»Darf ich raus?«
Als Maya hier angekommen ist, hat sie erst mal gekotzt. Charlotte hat geheult. Samira fuhren Polizisten vom Gericht her, damit sie nicht wieder abhaut.
Mila hat an ihrem ersten Tag einem anderen Mädchen ins Gesicht geschlagen. Einfach so. Sie war von mehreren Schulen geflogen. Keine will sie mehr aufnehmen, weil sie so aggressiv ist. Hätte ja auch hier klappen können.
Aber Mila ist noch da.
Am Rand des Schwarzwalds in Niefern-Öschelbronn steht Schloss Niefernburg. Der achteckige Turm ragt über die umliegenden Dächer, der goldene Hahn auf der Spitze dreht sich im Wind. Eine Trauerweide steht am Eingang.
Einst war die Niefernburg ein heruntergekommenes Waisenhaus. In der Nazizeit betreuten Diakonissen hier Mädchen. In den Siebzigern übernahmen Sozialpädagogen und machten aus der Niefernburg eine Einrichtung der Jugendhilfe. 1997 eröffneten sie die erste geschlossene Wohngruppe für Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren.
Hier landen die, die sonst nirgends bleiben.
Sie wohnen in einem hellgrauen Anbau. Zwei Stockwerke hoch, Solarpaneele auf dem Dach. Eine Wohngruppe rechts, eine links, sechs Plätze jeweils. Die Eingangstüren des Anbaus sind aus Panzerglas. Die Fenster auch, Eisenstangen versperren sie so, dass man sie nur kippen kann. Die Möbel sind angeschraubt. Die Schränke haben keine Türen, die man rausreißen, die Schreibtische keine Stühle, die man werfen kann.
Wer rein will, kann klingeln, wer raus will, braucht einen Schlüssel.
Drinnen ist es kühl und riecht nach Vanille-Parfüm.
Es gibt Mädchen, die sind seit ihrer Geburt auf einen Ort wie diesen zugesteuert. Mädchen wie Paula, 15 Jahre alt, die sagt: »Es gibt diese Junkies am Bahnhof, die jeder kennt. So eine ist meine Mama«. Die sagt, sie sei zu klein für ihr Alter, weil ihre Mutter in der Schwangerschaft Drogen genommen habe. Das Jugendamt schickt sie von Wohngruppe zu Wohngruppe. Die Niefernburg ist ihre siebte.
Und es gibt Mädchen wie Luise, 14, die Eltern Anwälte, zu Hause war sie Schulsprecherin. Hier sagen sie: Auf dem Papier ist Luise schlauer als wir alle.
128.000 Kinder und Jugendliche leben in Deutschland in Heimen oder Wohngruppen. Wenige Hundert Plätze gibt es in geschlossenen Gruppen. Sie könnten jeden Platz fünfmal besetzen, sagen sie in der Niefernburg.
Meist ist es das Jugendamt, das auf eine geschlossene Gruppe drängt. Die Eltern müssen die Unterbringung dann beim Gericht beantragen. Manche verstehen gar nicht, was mit ihrem Kind nicht stimmen soll. Im Extremfall entzieht ein Richter den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht – und schickt das Kind hier hin.
Geschlossene Wohngruppen sind das härteste Mittel der Jugendhilfe . Hier kommt man nur mit richterlichem Beschluss hin und nur, wenn sicher ist: Es kam keine mildere Maßnahme als der Freiheitsentzug infrage. Die Mädchen bleiben bis zu einem Jahr.
Diese Wohngruppen sind auch eines der teuersten Mittel. Ein Tag in der Niefernburg kostet 417,28 Euro. Ein Monat rund 12.500 Euro. Dreimal so viel wie das Eliteinternat Schloss Salem. Eltern wie die von Luise müssen sich an den Kosten beteiligen, mit bis zu 25 Prozent.
Auf nichts konnten oder wollten die Mädchen sich einlassen. Hier werden sie gezwungen, sich helfen zu lassen.
Darf ich?
Um 18 Uhr gibt es Abendessen. Ein Brotkorb steht in der Mitte des Tisches. Es sind noch Nudeln vom Mittag über und Schokoladenpudding. Sechs Mädchen sitzen hier, zwischen ihnen zwei »Ezis«, so nennen sie die Erzieherinnen und Erzieher. Gruppe 1 ist voll belegt.
Besteck klappert. Die Mikrowelle surrt. Die Mädchen rufen durcheinander.
