True Story Award 2026
Shortlist

Für immer giftig

PFAS-Chemikalien können schwer krank machen, doch viele Alltagsprodukte werden damit hergestellt. Nun sollen die Substanzen weitgehend verboten werden. Was bleibt von dem Vorschlag übrig?

In wenigen Minuten soll Andreas Matschke ein Herz anhalten, er muss sich konzentrieren. Neben dem Kardiotechniker surrt am Deutschen Herzzentrum der Charité in Berlin, Operationssaal 17, eine Art Kleiderstange auf Rollen, an der Kabel und Schläuche herunterhängen. Während der Chirurg mit seinem Skalpell im Brustkorb des Patienten arbeitet, wird Matschke mit seiner Herz-Lungen-Maschine den Blutkreislauf mit Sauerstoff versorgen.
Es ist eine Maschine, die möglicherweise bald so nicht mehr hergestellt werden darf.
Von dem Gerät führen die Schläuche zum OP-Tisch, sie enden in der Hauptschlagader des Patienten und in seinem rechten Herzvorhof. Der Mann leidet an einer koronaren Drei-Gefäß-Erkrankung: drei Blutgefäße verstopft, der Herzmuskel nicht ausreichend durchblutet. Gleich wird der Chirurg eine Umleitung für die blockierten Gefäße aus einer Vene und einer Arterie formen; sie stammen aus einem Arm und einem Bein des Patienten, noch schwimmen sie in einer Schüssel neben ihm wie zwei Makkaroni. Annähen kann der Arzt sie am besten, wenn das Herz stillsteht. Er braucht Matschkes Maschine.
»Heparin«, ruft der Chirurg.
Ein letztes Mal prüft Matschke die Einstellungen am Gerät, dann füllen sich die Schläuche der Herz-Lungen-Maschine mit Blut. Heparin, ein blutverdünnendes Mittel, fließt hinzu.
»Voller Fluss«, sagt der Kardiotechniker.
»Lunge geht ab«, ruft der Anästhesist.
Auf Matschkes Monitor fällt bald darauf eine zackige Kurve auf null: Das Herz des Patienten steht still.
Wer könnte etwas gegen ein Gerät haben, das hilft, Leben zu retten?
Es ist, auf den ersten Blick, eine absurde Frage. Hört man sich um bei Herstellern medizinischer Geräte, wird sie weniger absurd. Die Europäische Union entscheidet bald darüber, ob sie ihre Chemikalienverordnung ausweiten möchte. Eine Folge könnte sein, dass in einigen Jahren keine Herz-Lungen-Maschinen mehr produziert werden, das zumindest sagen Hersteller. Viele Eingriffe am Herzen würden unmöglich.
Die Maschine, die der Kardiotechniker von seinem Drehhocker aus überwacht, ist ein Hochleistungsgerät. Matschke redet über jedes Bauteil mit der Faszination eines Automechanikers, der von einem Ferrari erzählt. Die Pumpen: so gebaut, dass sie einen Puls nachbilden. Der Wärmetauscher: hält das Blut konstant auf Körpertemperatur. Und dann der Filter, der selbst kleinste Luftblasen aus dem Blut holt. Sie könnten sich sonst in den Gefäßen festsetzen und sie verschließen. Dann droht ein Schlaganfall.
Ein Teil des Filters besteht aus einem wundersamen Material. Es kann Luft durchlassen und Flüssigkeit zurückhalten, es ist porös und doch stabil. Kälte und Hitze übersteht es gleichermaßen. Und vor allem, seine wichtigste Eigenart, es bleibt nichts an ihm haften. Das Material wurde weltweit bekannt unter einem Markennamen: Teflon.
Sosehr wir das Material zum Leben, zum Überleben brauchen, beruht es doch auf einem Stoff, der den Menschen bedroht. Um Teflon zu produzieren, ist eine gesundheitsgefährdende Hilfschemikalie notwendig. Einer der größten Teflonhersteller nennt das zugrunde liegende Verfahren GenX. Die GenX-Hilfschemikalie veränderte in Tierstudien die Bakteriengemeinschaft im Darm und schwächte das Abwehrsystem, sie scheint die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen und steht in Verdacht, Krebs auszulösen. Von Teflon selbst geht normalerweise keine Gefahr aus, nicht für den Patienten an der Herz-Lungen-Maschine und auch nicht für Köche mit beschichteten Pfannen. Die Hilfschemikalie aber sollte keinesfalls in den Körper gelangen.
Doch bisher gelingt es nicht, die Chemikalie bei der Produktion von Teflon in einem geschlossenen Kreislauf zu halten. Steigen Abgase aus den Schloten der Teflon-Fabriken auf oder fließt Wasser aus den Abflussrohren in Flüsse, stecken darin auch GenX-Substanzen.
Als »Ewigkeitschemikalien« wird die Gruppe von mehr als 10.000 Stoffen bezeichnet, zu der Teflon und die GenX-Hilfschemikalie gehören. Forscher nennen sie per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS. Der Mensch ist ständig von ihnen umgeben, nicht nur in Operationssälen. Sie werden für Computerchips genauso benutzt wie für Pflanzenschutzmittel und Kältegase, Schutzkleidung und Pizzakartons, Sonnenschirme, Bratpfannen und Eyeliner. Ihnen allen ist gemeinsam: Einmal hergestellt, zersetzen sich die Chemikalien kaum bis gar nicht. Stattdessen reichern sie sich an, in Böden, im Wasser und im Menschen.
Wo immer Forschende nach PFAS suchen, weisen sie die Stoffe nach: am Grund der Tiefsee, auf dem Himalaja und selbst im Eis der Arktis. Sie finden sie in der Leber, der Lunge und sogar in der Plazenta. Der Mensch kommt heute noch vor seiner Geburt zum ersten Mal mit PFAS in Berührung.
