine Kindheit lang gesagt hätten: Familie ist das Wichtigste. Ohne deine Familie bist du nichts.
Er sagt, er sei aus Schuldgefühlen heraus zurückgegangen. Und aus Angst. Man glaubt sie in seinen Augen zu sehen, wenn er über seine Eltern spricht. Er sagt: »Zurückzugehen war die dümmste Entscheidung meines Lebens. Aber ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen.«
Während der Tage in Lwiw klingelt immer wieder sein Telefon. Seine Mutter. Er geht nicht ran. Einmal ruft sie auch die Rezeption des Hotels an. Er ruft nicht zurück.
Ihr letzter gemeinsamer Abend in Lwiw. Sie schaukeln, auf einem Berg, vor und zurück. Unter ihnen liegt die Stadt. Sie lachen laut, wie Teenager lachen, die durch Schaukeln für einen Moment alle Sorgen vergessen können.
Sie sagt: »Wir können doch heute, in unserer letzten Nacht, nicht schlafen! Wir werden einfach die ganze Zeit Barbie-Filme schauen!«
Der Bus zurück nach Polen geht um halb sechs morgens. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Er hievt ihren Koffer in die Luke. Sie drückt ihren Kopf fest an seine Brust. Kurz stehen sie da, wie eingefroren, als könnten sie sich nie mehr loslassen. Der Busfahrer kontrolliert die Tickets.
Sirenen, schon wieder. Sie geben sich einen schnellen Kuss, dann hastet sie in den Bus. Sie ruft: »Schreib mir dieses Mal zurück, das wäre nett.« Er steht unten und winkt.
Der Bus schiebt sich langsam über die Straßen, in Richtung Grenze. Draußen fahren Militärtrucks vorbei, sie schaut aus dem Fenster. An ihrem Daumen ist fast der ganze Nagellack abgekratzt. Irgendwann sagt sie: »Es ist so komisch. Diese Tage haben sich wie etwas Besonderes angefühlt. Wie ein Urlaub oder so. Aber vor einem halben Jahr noch war das mein Alltag. Wir haben uns in Deutschland jeden Tag gesehen, in der Schule, nach der Schule. Und dann war er weg. Einfach so. Und jetzt fahre ich zurück. Und nächste Woche gehe ich wieder in die Schule. Und jede Pause werde ich im Flur auf dem Boden sitzen, an dem Platz, an dem wir immer zusammen gesessen haben. Und ich warte dort, wie ich immer dort auf ihn gewartet habe nach dem Unterricht. Aber er kommt nicht mehr.«
Ivan, 04.59 Uhr: Wir schaffen das. Ich werde dich nie aufgeben.
Lena, 05.35 Uhr: Ich habe so Angst, dich zu verlieren.
Ivan, 05.35 Uhr: Ich werde nicht verschwinden. Ich werde nicht weggehen. Ich werde dich nicht wieder allein lassen.
Ivan, 05.35 Uhr: Okay?
Lena, 05.38 Uhr: Okay... ich liebe dich.
Am Flughafen in Krakau kauft sie ein Buch. Sie legt die Blätter der Blumen, die er ihr mitgebracht hat, zwischen die Seiten, zum Trocknen. Dann fliegt sie zurück nach Deutschland.
Zwei Wochen später erzählt sie, sie hätten sich heute fast getrennt. Sie schreibt: »Ich bin so erschöpft. Als ich aus der Ukraine zurückkam, habe ich mich wie in einem Koma gefühlt. Ich konnte nicht aus dem Bett aufstehen. Der Sommer beginnt, aber für mich fühlt es sich nicht so an. Für mich fühlt es sich an, als wäre die Zeit teilweise im Februar stehen geblieben. Ich weiß nicht, was ich machen soll, damit das endlich alles aufhört.«
Sie hat die Blätter der Blumen aus Lwiw noch nicht auf einen ihrer Zettel geklebt. Sie sagt: »Ich dachte, es könnten vielleicht die letzten sein, die ich je von ihm bekomme. Und da wollte ich auf den richtigen Moment warten.«
Hier könnte ihre Geschichte enden. Eine Teenagerliebe, zerbrochen am Krieg und einer dummen Entscheidung, an Eltern, die ihren Sohn aus der Sicherheit zurück in die Ukraine geholt haben. Aber sie endet nicht.