»Nie dürfen wir Nudeln mit Pesto machen!«
»Dass wir keinen Ketchup aufs Brot dürfen, ist für mich Machtmissbrauch.«
»Gib doch mal den Käse jetzt!«
»Darf ich ein scharfes Messer haben?«
Sie müssen hier oft um Erlaubnis fragen. Ob sie aufstehen dürfen, um ihr Brot aus dem Toaster zu holen. Ob sie anfangen dürfen, zu essen. Nach dem scharfen Messer, das ein Erzieher aus dem abgeschlossenen Schrank holt.
Am Tisch sitzt Fiona, die etwas zu laut spricht. Meistens darüber, warum sie gerade sauer ist. Samira, die in der Gruppe fast gar nicht redet, und Mila, die immer öfter vor Samiras Zimmertür steht und sie beschimpft. Zhenya, erst 13, die mit ihrer Mutter aus der Ukraine floh und kaum Deutsch spricht. Charlotte, die wie eine große Schwester den anderen über den Mund fährt, wenn sie mal wieder vor den Erziehern prahlen, was sie in ihre Zimmer geschmuggelt haben.
Und Maya, die sagt, das mit der Verwahrlosung und der Prostitution und den Drogen in ihrer Akte stimme gar nicht, sie sei nur wegen Schulschwänzen hier.
»Schreiben Sie, dass wir schwer erziehbare Kinder sind?«
»Seid ihr das denn?«
»Nee, aber alle denken das.«
Um zu verstehen, wo die hinkommen, die nirgendwo anders hinkönnen, und wo sie herkommen, war ich als Reporterin seit diesem Frühjahr immer wieder in der Niefernburg. Ich hörte Teamsitzungen und Einzelgespräche, sprach mit Therapeutinnen, Erziehern und den Mädchen. Ich saß beim Frühstück und Abendessen, im Matheunterricht und war beim Reiten dabei.
Vieles, was die Mädchen erzählen, bestätigen die Erzieher und Therapeutinnen. Sie kennen Akten und Eltern. Aber einiges lässt sich nicht überprüfen. Wo sie waren, als sie über Wochen verschwunden sind. Ob Charlotte wirklich selbst die Idee hatte, sich zu prostituieren, oder ob es nicht doch ihr Freund war.
Die Eltern haben zugestimmt, dass der SPIEGEL mit ihren Töchtern spricht. Dafür haben die Mädchen in diesem Text andere Namen, und wo genau sie herkommen, spielt keine Rolle.
»Schade eigentlich.«
»Ist doch nicht schlimm, hier zu sein.«
»Kommen wir auf den Titel?«
»Können Sie mein Instagram dazu schreiben? Ich will Follower.«
»Charlotte war doch eh schon überall in der Zeitung.«
Nach Charlotte fahndete die Polizei fast fünf Monate lang. Das Radio sendete eine Vermisstenmeldung, Lokalzeitungen und die »Bild« veröffentlichten ihr Foto. »Die Polizei hat gesagt, ich bin das teuerste Mädchen«, sagt sie stolz. Keine Suchaktion habe mehr gekostet, grinst sie und beißt in ihr Käsebrot.
Sie trägt eine Schlafanzughose und einen Pulli, der ihr bis zu den Knien reicht. Ihre Haare hat sie zum Zopf gebunden. Sie ist 16. Auf ihrem Vermisstenfoto könnte sie auch Anfang zwanzig sein.
Charlotte erzählt ihre Geschichte so: Sie habe sich in einen Typen verliebt, der habe ein paar Probleme gehabt. Und da habe sie ihm eben vorgeschlagen, dass sie sich prostituiere. Er sollte die Freier suchen, das Geld würden sie teilen. Monatelang seien sie zusammen durch Deutschland gefahren. Immer dahin, wo gerade ein Mann für Charlotte zahlen wollte.
Sie spricht darüber, als wäre das eine langweilige Klassenfahrt gewesen. Erst waren sie hier, dann da. »Wir haben auch schöne Sachen gemacht.« Den Männern habe sie gesagt, dass sie 18 sei.
Neulich habe sie noch mal die Nachrichten von dem Typen gelesen: Bring noch 2000 Euro, dann machen wir uns das schönste Leben. »Ich wusste nicht, was ich machen soll. Also habe ich einfach gemacht, was er von mir erwartet hat.«
»Habt ihr das Geld wirklich geteilt?«
»Man checkt erst im Nachhinein, dass man richtig dumm war.«
Ihr Lachen dabei klingt bitter.
Nachdem die Polizei sie aufgriff, sollte Charlotte möglichst weit weg von zu Hause. Damit ihr Freund sie nicht findet. Und sie auch nicht mehr ihn.