Lässt ein Europäer sein Blut untersuchen, werden darin mit großer Wahrscheinlichkeit PFAS nachgewiesen. Besonders belastet sind die Anwohner von Produktionsstätten, doch entkommen kann den Stoffen kaum jemand; dafür sind sie längst zu weitverbreitet. In Blutproben von mehr als 1500 Jugendlichen aus Deutschland und anderen europäischen Ländern lag die PFAS-Konzentration bei jedem sechsten über dem Grenzwert, der markiert, was als gesundheitlich unbedenklich gilt.
Um wenige Chemikalien ringen Menschen in Europa daher so energisch wie um PFAS. Umweltverbände und Verbraucherschützer fordern, dass man ihre Nutzung einschränkt oder sie gar vollständig verbietet, jeden der mehr als 10.000 Stoffe. Die Industrie dagegen möchte PFAS möglichst umfassend behalten. Für viele Anwendungen gibt es keine Ersatzstoffe, und sie zu entwickeln, ist langwierig und teuer. Wogegen Umweltverbände wiederum einwenden, nur ein drohendes Verbot bringe die Firmen überhaupt dazu, nach Alternativen zu fahnden. Es ist ein elementarer Konflikt: Der Schutz der Umwelt steht gegen den Wirtschaftsstandort Europa, die Gesundheit der Menschen gegen die Annehmlichkeiten des modernen Lebens.
In der finnischen Hauptstadt Helsinki wird über PFAS entschieden. Bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, in einem neunstöckigen Bau mit rostbrauner Fassade, wacht Peter van der Zandt, der Direktor für Risikomanagement, über ein Verbotsverfahren, wie es in der Geschichte der EU kein Vergleichbares gab. Ein Verfahren, das man als sein »Meisterstück« bezeichnen könnte. Van der Zandt nennt es lieber ein »bedeutendes Stück Arbeit«.
Die ECHA mit ihren fast 600 Angestellten ist die oberste Behörde für die Bewertung von Chemikalien in der EU. Nach der EU-Chemikalienverordnung müssen Hersteller und Importeure systematisch Sicherheitsdaten zu ihren chemischen Substanzen bei der ECHA einreichen. Deuten die Daten auf ein inakzeptabel hohes Risiko hin, können EU-Staaten oder die EU-Kommission in Helsinki ein Verbotsverfahren anstoßen. Das geschieht alle paar Monate, das aktuelle Verfahren ist in seinem Umfang jedoch einmalig.
Im Januar 2023 reichten Umweltbehörden aus Dänemark, Norwegen, Schweden und den Niederlanden einen Beschränkungsvorschlag ein, auch die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin war beteiligt. Sie zielen auf ein weitgehendes Verbot aller PFAS-Stoffe im europäischen Wirtschaftsraum ab. Setzen sie sich durch, könnte auch kein Teflon mehr hergestellt werden. Und ohne Teflon, so sagen Medizingerätehersteller, keine Luftfilter für Herz-Lungen-Maschinen.
Ohne PFAS würden Unternehmen in der EU mehr als 30 Milliarden Euro Umsatz im Jahr verlieren, heißt es in einer Studie des Europäischen Verbands der chemischen Industrie. Nicht nur die Hersteller wären besonders betroffen, auch die Landwirtschaft, Pharmafirmen, Textil- und Elektronikproduzenten. Mit aller Macht wollen viele Firmen deshalb ein komplettes Verbot verhindern. In van der Zandts Behörde gingen mehr Stellungnahmen ein als je zuvor.
Mehrfach schon haben Staatengemeinschaften den Gebrauch schädlicher Chemikalien untersagt. Als deutlich wurde, dass Fluorchlorkohlenwasserstoffe aus Kühlschränken oder Sprühdosen die schützende Ozonschicht in der Atmosphäre auflösen, setzten fast 200 Länder ein Verbot durch. Auf Äckern darf das umweltschädliche Insektengift DDT nicht mehr versprüht und an Tankstellen kein mit Blei versetztes Benzin mehr verkauft werden. Meist handelte es sich um einzelne oder wenige Stoffe.
Noch nie sollte, wie bei PFAS in der Europäischen Union, eine so große Gruppe von Molekülen auf einen Schlag reguliert werden. Substanzen, die Menschen jeden Tag begleiten. Sie machen das Leben bequemer, zuverlässiger, auch sicherer. Doch gefährden sie nicht nur die heutigen Menschen, sie laden auch künftigen Generationen ein schweres Erbe auf. Viele sagen: ein zu schweres.

Der Erfinder
Wie viele Entdeckungen beruht auch der Fund von PFAS auf einem Zufall, fast ein Jahrhundert liegt er
zurück. Ein Chemiker der amerikanischen Firma DuPont bekam in den Dreißigerjahren einen Auftrag: Er sollte ein neues Kältemittel entwickeln, auf der Basis von Fluor. Ein tückisches Gas, das, sobald es mit Wasser in Kontakt kommt, explodiert.
Eines Morgens schloss der Chemiker zusammen mit einem Mitarbeiter einen Behälter mit einer Materialprobe an eine Messapparatur an. Sie erwarteten, dass Gas herausströmte. Es kam nichts. Als sie nachschauten, stießen sie in dem Container auf weißes Pulver. Nie hatte der Chemiker einen solchen Stoff vorher gesehen. Weder mit einem Lötkolben noch mit einem Lichtbogen gelang es den Männern, das Pulver zu schmelzen. In welches Lösemittel auch immer sie es gaben, es reagierte nicht. Das Pulver bekam später den Namen »Teflon«.
Welch ein fantastischer Stoff.
In chemischen Molekülen sind Atome unterschiedlich stark miteinander verbunden. Ist ihre Bindung schwach, kann man sie mit relativ wenig Energie trennen, ähnlich wie zwei Menschen, die sich nur an den Fingerspitzen festhalten. Teflon und andere PFAS-Verbindungen bestehen oft aus Ketten von Kohlenstoff, gehören damit zum großen Feld der organischen Chemie. Finden nun, wie bei PFAS, Kohlenstoff- und Fluoratome zusammen, kommen sich diese so nah, als würden sich zwei Liebende umarmen. Keine Bindung in der organischen Chemie ist stärker. Teflon ist weitgehend unzerstörbar.