Am 23. August, einem Freitag, schreibt Lena wieder, um 23.49 Uhr: »Vanya versucht jetzt, über die Grenze zu kommen.«
Der ICE ist vor ihr da, 25. August, ein Sonntag. Sie rennt die Treppen hinauf, Gleis 17, Düsseldorf-Hauptbahnhof, vorbei an Rentnern mit Rollkoffern und Touristen mit großen Rucksäcken.
Und dann steht Ivan dort.
Er hebt sie wieder hoch, wie vor dem Hotel in der Ukraine, sie legt die Hand auf seinen Hinterkopf, ihr Kinn auf seine Schulter. Sie fragt: »Bist du okay?« Er sagt: »Ja!« Um beide Arme hat er weiße Verbände gewickelt. Die Beine und das Gesicht sind voller verkrusteter Kratzer. Das schwarze T-Shirt gesprenkelt von Löchern. In seinen Oberarmen stecken Dornen. Später wird er erzählen, was passiert ist.
Er sei von seinen Eltern abgehauen und habe erst versucht, legal über die Grenze zu kommen. Die Männer hätten ihn zurückgeschickt, weil er ja nicht ausreisen dürfe. Nur wenige Hundert Meter von der Grenzstation entfernt habe er seinen Koffer weggeworfen, sei einfach losgelaufen, durch brusthohe Sträucher, minutenlang, nur mit einem Rucksack auf dem Rücken, darin kaum mehr als seine deutschen Schulzeugnisse, seine Geburtsurkunde, Kopfhörer, ein Laptop, seinen Pass, ein kleines Werkzeug, ähnlich einem Taschenmesser. Damit habe er Löcher in Stacheldrahtzäune geschnitten und sich hindurchgezwängt. Als er ein Auto starten hörte, habe er sich auf den Boden gedrückt und den Atem angehalten. Und als er auf seinem Handy sah, dass er es tatsächlich über die Grenze geschafft hatte, rief er sofort Lena an. Er habe ins Telefon geschrien: »Ich bin in der Slowakei. Ich renne. Ich bin blutüberströmt.«
Sie sagt, nachdem sie aufgelegt hatten, habe sie so eine Angst gehabt, davor, dass er jetzt sterben würde.
Slowakische Polizisten hätten ihn nicht weit der Grenze bemerkt, mit auf die Wache genommen, fotografiert und ihm einen Zettel gereicht. Er hat ihn noch, in seinem Rucksack. Es ist eine Aufenthaltsbescheinigung. Er sagt, sie hätten ihn dann einfach gehen lassen. Und dann sei er einfach gegangen, in die nächste Stadt, von da nach Košice. Bratislava. Berlin.
In einem deutschen Zug habe ihn ein Mann angesehen und gefragt, ob er Indiana Jones sei. Er habe geantwortet: »Nein, ich bin nur aus der Ukraine geflohen.«
Um 15.09 Uhr, nach über 40 Stunden, steht er nun vor ihr, auf diesem Gleis am Düsseldorfer Hauptbahnhof. Er grinst ein Grinsen, als könne er das selbst alles noch nicht fassen. Sie sagt zu ihm: »Hey, das ist das erste Mal, dass ich dich ohne Zahnspange sehe!«
Sie fahren in die Wohnung von Lenas Mutter, es gibt Sekt und Kuchen. Nach der ersten Nacht geht er los, heimlich. Und kauft ihr einen Strauß Blumen.