Die geschlossene Gruppe ist keine Strafe, auch wenn sich das für die Mädchen oft so anfühlt. Die verschlossenen Türen und Fenster sollen sie beschützen. Sie zwingen, sich beschützen zu lassen.
Jungen sollen in geschlossenen Einrichtungen meist lernen, keine Gefahr mehr für andere zu sein. Mädchen hingegen, wie sie keine Gefahr mehr für sich selbst sind.
Kann man Freiheit in Unfreiheit lernen?
Jede Woche entscheidet das Team, wie viel Freiheit sie welchem Mädchen zutrauen.
Zu Anfang dürfen sie nur mit Erziehern raus. Zum Rauchen oder Müll wegbringen. Dann kommt Sichtweite : Da stehen sie dreimal die Woche eine Viertelstunde allein in Sichtweite der Erzieher rum.
Wenn das Team findet, dass sich ein Mädchen gut in die Gruppe einfügt und auf Einzelgespräche einlässt, gibt es AusgangGelände : Da dürfen sie auf das ganze Gelände, das weder eingemauert noch umzäunt ist. Als Nächstes werden sie mit Aufträgen losgeschickt. Und dann dürfen sie einige Stunden allein raus – und ihr Handy mitnehmen.
Wenn Fiona und Charlotte Ausgang haben, stehen sie direkt am Gartentor. Was sollen sie durch Niefern laufen, wenn sie endlich wieder ihr Handy haben, mit ihren Freundinnen schreiben können oder mit ihrem Freund telefonieren. Manchmal gucken sie einfach Instagram.
Der letzte Schritt ist die Beurlaubung . Dann dürfen sie Freitag bis Sonntag nach Hause. Dann zeigt sich, wie gut die Arbeit in der Niefernburg war. Ob sie freiwillig wieder zurückkommen. Oder ob die Polizei sie bringen muss.
Sie rannte in Schlappen, auf Socken
Emilia hockt in einem schwarzen Hoodie im Hausflur am vergitterten Fenster und raucht. Ihre Haare sind blond gefärbt, die Locken kämmt sie raus. Auf dem Mittelfinger hat sie einen Smiley tätowiert. Sie ist 13.
An der Wand lehnt eine Erzieherin. Wenn Emilia im Flur ist, darf die Eingangstür nicht geöffnet werden. Ist Emilia im Wohnbereich, muss auch die Tür zum Flur verschlossen bleiben. Für sie gelten die höchsten Sicherheitsvorkehrungen.
Außer ihr wohnen in dieser Gruppe noch Frida und Kati. Aber Frida verlässt seit Tagen ihr Zimmer nicht, und Kati hat schon wieder einen Arzttermin.
Emilia rannte oft weg. Sie habe überlegt, ob sie einen Betreuer umhauen könnte und den Schlüssel klauen. Sie rannte in Schlappen, auf Socken. Beim Rauchen, beim Essen holen. Sie steckte sich wichtige Telefonnummern in den BH und trug zwei Lagen Klamotten, um draußen eine auszuziehen. »So werde ich ja vermisst gemeldet«, sagt sie.
Im August verabredete sie sich mit ihrer Mitbewohnerin Alara zum Abhauen. Im Freibad um die Ecke sprachen sie Jungs an, die aussahen, als hätten sie ein Auto. Hatten sie nicht, aber sie bezahlten ihnen ein Bahnticket. Emilia verlor Alara in Frankfurt. Irgendwelche Typen hätten ihnen gerade Ecstasy angeboten. Als sie sich umdrehte, sei Alara weg gewesen. Die Polizei brachte Emilia zurück in die Niefernburg.
Es ist ein Nachmittag im Spätsommer, als sie beim Rauchen im Flur von Frankfurt erzählt, Alara wird seit vier Wochen vermisst.
»Machst du dir Sorgen um Alara?«
»Nicht so richtig.«
Als Emilia noch bei ihrer Mutter lebte, haute sie ständig ab. Sie habe in leer stehenden Häusern geschlafen und Drogen genommen. »Wir waren eine kleine Junkie-Gang«, sagt sie über die Zeit und ihre damaligen Freunde.
Fragt man sie, was sie alles schon genommen hat, zählt sie Drogen auf wie kleine Erfolge: »Gras, Ecstasy, Crystal, Keta, Heroin, Spülmaschinentabs.«
»Woher bekommt eine 13-Jährige Heroin?«
»Draußen bin ich 18. Ein bisschen Schminke, dann geht das.«
Es ist schwer, sich Emilia im Frankfurter Bahnhofsviertel vorzustellen. Sie hat ein kindliches Gesicht, noch nicht einmal Pubertätspickel. Hier spielt sie stundenlang »Stadt, Land, Fluss« mit den Erziehern oder baut eine Höhle im Wohnzimmer.