Als sich die Menschen in den USA und Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg in das Wirtschaftswunder konsumierten, schlug die Stunde des neuen Stoffs. Sollte ein neues Produkt unempfindlich gegenüber Wasser oder Öl sein, lautete ab den Sechzigerjahren die Lösung immer öfter Teflon: Chemiker hatten entdeckt, dass sich Teflon leichter formen ließ, wenn man es mit einem anderen PFAS-Molekül, der Hilfschemikalie Perfluoroctansäure, mischte, kurz PFOA.
Die Wissenschaftler experimentierten weiter mit der Rezeptur der Stoffe, veränderten mal leicht die Zutaten, fügten sie mal bei anderen Temperaturen zusammen. So schufen sie immer neue Moleküle, mit leicht modifizierten Eigenschaften. Am Ende entstanden weit mehr als 10.000 PFAS-Substanzen.
Fluortelomeralkohole schützten fortan Essensverpackungen vor Wasser und Fett.
Löschschaum mit Perfluoroctansulfonat und PFOA erstickte Feuer besonders effektiv.
Expandiertes Polytetrafluorethylen sorgte dafür, dass Outdoorjacken atmungsaktiv sein konnten und dennoch Wasser abhielten.
Für DuPont und andere große Chemiefirmen war es ein Milliardengeschäft.

Die Kämpferin
Bevor Meta Kamphuis einem Treffen zustimmt, schickt die Niederländerin Anweisungen per E-Mail. Bitte keine Fotos von dem Haus, in dem sie wohnt. Man solle auch nicht die Marke ihres Autos nennen oder die Farbe. Sie hat Angst. Einmal wollte jemand auf TikTok wissen, welchen Wagen sie fahre. Ein anderes Mal fragte ein anonymer Nutzer bei X unverhohlen, ob sie eigentlich noch lebe.
Kamphuis macht die Menschen auf das Treiben der Chemieindustrie aufmerksam. Sie ist überzeugt, dass PFAS ihr Leben zerstört haben.
An einem Samstag im April steuert Kamphuis, 51, ihren Wagen über die Straßen von Dordrecht, wie jedes Wochenende fährt sie zu einer Kundgebung. An einer Halskette baumelt der Ring ihres verstorbenen Mannes. Kamphuis biegt auf den Parkplatz einer Fabrik ein, fährt bis an das Tor.
Früher arbeitete Kamphuis in einem Gefängnis. Zusammen mit Kolleginnen brachte sie selbst kräftige Männer zu Boden, sagt sie stolz: mit den richtigen Griffen kein Problem. Dann erkrankte sie an Krebs. Heute fällt ihr auch das Gehen schwer. Ein Arzt stellte kürzlich Multiple Sklerose fest. Für Einkäufe besitzt sie ein Elektromobil, mit einem Sitz, auf dem sie sich ausruhen kann. Zur Kundgebung bringt sie es nicht mit. Sie mag es nicht, wenn andere sie darauf sehen.
Hinter dem Tor erstreckt sich eine Fabrik des Chemiekonzerns Chemours, das Unternehmen wurde vor einigen Jahren von DuPont abgespalten. Chemours ist ein Weltkonzern – und einer der größten Hersteller von Teflon. Die Fabrik in Dordrecht existiert seit dem Jahr 1959. Etwa 400 Mitarbeitende stellen dort Chemikalien her. Müsste die Produktion gestoppt werden, wären Arbeitsplätze in Gefahr.
Junge und Alte treffen zum Protest ein, Männer und Frauen, fast 30 Personen. Manche tragen Kappen, auf denen steht: »Nichts aus dem Rohr«. Andere haben einen Eimer mit Erde bei sich. Verseuchte Erde, sagen sie. Vor dem Fabriktor baut einer der Männer einen Lautsprecher auf, hält eine kurze Rede. So aufgebracht ist er, dass er mehrfach aus Versehen sein Mikrofon ausstellt. »Stoppt PFAS, stoppt Chemours«, ruft er.
»Stoppt PFAS, stoppt Chemours«, antwortet die Gruppe.
Kamphuis zückt ihr Handy, sie braucht Fotos für ihren TikTok-Kanal. Sie dokumentiert, wie die Protestierenden ihre Eimer auskippen und die Erde vor dem Tor zu einem »X« anhäufen: Aufhören!
Hinweise, dass die Herstellung von Teflon gesundheitsschädlich ist, gab es früh. Im Jahr 1978 ließ ein Zulieferer die Hilfschemikalie PFOA an Rhesusaffen testen. Von acht Tieren, denen die beiden höchsten Dosen verabreicht wurden, waren sieben noch vor Ende des Versuchs tot. Als Wissenschaftler trächtigen Ratten PFOA ins Futter mischten, gebaren sie Jungtiere mit deformierten Augen. Der Zulieferer informierte rasch DuPont. Anstatt alles zu unternehmen und die Menschen fortan vor PFOA zu schützen, tat das Unternehmen, was auch Tabak- und Ölfirmen häufig taten, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse ihr Geschäft bedrohten: Es hielt sie unter Verschluss.
Meta Kamphuis ahnte nichts von missgebildeten Ratten und toten Affen, als sich in den Achtzigerjahren schier endlos lange Sommerferien vor ihr ausbreiteten. Manchmal, erinnert sie sich, habe das Geld gerade so für ein Freibadticket gereicht. Ihre Mutter sei durch die Kasse gegangen, sie über den Zaun geklettert. Meistens aber fuhr sie mit ihrem Fahrrad am Chemiewerk vorbei zu einem Badesee, idyllisch gelegen zwischen Bäumen. Ihre Mutter habe das nicht gern gesehen. Das Wasser sei dreckig, habe sie gesagt, als habe sie geahnt, dass es giftig sein könnte.