Aber wenn sie redet, merkt man, dass sie geübt darin ist, Erwachsene von dem zu überzeugen, was sie will. Ihre Mutter, nicht so streng zu sein, Freunde, ihr Drogen zu geben, Männer, wie reif sie für ihr Alter sei.
Acht Mal ist Emilia aus der Niefernburg schon abgehauen. Eigentlich, sagt sie, wolle sie ja bleiben. Aber dann fallen ihr die Drogen ein, die sie draußen nehmen könnte, ihre Freunde und die süßen Jungs.
Emilia soll nicht bei ihrer Mutter leben. Zu instabil. Von einem Vater spricht sie nie. Wenn die Niefernburg Emilia aufgibt, gilt sie als unerreichbar für das Hilfesystem in Deutschland. Dann bleibt nur noch eine Auslandsmaßnahme, so weit weg, dass sogar eine wie Emilia vielleicht aufhört, wegzurennen.
Die Niefernburg kann sich aussuchen, wen sie aufnimmt. Jedes Mädchen muss zum Vorstellungsgespräch kommen. Keines gibt sich Mühe, dabei einen guten Eindruck zu hinterlassen. Hier landen die, bei denen alles andere nichts gebracht hat. Aber eben auch die, bei denen sie glauben, dass das hier noch etwas bringen könnte.
Die Mädchen, die herkommen, werden immer jünger, erzählt eine Therapeutin. Sie kümmert sich um die Neuaufnahmen. »Corona hat richtig reingehauen«, sagt sie. »Gerade bei den Richkids.« Schule schwänzen, Drogen, Sex, die Probleme fingen immer früher an.
Warum rutscht ein Mädchen ab? War es die Kindheit? Sind es die Eltern? Oder die Freunde? Irgendwann, sagt die Therapeutin, kann es zu Hause noch so geordnet sein, gegen die falschen Freunde haben die meisten Eltern keine Chance.
Struktur ist wichtig
Für Zhenya geht es gerade erst los. Gestern zog sie in die Niefernburg. Sie ist blass und sitzt auf der Lehne des grauen Sofas, als würde sie warten. Am Handgelenk trägt sie ein Haargummi, darüber hat sie Brandnarben von Zigaretten. Sie hat sie sich eingebrannt, ordentlich wie ein Perlenarmband.
Vor zwei Jahren flüchtete Zhenya mit ihrer Mutter und ihrer großen Schwester aus Kyjiw nach Deutschland. Um die ganzen Regeln der Niefernburg zu verstehen oder was sie hier soll, spricht sie noch nicht genug Deutsch.
»Warum bist du hier?«
»Jugendamt.«
»Aber wieso wollen die, dass du hier bist?«
»Drogen und Suizid.«
In der Ecke des Wohnzimmers steht eins der Mädchen am Spiegel und drückt sich Pickel aus.
Neben Zhenya sitzt Samira auf dem Sofa und versucht ihr Regeln zu erklären: Die Erzieher müssen wissen, dass sie dir vertrauen können. Dann darfst du mit raus. Wenn deine Mutter es erlaubt, darfst du rauchen. Sei morgens um 6.45 Uhr unten. Nein, besser um 6.44 Uhr. Struktur ist wichtig.
»Was bedeutet Struktur?«, fragt Zhenya.
»Ähm«, überlegt Samira. »Wenn erst das ist und das und dann das.«
Zhenya sieht nicht so aus, als ob sie das versteht.
Vor den Sommerferien war Samira zwei Monate in der Klinik. Aber das sei nicht der richtige Ort gewesen, sagt sie. Sie sei sitzen geblieben, dann habe sie angefangen im Unterricht zu schlafen, zu schwänzen. Sie habe gekifft und Benzos genommen. Sie habe rumgeschrien, Sachen geworfen, ihren Kopf gegen die Wand geschlagen.
Die Mädchen wissen, wie man jemanden tagelang ignoriert, aber nicht, wie man einen Streit klärt. Tut ihnen jemand weh, tun sie jemandem weh. Sehen sie ein Problem, drehen sie sich einfach um.
Die Niefernburg zwingt die Mädchen auszuhalten. Mit der Mitbewohnerin, die sie »Fotze« genannt haben, an einem Tisch zu sitzen. Die unfairen »scheiß Ezis«, die sie abends ins Bett schicken und morgens immer noch da sind. Sich selbst, weil hier nichts mehr ist, womit sie sich betäuben können.
Kein Alkohol, keine Drogen, keine Rasierklingen und keine Duschschläuche.
Draußen haben sie oft erfahren, dass sie zu viel sind. Zu schwierig für die eigenen Eltern, zu anstrengend in der Schule, zu schlechter Einfluss für die Freundin, zu instabil für den Jungen, den sie lieben.
Hier sollen sie auch lernen, dass es Menschen gibt, die sie aushalten. Sie werden nicht weggeschickt, nicht weitergereicht. Egal was sie machen. Das nennt man: Beziehungszwang.
Es gibt Experten, die halten diesen Zwang für falsch. Eltern dürfen ihre Kinder nicht einsperren. Warum sollte das dann die Jugendhilfe? Statt die Mädchen ins System zu zwingen, müsse sich das System ändern, fordern sie.
Guck nicht grimmig und sprich nicht zu laut
»Darf ich rein?«, ruft Fiona. Ohne die Antwort abzuwarten, stürmt sie ins Büro der Erzieher. Ihre langen Haare umrahmen ihr Gesicht wie ein Vorhang, sie hat ein schwarzes, kurzes Oberteil an und eine Kapuzenjacke. Draußen ist es schon dunkel.
»Kalt.«
»Wärmer anziehen«, sagt die Erzieherin.
»Ich sehe lieber gut aus.«
An der Wand blinken die Lichter der Alarmanlage. Hier sehen die Erzieher, wenn eine Tür nicht richtig schließt. Fiona setzt sich an den Holztisch. Vor der Erzieherin liegt eine Mappe mit Zetteln, die Tokenpläne der Mädchen.
»Hast du heute geduscht?« , fragt die Erzieherin sie.
»Muss ich noch.«
»Wie war das heute mit dem Respekt deinen Mitmenschen gegenüber?«
»Gut.«
»Drei Dinge, die dir heute gelungen sind?«
»Hab Said nicht auf Snapchat angenommen. Hab in der Schule mitgemacht. Bin pünktlich aufgestanden.«
Said ist Fionas Freund, aber gerade ist es kompliziert. Die Erzieher finden, er ist zu alt für sie. »In Syrien ist er 22«, sagt Fiona, 15 Jahre alt. »Aber in Deutschland ist er 18!«
Seit 87 Tagen haben sie sich nicht gesehen. Sie weiß das genau, weil sie für jeden Tag, den sie in der Niefernburg ist, einen Strich in ihrem Zimmer macht. Dort hat sie die ganze Wand mit schwarz-weißen Fotos von Said beklebt. Zehn Token musste sie pro Bild einlösen.
Die Token sind ein Konzept aus der Verhaltenstherapie. Für alles, was die Mädchen gut machen, bekommen sie Token. Diese Token können sie eintauschen. Eine Stunde Fernsehen: 40 Token. Allein mit einer Erzieherin Eis essen gehen: 120 Token.
Um Token zu bekommen, müssen sie in ihrem Zimmer das Rollo hochziehen und die Heizung abdrehen. Pünktlich beim Essen sein. Täglich duschen, ordentliche Haare, saubere Kleidung. Sie sollen vollständige Sätze bilden und nicht zu laut reden. Jedes Mädchen hat auch noch individuelle Vorgaben. Damit sich das, was sie hier reingebracht hat, draußen nicht wiederholt.
Schaffen sie wirklich alles, bekommen sie am Tag 50 Token.
Was banal klingt, ist hier oft eine Herausforderung. Ständig stehen die Mädchen vor dem Spiegel, um aus einem Kindergesicht eine erwachsene Frau zu machen, aber sie schaffen es nicht, sich täglich die Zähne zu putzen.
Fiona bekommt Token, wenn sie nicht immer so grimmig guckt, und sagt, dass Situationen sie stressen. Ihre Laune bestimmt oft die Laune der ganzen Gruppe. Geht es ihr gut, soll es allen gut gehen. Ist sie sauer, darf niemand anderes lachen. Sie ist oft sauer.
Sie steht im Büro und hält sich das Telefon ans Ohr. Fünf Telefonate hat jede in der Woche. Fiona ruft ihre Mutter an. Aber die geht nicht ran.
»Dann krieg keine Kinder!«, schreit Fiona ins Leere und knallt das Telefon auf die Ablage.