Am Tag vor dem Protest sitzt Kamphuis in ihrer Wohnung auf dem Sofa und erzählt, wie sie vor sechs Jahren Schmerzen im Bauch bekommen habe. Damals war sie 45 Jahre alt. »Sigmakarzinom mit drei regionären Lymphknoten von 4 mm Größe«, schrieben die Ärzte in ihre Krankenakte.
Darmkrebs im mittleren Stadium.
Nach der ersten Runde ihrer Chemotherapie, erzählt Kamphuis, habe sie sich so elend gefühlt, dass sie fast aufgegeben habe. Als sie wieder zu Hause war, sagte sie zu ihrem Mann: »Ich will nicht mehr.« Der antwortete ihr: »Ich lasse dich nicht sterben.« Kamphuis sagt: »Er hat mich dazu gebracht, dass ich durchhalte.«
Ein Gedanke, sagt sie, tauchte bald häufiger in ihrem Kopf auf: Warum ich? Die Frage wurde drängender, als wenige Monate später ihr Mann ebenfalls an Krebs erkrankte und sie sich schließlich von ihm verabschieden musste.
Um zu verstehen, wie die Hilfschemikalie PFOA ins Visier von Umweltschützern geriet und Meta Kamphuis zu einer Aktivistin wurde, hilft ein weiterer Blick in die USA, zu einem Landwirt namens Wilbur Tennant. Er machte in den Neunzigerjahren auf seinem Hof in West Virginia eine schaurige Entdeckung: Manche seiner Kühe hatten schwarze Zähne, ihnen kam Schaum aus dem Mund. Irgendwann fielen sie um und starben. Schließlich engagierte Tennant einen Anwalt. In der Nähe seines Hofs betrieb DuPont ein Teflon-Werk, der Verdacht fiel auf eine von DuPont genutzte Müllkippe.
Vor Gerichten kam ans Licht, was das Unternehmen jahrelang vertuscht hatte. Obwohl ihm Informationen vorlagen, wie schädlich die Hilfschemikalie PFOA war, und dass sie sich in der Umwelt und in Menschen anreicherte, hatte es auf der Müllkippe mit PFOA belastete Teflon-Schlämme verklappen lassen. Von dort sickerte der Schadstoff in Boden und Flüsse, vergiftete Tennants Kühe und verseuchte das Trinkwasser Zehntausender Menschen.
Eine groß angelegte Bevölkerungsstudie in der Region ergab, dass Menschen mit viel PFOA im Blut tatsächlich häufiger an Hoden- und Nierenkrebs erkrankten. Der Anwalt erstritt Hunderte Millionen Dollar für die Menschen in West Virginia, und Hollywood machte aus der Geschichte den Film »Dark Waters«, auf Deutsch »Vergiftete Wahrheit«.
Fragt man heute DuPont nach den Vorfällen, schiebt ein Sprecher eine neue Konzernstruktur vor. Es gebe einen »klaren Unterschied« zwischen der ehemaligen Firma E.I. DuPont de Nemours und der heutigen DuPont de Nemours, Inc. Er könne daher »Produkte, Ereignisse und andere Handlungen« nicht kommentieren, weil sie sich ereigneten, »als E.I. DuPont de Nemours das Geschäft mit Hochleistungschemikalien betrieb«.
In den vergangenen Jahren stießen Behörden weltweit auf beunruhigend hohe Werte von Ewigkeitschemikalien in Flüssen, Seen und im Trinkwasser. Im Jahr 2023 trug eine Gruppe internationaler Journalistinnen und Journalisten des »Forever Pollution Project« Tausende Messwerte aus ganz Europa zusammen. Ihre Karte ist voller Farbpunkte, je dunkler, desto höher die Belastung. In Deutschland ist die Gegend um Gendorf in Bayern besonders verschmutzt, dort wurden jahrelang PFAS hergestellt. In der Nähe von Dordrecht verzeichnet die Karte ebenfalls viele Punkte in Dunkelrot.
Am Badesee in Dordrecht, in dem Kamphuis als Kind häufig schwamm, stehen heute Schilder: Baden verboten. Er wird regelmäßig geflutet, um die Verschmutzung zu verringern. Die staatliche Gesundheitsbehörde warnte Menschen in der Umgebung davor, das Gemüse aus dem eigenen Garten zu essen. Aus Wasser kann man die Chemikalien mit viel Aufwand herausholen, für verseuchte Erde gibt es keine ausgereifte Lösung: Es hilft meist nur, sie austauschen.
Meta Kamphuis sagt, sie habe dreimal begonnen, den Film »Dark Waters« zu schauen. Sie habe ihn nicht zu Ende gucken können. Zu sehr erinnert sie der Kampf des Landwirts Tennant an ihren eigenen.
Nach dem Tod ihres Mannes begann Kamphuis zu recherchieren, las im Internet zum ersten Mal von einer Substanz namens PFOA. Sie erfuhr, dass im Blut von Menschen aus Dordrecht PFOA jenseits des Grenzwerts gefunden wurde. Lernte, dass die Substanz Krebs auslösen kann, auch im Darm. Ihr fielen die Radtouren zum See ein, die Warnungen ihrer Mutter. Sie dachte auch an das Leiden ihres Mannes, seinen Tod. Fragt man sie, wie viele Stunden am Tag sie am Computer recherchiert habe, sagt sie: »Die Frage ist, wie viele Stunden nicht.«
Fachleute vergleichen PFAS manchmal mit einem Eisberg. Ähnlich wie bei einem Eisberg nur ein kleiner Teil über dem Wasser liegt, ist bei PFAS nur ein Bruchteil der Stoffe genauer auf eine giftige Wirkung hin erforscht: Große Bevölkerungsstudien ziehen sich oft über viele Jahre, sind aufwendig und teuer. Noch weniger ist darüber bekannt, wie sich die Wirkung verschiedener PFAS im Körper gegenseitig beeinflusst.