Vor einigen Jahren kam Fiona einige Wochen in eine Wohngruppe. Der damalige Freund ihrer Mutter habe nicht nur diese geschlagen, sondern auch Fiona. In der Wohngruppe fing das mit dem Schwänzen an. Am Ende fehlte sie ein Jahr und vier Monate in der Schule. Ihre Mutter habe 2430 Euro Bußgeld bezahlen müssen.
Bald, sagt sie, wolle ihre Mutter den richterlichen Beschluss aufheben lassen. In einer Zeitschrift hat sie nachgeguckt, wann die Glückstage ihres Sternzeichens sind: »Genau wenn ich hier ausziehe!«
Charlotte setzt sich mit ihrem Tokenplan zur Erzieherin.
»Drei Emotionen des Tages?« , fragt die Erzieherin.
»Müde. Wie heißt das, wenn einem was Spaß macht? Erfreut. Und kaputt.«
»Drei gute Eigenschaften?«
»Nett. Toll. Fleißig« , sagt Charlotte monoton.
Nach der Sache mit der Prostitution soll sie lernen, zu sagen, was sie fühlt, und an ihrem Selbstwert arbeiten. Dafür soll sie Eigenschaften finden, die sie an sich mag. Am Anfang fallen den Mädchen meist nur Äußerlichkeiten ein. Mein Po, meine Haare, mein Style.
Fast alle haben ein schwieriges Verhältnis zu Männern. Sie haben Väter, die prügeln oder ihre Mutter für eine 25-Jährige verlassen haben. Sie sehen ihre Mütter, wie die mit einem neuen Freund alles vergessen, sogar das eigene Kind. Sie treffen Dealer, die ihnen Drogen schenken, wenn sie Sex mit ihnen haben. Und suchen sich Männer, die ihnen sagen, was sie tun und lassen sollen, weil es ihnen sonst keiner mehr sagt.
Wie bringt man einem Mädchen bei, dass es mehr ist als das, was ein Junge in ihm sieht? Wie verstehen sie, dass »Ich will dich« etwas anderes heißt als »Ich mag dich«?
Die Therapeutin seufzt. »Manchmal gar nicht.« Sie versuche es mit der Frage: Wie fändest du es, wenn deine Freundin zu diesem Mann gehen würde?
Wenn die Mädchen sich schon nicht um sich selbst sorgen, dann vielleicht um andere.
In jeder Gruppe hängt der »Dresscode der Niefernburg«: Shorts müssen 10 Zentimeter über den Po reichen, Kleider bis zur Mitte des Oberschenkels. Bei bauchfreien Sachen darf man nicht mehr als eine Handbreit Haut sehen. Es galt auch mal eine BH-Pflicht, wenn männliche Erzieher Dienst hatten. Aber genau so was soll sich ja hier in ihren Köpfen ändern.
Sie sollen lernen, dass es Männer gibt, denen egal ist, ob sie einen BH tragen oder nicht. Die nicht auf ihre Flirtversuche einsteigen, egal wie oft sie es versuchen.
Die Pädagogen hier wissen, dass das Leben in der Niefernburg in engsten Bahnen verläuft, die wenig mit dem Leben draußen zu tun haben. Wie Säulen sollen die Regeln den Alltag stützen.
Aus gehorsamen Mädchen sollen selbstbewusste Frauen werden?
Die Niefernburg versucht ihnen ein Gerüst zu geben. Vielleicht bleibt von all den Säulen auch nach der Entlassung eine stehen, und die stabilisiert sie für die nächsten Teenagerjahre.
Vier Wochen verschwinden
Es ist Herbst. Vor einer Woche brachte die Polizei Alara zurück. Die mit Emilia im August abgehauen war.
Wer es schafft, vier Wochen zu verschwinden, der schafft es hier raus, das haben sich die Mädchen erzählt. Länger wird ein Platz nicht freigehalten.
Jetzt, wo Alara zurück ist, erzählen sich die Mädchen das nicht mehr.
Zu sechst stehen sie an der Eingangstür und warten, dass die Erzieherin aufschließt. Außer Alara sind zwei Neue eingezogen. Sie setzen sich auf die nassen Gartenstühle. Emilia trägt einen Jumpsuit mit Teddybären. Nach einem Monat wurden ihre Sicherheitsvorkehrungen gelockert. Bisher hat sie nicht versucht wegzulaufen. Sie reichen das Feuerzeug rum.
Kati drückt die halbe Zigarette aus und lässt sich die Eingangstür aufschließen. »Kati, das ist Sünde!«, rufen die anderen ihr hinterher.
Kati setzt sich ins Wohnzimmer. Vor ihr steht eine Plastikkiste mit Puder, Wimperntusche, Schwämmen und Pinseln. In der Ecke haben die Mädchen eine Höhle aus Decken gebaut. Neben Kati liegt ihre blonde Perücke.