Nimmt man mit PFAS belastete Nahrung oder belastetes Wasser zu sich, dringen die Chemikalien bis in die Zellen ein. Dort können sie an molekulare Rezeptoren andocken und diese scharf schalten. So ändert sich, welche Gene ausgelesen, welche Fettstoffe, Hormone oder Zuckerverbindungen produziert werden. Die sorgsam austarierten Abläufe in den Zellen geraten durcheinander.
Diese Zellveränderungen, vermuten Forschende, sorgen für die gesundheitlichen Folgen von PFAS: dass Betroffene häufiger an Infekten leiden, weniger fruchtbar sind und ein höheres Risiko für Krebs haben. Von allen Ewigkeitschemikalien, die in großem Maßstab hergestellt worden sind, gehört PFOA zu den giftigsten.
Auch sie habe ihr Blut untersuchen lassen, erzählt Kamphuis: Der Wert von PFOA habe nicht über dem Grenzwert gelegen. Für sie ist es kein Argument. Eine einmalige Messung ist wenig aussagekräftig. PFAS sammeln sich im Körper zwar an, er scheidet sie aber auch langsam wieder aus. Gelangte vor Jahren zu viel PFOA in ihren Organismus, könnte man es heute nicht mehr nachweisen.
Ob Kamphuis und ihr Mann ohne Ewigkeitschemikalien gesund geblieben wären? Epidemiologen ermitteln, welche Faktoren das Risiko für Krankheiten in bestimmten Bevölkerungsgruppen erhöhen. Es geht dabei um statistische Zusammenhänge, über einzelne Krankheitsfälle sagen die Daten nichts aus. »Ich kann es nicht beweisen«, sagt Kamphuis. »Sonst würde ich längst vor einem Richter sitzen.«
Als der Skandal um PFOA in den USA immer größer wurde, kündigte das Unternehmen DuPont, Chemours’ Vorgängerfirma, an, die Hilfschemikalie in der Teflon-Produktion bis zum Jahr 2015 durch eine andere zu ersetzen. Bald stellte sich heraus, dass auch die neue GenX-Substanz keinesfalls ungefährlich ist. Fachleute sprechen von »regrettable substitution«, auf Deutsch könnte man sagen: »bedauerlicher Ersatz«.
Chemours schreibt, verschiedene Studien hätten das Sicherheitsprofil der GenX-Hilfschemikalie für den »beabsichtigten Gebrauch als industrielle Polymerationshilfe im Herstellungsprozess« bestätigt. Das Unternehmen widerspricht zwar nicht der Aussage, dass Versuchstiere in Studien ein erhöhtes Krebsrisiko oder Schäden am Immunsystem aufweisen. Allerdings seien die Tiere mit einem »sehr hohen Level« dosiert worden, »Tausende Male höher« als das »außerordentlich niedrige Level, das in der Umwelt gefunden wurde«. Zudem seien die Befunde von »begrenzter Relevanz« für Menschen.
Meta Kamphuis sagt, sie habe ihr Vertrauen in Chemours verloren. Sie glaubt nicht daran, was der Konzern nun verspricht: dass er den Ausstoß von PFAS im Abwasser und der Abluft gegenüber dem Jahr 2017 bis zum Ende des Jahrzehnts um 99 Prozent senken werde. Seit zwei Jahren engagiert sich Kamphuis in der Lokalpolitik, bei der nächsten Wahl möchte sie für das Provinzparlament kandidieren: Die Provinzregierung entscheidet über Genehmigungen für die Großindustrie. Sie sagte, sie gebe ihren Kampf erst auf, wenn Chemours das Werk in Dordrecht schließe.

Der Pragmatiker
Es ist schwer, ein Unternehmen zu finden, das mit dem SPIEGEL über Ewigkeitschemikalien sprechen möchte. Die Pressesprecherin von Chemours teilt mit, ein Besuch in Dordrecht werde »nicht möglich sein«. Ein Papierproduzent sieht sich als »nicht der richtige Ansprechpartner«, ein anderer stellt erst ein Treffen in Aussicht und sagt dann wieder ab. Ein Hersteller von Medizingeräten möchte zwar über PFAS reden, aber nicht, dass im Artikel aus dem Gespräch zitiert wird.
Schließlich grüßt in der Nähe von Koblenz, in Thalhausen, ein Mann in eine Computerkamera. Er heißt Sven Holst und ist bei HB Protective Wear, einem der führenden deutschen Hersteller für Schutzkleidung, in der Geschäftsführung für Produktentwicklung verantwortlich. Die Firma produziert in acht Ländern bis zu 1,5 Millionen Kleidungsstücke pro Jahr, Overalls für Reinräume und Kühlhäuser, Anzüge für Feuerwehrleute, Monturen gegen gefährliche Funkenentladungen.
Mit einem gewissen Stolz erzählt Holst davon, was seine Kleidung aushält. Da ist zum Beispiel die Europäische Norm 13034, Chemikalienschutz des Typs 6. Arbeiterinnen und Arbeiter tragen diese Anzüge in Chemieparks, bei der Metallverarbeitung, in Klärwerken, Einsatzkräfte der Feuerwehr bei Gefahrgutunfällen. Damit ein Kleidungsstück die Norm 13034 erfüllt, muss es mindestens einer von vier Prüfchemikalien zu einem gewissen Grad standhalten, ätzender Natronlauge beispielsweise oder Schwefelsäure. Und dafür gebe es PFAS in den Stoffen, sagt Holst.
Holst ist kein Freund von PFAS, einmal nennt er sie einen »Höllenstoff«. Seine Firma stellt sie nicht selbst her, sie kauft fertig imprägnierte Gewebe auf großen Bahnen ein. Wenn Holst könnte, sagt er, würde das Unternehmen sofort auf PFAS verzichten. Auch deshalb hat er diesem Gespräch zugestimmt: Er möchte zeigen, dass es aus diesem Dilemma keinen perfekten Ausweg gibt.
Eine hochindustrialisierte Gesellschaft wägt ständig Nutzen und Risiken gegeneinander ab. Bei Medikamenten muss sie festsetzen, welche Nebenwirkungen akzeptabel sind. Bei Kernkraftwerken, welches Restrisiko eines atomaren Unfalls sie akzeptieren möchte. Oder sie muss überlegen, wie stark sie künstliche Intelligenz reguliert, damit die nicht außer Kontrolle gerät. Selten jedoch wirkt sich eine Entscheidung so weit in die Zukunft aus wie bei den Ewigkeitschemikalien.
Vor wenigen Jahren stellte die Kleidungsindustrie weitgehend auf eine etwas weniger gesundheitsschädliche Ewigkeitschemikalie um, auch Sven Holts Firma. In den Prüfstellen machte sich das schnell bemerkbar. Als die Schutzkleidung dort mit den Testflüssigkeiten traktiert wurde, hielt sie manche Chemikalien nicht mehr so gut ab wie zuvor. Auf einer Skala bis drei erreichten sie nurmehr Stufe zwei. Zwar erfüllt die Kleidung weiterhin die Norm, doch sie schützt etwas weniger gut.
Ganz ohne PFAS auskommen? Holst sagt, er wisse nicht, wie. Zwar sieht der Vorschlag für ein EU-weites PFAS-Verbot vor, dass die Substanzen in unverzichtbaren Anwendungen noch eine Zeit verwendet werden würden, bis zu zwölf Jahre. Zwölf Jahre hören sich nach einer langen Zeit an. Aber was, wenn kein Labor in dieser Zeit einen Ersatzstoff findet? Oder wenn, wie ein Medizingerätehersteller befürchtet, Chemiekonzerne schon früher aus der Produktion von PFAS aussteigen, weil ein Markt mit wenigen Abnehmern nicht mehr lukrativ ist?
Am Ende des Gesprächs zeichnet Holst eine düstere Vision, sollten PFAS in Europa verboten werden. Wahrscheinlich muss er das, er ist schließlich auch Lobbyist in eigener Sache. In manchen Berufen seien die Angestellten auf seine Schutzkleidung angewiesen. Sven Holst sagt: »Viele Menschen könnten nicht mehr zur Arbeit gehen.«

Der Hüter der Chemikalien
In Helsinki, im Hauptquartier der Europäischen Chemikalienagentur ECHA, führt eine massive Holztür in einen fensterlosen Raum. Er heißt »Voima«, benannt nach einem finnischen Eisbrecher. Ein Besucher darf den Raum nur betreten, wenn keine Sitzung stattfindet. Stuhlreihen in einem Halbkreis, ein Mikrofon mit Sprechtaste an jedem Platz: »Voima« erinnert an einen Parlamentssaal.
In diesem Saal könnte sich die Zukunft der PFAS in Europa entscheiden.
Alle paar Monate kommen in »Voima« oder einem angrenzenden Raum zwei Gremien zusammen. Sie heißen »Ausschuss für Risikobewertung« und »Ausschuss für sozioökonomische Analyse«. In der Öffentlichkeit sind sie kaum bekannt, was erstaunlich ist, bedenkt man, wie viel Einfluss sie haben: Was in »Voima« beschlossen wird, betrifft mehr als 450 Millionen Menschen.
Worüber in den Gremien gesprochen wird, dürfen die Mitglieder keinem Außenstehenden erzählen. Sie müssten auf wissenschaftlicher Grundlage und ohne unlautere Einflussnahme arbeiten können, sagt Peter van der Zandt. Als Direktor für Risikomanagement ist er dafür zuständig, die Gremien bei ihren Aufgaben zu unterstützen.
Die Gremien bestimmen mit darüber, welche Chemikalien als »krebserregend« oder »fortpflanzungsgefährdend« gekennzeichnet werden müssen, welche nicht mehr in der EU hergestellt oder verwendet werden sollen. Seit die fünf europäischen Behörden vor zwei Jahren den Verbotsantrag zu PFAS einreichten, mit Anhängen, fast 2000 Seiten lang, durchläuft auch er diese Ausschüsse.
Fachleute aus ganz Europa sitzen in den Gremien, Spezialistinnen für das menschliche Nervensystem und Entwicklungsbiologie, für Krebs und Lungenleiden, Böden und Gewässer, Experten für chemische Messmethoden, Biostatistiker und Veterinärmediziner. Jedes Jahr müssen sie einen Bogen zu Interessenkonflikten ausfüllen und darin unter anderem angeben, ob sie Geld von einschlägigen Firmen angenommen oder in solche investiert haben. Dazu kommen Beobachterinnen und Beobachter aus der Industrie und Nichtregierungsorganisationen.
Van der Zandt ist ein Bürokrat im besten Sinn des Wortes, eine Art menschgewordenes Regelwerk. Fragt man ihn, den studierten Biologen, nach seiner eigenen Meinung zu Ewigkeitschemikalien, sagt er, diese tue in dem Prozess nichts zur Sache. Soll er das Verfahren erläutern, kommentiert er fast jeden Schritt mit dem Hinweis, das stehe »alles genauso in der Verordnung«. Er sagt: »Ich wache nicht eines Tages auf und frage mich: Was reguliere ich heute?«
Seine Behörde arbeitete in ihrer fast 20-jährigen Geschichte zahlreiche Verbote für Chemikalien aus. Sie empfahl, dass PFAS künftig aus Löschschaum verschwinden sollten, und verbannte eine andere PFAS-Molekülgruppe aus Lebensmittelverpackungen, Kosmetik und Regenjacken. Van der Zandt sagt, die ECHA kenne sich gut aus mit Beschränkungen: »Wir müssen den Prozess nicht neu erfinden.«
Üblicherweise haben die beiden Gremien der ECHA ein Jahr Zeit für ihre Entscheidung. In den ersten sechs Monaten können Betroffene Stellung nehmen: Unternehmen, Interessenverbände, Nichtregierungsorganisationen. Beim PFAS-Antrag merkte van der Zandt rasch, dass sie die Frist nicht würden einhalten können.
Als die ECHA einmal über schädliche Substanzen in Farben für Tattoos beriet, erreichten sie 27 Zuschriften.