Ihre echten Haare sind ihr zu kurz. Sie hat sie sich während einer Panikattacke abgeschnitten. Mit einem Lipliner zieht sie die Konturen ihrer Lippen nach. »Ich würde gerne Visagistin werden«, sagt sie. »Aber der Mann von der Berufsberatung meinte, ich soll mich lieber auf so was wie Supermarkt bewerben.«
Gleich hat sie einen Arzttermin. Ihr Vater holt sie für den Termin ab. Ihr Vater hat ihr auch ein Auto geschenkt. Das bekommt sie, wenn sie hierbleibt, bis sie ihren Schulabschluss hat. Sie ist wie Charlotte schon 16. Draußen, glaubt sie, würde sie es nicht packen, zur Schule zu gehen. »Guck mal, ich habe eine Wimperntusche von Yves Saint Laurent.«
Sie redet viel über das, was sie hat: die hellblaue Lieblingshandtasche, diesen Lipliner von Tiktok und ihren tollen Papa. Vielleicht, weil da sonst nicht so viel ist. Zu hause bei ihrer Mutter sei es schwierig gewesen. Die große Schwester habe so wie sie Probleme mit Drogen. Kati nimmt Medikamente gegen die Psychosen, aber die sollen bald abgesetzt werden.
Vor ein paar Monaten hat Kati ihren Ex-Freund angezeigt. Er habe sie überredet, sich zu prostituieren. »Er meinte, er passt auf mich auf, und ich mag ja auch Sex«, sagt sie. Eine Nacht lang sei sie in einem Hotelzimmer gewesen. Immer neue Männer seien reingekommen. Nicht mal was zu Kiffen habe er ihr vorbeigebracht, wie versprochen. »Nach sieben Typen hat es mir gereicht.«
Sie hat Angst, dass ihr Ex-Freund sauer ist wegen der Anzeige. Er habe sie ja nicht gezwungen. »Ganz gut mit der Geschlossenen«, sagt sie. »Da kommt auch keiner rein.«
Die Schulleiterin fährt mit ihrem gelben Bulli auf den Parkplatz. Im Keller hat die Niefernburg eine eigene Schule. Die Mädchen werden nach Wissensstand in zwei Klassen aufgeteilt, es gibt vier Lehrerinnen und sogar eine Turnhalle.
»Der passt perfekt zu ihrer Aura« , sagt Paula, als sie den Bulli sieht. Sie ist seit zwei Wochen da.
»Ey!« , sagt die Erzieherin.
»Gelbe Aura ist was Nettes!«
Im Klassenzimmer hat jede einen eigenen Tisch. Sie nehmen sich Decken, wenn ihnen kalt ist, und wer sich so besser konzentrieren kann, darf auch auf dem Tisch sitzen.
Luise kommt mit einem Lockenwickler auf dem Kopf in den Unterricht. Für die Curtain Bangs. Sie hat spitze Gelnägel.
Zu Hause ging Luise in eine Klasse für Hochbegabte. Mit ihrem Vater fuhr sie nach Paris. Ihre Mutter nennt sie beim Vornamen oder »diese Frau«. Sie ist bald ein Jahr hier. In den Sommerferien wechselte sie von der geschlossenen in die offene Gruppe. Die liegt in einem anderen Teil der Burg. Dort sind die Türen offen und die Regeln weniger streng. In die Schule geht sie immer noch hier.
Als ihre Eltern sich trennten, habe sie sich um den jüngeren Bruder gekümmert und die Mutter. Sie kam in eine Klinik wegen Depressionen. Ein anderer Patient habe sie dort vergewaltigt. Da war sie 12.
»Ich wollte einfach, dass das Gefühl weggeht«, sagt sie. Alkohol. Lachgas. Sie habe Nacktfotos über Snapchat verkauft, mit Männern geschrieben. Mit einem habe sie sich getroffen. Nach einem Blowjob habe sie abgebrochen. »Fotos sind easy made money«, findet sie. »Aber nur ohne Gesicht.«
Kein Mädchen weint, während es erzählt. »War nicht schön«, kommentieren sie sich selbst schulterzuckend.
Schulpause haben sie im Wohnzimmer. Eine isst ein Brot, eine liest. Fiona und Emilia liegen auf dem Sofa. Sie erzählen sich, was sie sich alles bei Shein gekauft haben. Den Pulli, dieses Oberteil, oh mein Gott, dieses Kleid.
»Shein ist geil« , sagt Emilia.