Beim Thema Mikroplastik gingen 477 Kommentare ein.
Bei PFAS waren es mehr als 5600. Neben Zuschriften von Umweltverbänden und einzelnen Bürgerinnen und Bürgern kamen vor allem Einsprüche von Unternehmen.
Die Firma Chemours führte in ihrer Stellungnahme gleich zwölf Gründe an, warum der Verbotsantrag »rechtlich fehlerhaft« sei, etwa weil er auf einer »nicht bindenden, akzeptierten Definition« von PFAS beruhe und Informationen zu Alternativen »nicht korrekt bewerte«. Der Gesamtverband textil+mode, dem auch Sven Holsts Unternehmen HB Protective Wear angehört, warnte, dass »ganze Wertschöpfungsketten« in Regionen »mit geringeren Umweltstandards« verlegt würden.
Jeder Kommentar müsse gelesen werden, sagt van der Zandt, jeder relevante Fakt kategorisiert und an die ECHA-Ausschüsse weitergegeben werden. Enthält die Zuschrift neue Details, wie PFAS verwendet werden? Oder zu den Emissionen bei der Herstellung? Weist sie auf unbekannte Gesundheitsrisiken hin? Oder auf wirtschaftliche Folgen eines Verbots?
Van der Zandt erzählt, normalerweise würden bei der ECHA zwei Angestellte die Kommentare sichten. Bei PFAS sei die Abteilung um das Fünffache verstärkt worden.
Zwölf Menschen, allein um die Kommentare abzuarbeiten.
In ihrem Verbotsantrag führen die Behörden aus fünf EU-Ländern die »sehr hohe Beständigkeit« von PFAS als wichtigsten Grund für ein Verbot an, dass sie also in der Umwelt praktisch nicht abgebaut werden. Gerade weil diese Eigenschaft allen Ewigkeitschemikalien gemeinsam sei, müsse man auch die gesamte Gruppe von mehr als 10.000 Verbindungen zusammen regulieren. Nur so könne man »regrettable substitutions« verhindern, dass also eine PFAS-Chemikalie durch eine nur etwas weniger schlimme ersetzt wird.
Die Chemiebranche hält dagegen, dass genau das falsch sei: alle PFAS gleichzubehandeln. Die Untergruppe, zu der auch Teflon zählt, bezeichnet das Unternehmen Chemours als »Polymere von geringer Besorgnis«. Was außen vor lässt: dass es die bei der Produktion benötigte Hilfschemikalie nicht in einem geschlossenen Kreislauf halten kann. Dass es den PFAS-Ausstoß seiner Fabriken möglicherweise »um 99 Prozent« drücken kann, aber eben nicht auf null.
Chemours sagt dazu, die Fabriken würden im Vergleich zum Jahr 2018 bereits 76 Prozent weniger fluorierte Kohlenstoffsubstanzen, darunter PFAS, ausstoßen. Man wolle die Anlagen weiter optimieren, »um so nah wie möglich an null Emissionen heranzukommen«. Der Einsatz der GenX-Hilfschemikalie stütze nicht die Schlussfolgerung, dass »das gesamte Produktionsverfahren« von Teflon als »Prozess von hoher Besorgnis« einzustufen ist.
Die beiden Gremien der ECHA arbeiten sich Sektor für Sektor durch den Antrag und das Destillat der Stellungnahmen. Der »Ausschuss für Risikobewertung« prüft im Wesentlichen, ob sich der Eintrag von PFAS in die Umwelt so verringern lässt, dass er für Mensch und Natur kein unakzeptables Risiko birgt. Der »Ausschuss für sozioökonomische Analyse« untersucht unter anderem, wie sich ein Verbot auf die Wirtschaft auswirkt. Welche Alternativen gibt es und welche Übergangsfristen sind angemessen?
Während erste Länder im Alleingang vorpreschen, Frankreich sämtliche Ewigkeitschemikalien in Kleidung und Kosmetika ab Januar untersagt, möchte sich van der Zandt nicht hetzen lassen. Das Ergebnis seiner Behörde müsse unangreifbar sein, 100-prozentig robust. »Wissen Sie«, sagt er schließlich, »unsere Währung ist das Vertrauen.«
Und dann, nachdem bei der ECHA zwölf Angestellte mehr als 5600 Stellungnahmen abgearbeitet haben, zwei Gremien Dutzende Male zu PFAS beraten und im kommenden Jahr ein Abschlussdokument, so dick wie mehrere Lexikonbände, produziert haben, könnte es sein, dass als Konsequenz aus ihrer Arbeit dies geschieht: fast nichts.
Die Ergebnisse der ECHA gelten nur als Empfehlung, das letzte Wort über Verbote von Chemikalien in der EU hat die Europäische Kommission. In Brüssel können die Kommission und die Regierungen der Mitgliedsländer die Schlüsse der ECHA abschwächen, Ausnahmen hinzufügen oder Übergangsfristen verlängern. Das Verbotsverfahren, eingeleitet, um 450 Millionen Menschen zu schützen, wird so zu einer Verhandlungsmasse zwischen Regierungen, die immer auch die Industrien ihrer Länder im Blick haben.
Als wäre das nicht genug, überarbeitet die Kommission parallel zum PFAS-Verfahren ihre Chemikalienverordnung. Sie möchte dadurch unter anderem die Chemieindustrie in der EU wettbewerbsfähiger machen. Bis zum Ende des Jahres soll ein Entwurf vorliegen. Denkbar ist eine Passage, wonach eine »essenzielle Verwendung« von Chemikalien etwa in der Verteidigung, Gesundheitsbranche oder Kommunikationstechnik nicht mehr verboten werden darf.
Es mutet widersinnig an: Während die ECHA ein weitgehendes Verbot von PFAS empfehlen könnte, arbeitet die EU-Kommission an einer Verordnung, nach der viele dieser Stoffe erlaubt bleiben dürften – wenn es sie als Ausnahme deklariert. In diesen beiden Verfahren zeigt sich das ganze Dilemma: Fast unmöglich ist es, den Schutz der Umwelt und die Gesundheit der Menschen gegen die Ansprüche einer technisch weit entwickelten Gesellschaft abzuwägen.
In Deutschland schrieben Union und SPD einen Satz in ihren Koalitionsvertrag, der erstaunlich nah an der Position der Chemiefirmen liegt: Ein »Totalverbot ganzer chemischer Stoffgruppen« lehne man ab. Das Land, dessen oberste Arbeitsschutzbehörde ein Verbot mit anstieß, möchte nun in Brüssel verhindern, dass es umgesetzt wird. Es müsse ermöglicht werden, dass »PFAS langfristig und gegebenenfalls unbegrenzt weiterhin eingesetzt werden können, soweit und solange geeignete Alternativen fehlen«, teilte eine Regierungssprecherin dem SPIEGEL mit.

Die Hoffnungsträgerin
Der Ofen heizt schon vor, als Diana Lau die Experimentierhalle betritt. Sie geht vorbei an Reaktoren für chemische Synthesen, an Kabinen, in denen man mit einer Sprühpistole Materialien beschichten kann. Eine Assistentin trägt mit einer Walze eine durchsichtige Flüssigkeit auf Stoffproben auf, groß wie ein DIN-A4-Papier. Die Proben kommen in den Ofen, so, als backe Lau eine Pizza.
Sollte das Verbot für Ewigkeitschemikalien in den EU-Gremien scheitern und am Ende alles weitgehend bleiben, wie es ist, wird die Suche nach günstigen, weithin verfügbaren Alternativen zu PFAS dringlich bleiben. Dann kommt es auch auf die Arbeit der Forschungsgruppe von Diana Lau an.
Lau ist Chemikerin am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung in Würzburg. Sie arbeitet an einem europaweiten Forschungsprojekt mit, daran beteiligt sind zwölf Partner aus der Wissenschaft und Industrie. Es heißt »ZeroF«, wobei das »F« für »Fluor« steht. Bei der Flüssigkeit in der Walze handelt es sich um neuartige öl- und wasserabweisende Beschichtungen, beispielsweise für Polstermöbel: ein Ersatz für PFAS.
Die Ersatzmaterialien aus Würzburg, in der Grundstruktur seit den Neunzigerjahren bekannt, sind chemisch komplex, vereinen Eigenschaften von Kunststoff, Glas und Keramik. Wenn Lau sie beschreibt, fallen Wörter wie »Sol-Gel-Prozess«, »Hydrolyse« und »anorganische Vernetzung«. Könnte man sie sich unter einem Mikroskop ansehen, würde man einen dünnen Film erkennen. Er legt sich wie eine Schutzschicht um die Textilfasern.
Lau hat auf den ersten Blick eine undankbare Aufgabe. Wer etwas Neues entwickelt, möchte, dass es besser ist als das Bisherige. Lau weiß, dass ihre Ersatzmaterialien niemals PFAS in allen ihren Eigenschaften übertreffen werden: Eine stärkere Bindung als zum Fluor kann Kohlenstoff nicht bilden. »Ein exakter Nachbau ohne die negativen Seiten von PFAS ist nicht möglich«, sagt sie.
Und doch macht Diana Lau weiter. PFAS seien Alleskönner, sagt sie. Die Zukunft dagegen gehöre Molekülen, die passgenau auf die Anforderungen abgestimmt seien. Warum brauche man in einer Herz-Lungen-Maschine einen Stoff, der bis zu 260 Grad Celsius aushalte?, fragt sie. Oder in einer Pfanne eine Beschichtung gegen stark ätzende Säure?
Laus Ersatzmaterialien weisen Wasser bereits gut ab, erzielen in Tests fast die volle Punktzahl. Beim Öl dagegen hapert es noch, dort erreichen die Proben erst die unteren beiden Schutzstufen. Und noch weiter sind die Ersatzmaterialien davon entfernt, dass Sven Holsts Firma auf ihrer Basis Schutzkleidung nähen könnte.
Möchten sich die Menschen aus ihrer Abhängigkeit von PFAS-Chemikalien befreien, braucht es mehr Projekte wie das von Diana Lau, mehr öffentliche Fördergelder, mehr Industrieforschung. Die Entwicklung eines neuen Materials ist ähnlich aufwendig wie die eines Medikaments. Lau sagt: »Startet man von null, ist ein Zeitraum von fünf bis zehn Jahren üblich.«
Vor einigen Monaten, Lau erzählt es fast beiläufig, sei sie zum zweiten Mal Mutter geworden. Seitdem überlege sie oft, welche Bürde die Menschen den künftigen Generationen auflade. Bei ihrer Entwicklung denkt sie direkt mit, wie das Material produziert und wie viel Energie dabei verbraucht wird, wie es entsorgt oder im besten Fall recycelt werden kann. Und vor allem, wie man verhindert, dass es der Umwelt oder der Gesundheit schade. »Safe and sustainable by design« heißt das Prinzip, »sicher und nachhaltig von Anfang an«.
Auf keinen Fall, sagt Diana Lau, dürfe die Menschheit diesen einen Fehler wiederholen: dass sie erst Jahrzehnte später bemerkt, welchen Schreckensstoff sie erfunden hat.

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In den Niederlanden, in Dordrecht, führt der Chemiekonzern Chemours nach dem Protest ein absurd routiniertes Schauspiel auf. Während sich die Gruppe der Teilnehmenden auflöst und auch Meta Kamphuis wieder in ihr Auto steigt, warten hinter dem Werkstor bereits ein Mann in einem Overall und ein Angestellter der Werksfeuerwehr. Nach einigen Minuten rollen sie eine Schubkarre hinaus. Einer der beiden fegt die Erde vom Boden, der andere schaufelt sie in die Karre. Nach wenigen Minuten sind die Spuren des Protests beseitigt.
Hinter den beiden Arbeitern gleitet das Rolltor wieder zu.