»Habt ihr euch mal damit befasst? Also ernsthaft?«, fragt der Erzieher. Shein produziert extrem billig, es gibt Berichte von Zwangs- und Kinderarbeit.
»Jaaa.«
»Ach stimmt, du hast gesagt, die Kinder sind mir egal.«
»Die machen es doch freiwillig, ich zwing sie nicht.«
»Die machen das so freiwillig, wie ihr hier seid.«
»Haben sie einen richterlichen Beschluss?« , fragt Fiona.
Im ganzen Klassenzimmer hört man Paulas Geklacker. Sie sitzt ganz hinten und drückt hektisch die Kugelschreibermine rein und raus. »Brauchst du was?«, fragt die Lehrerin.
Mädchen wie Paula nennt man Grenzgängerinnen: Sie pendelt zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie. Wohngruppe, Großeltern, Klinik, Wohngruppe, Klinik, Wohngruppe. Nirgendwo passt sie hin, nirgendwo bleibt sie lange.
Paulas Arme sind zerschnitten. Das mache sie, wenn sie eigentlich jemanden schlagen wolle. Aber sie findet, besser sie verletze sich als jemand anderes.
Die Lehrerin holt eine Kiste. Gummischlangen, die man ziehen kann. Bälle, Therapieknete. Paula greift sich einen silbernen Ball mit Zacken.
»Ich will auch«, ruft Zhenya. Erst hat sie in der Schule nur Deutsch mit Duolingo auf dem Tablet gelernt, jetzt hört sie im Unterricht zu. Sie hat sich die Haare dunkel gefärbt und von Fiona einen Satz gelernt: »Ich bin sauer!« Gerade ist sie sauer, weil sie sich beim Ausflug in den Freizeitpark nicht auf die Achterbahnen getraut hat.
Mittwochs fahren vier Mädchen zum Reiten. Emilia darf zum ersten Mal mit, Charlotte das letzte Mal. Übermorgen zieht sie aus.
In Runden führt jedes Mädchen ihr Pferd über den Reitplatz. Dann steigen sie nacheinander auf. Erst Schritt, dann Trab, dann Galopp. Sie sind ruhiger hier. Keines der Mädchen schreit, keines motzt. Sie könnten wegrennen, aber das hat hier schon Jahre keine versucht. Die Mädchen sollen mit den Pferden lernen, sich Dinge zuzutrauen.
Charlotte sitzt am Rand in einem Gartenstuhl und krault dem Hund die Ohren.
»Freust du dich auf zu Hause?«
»Ich bin aufgeregt. Niefernburg ist eine Welt ohne Probleme.«
Girl’s Girls
Alara findet, die Niefernburg mache ihr erst Probleme. Früher sei sie einfach nur in ihrem Dorf gewesen. Und jetzt habe sie weglaufen müssen, vier Wochen, habe bei fremden Typen geschlafen und sei in Frankfurt gewesen im Bahnhofsviertel. »Vor Niefernburg war ich nie in Frankfurt.«
Wütend sitzt sie auf dem Sofa. Sie hat eine feste Zahnspange. Im Regal stehen Brettspiele und ein Hefter mit Chefkoch.de-Rezepten. »Voll viele sagen, ich hab ein Problem, weil ich viel Sex mit Älteren habe. Aber ich finde, man sollte mich damit in Ruhe lassen«, sagt Alara, 14 Jahre alt.
»Die sagen, ich soll mir was wert sein. Aber ich bin mir was wert. Ich ficke ja nicht für Drogen oder so, sondern weil ich will.«
Zur Pubertät gehört auch, es am besten zu wissen.
Es wirkt, als stünden diese Mädchen im Nebel. Es ist immer Jetzt. Jetzt will ich nicht in die Schule. Jetzt will ich Drogen nehmen. Jetzt will ich mit diesem Typen mitgehen. Jetzt will ich weglaufen.
Nach dem Mittagessen sitzen die Mädchen auf den Gartenstühlen und rauchen. Kati ist gerade von einem Arzttermin zurückgekommen. Ihr Vater und ihre Schwester waren dabei.
»Die war so blöd zu mir!«
»Kati, wir sind jetzt deine Familie.«
»Wir hassen sie alle.«
»Wir sind so supportive.«
»Wir sind die schönste Gruppe.«
»Wir sind aber auch alle Girl’s Girls.«
Ein Girl’s Girl ist ein Mädchen, das für andere Mädchen da ist. Nicht für die Jungs. Das sich verbündet. Kati lacht schon wieder.
»Durchatmen«, ruft die Erzieherin.
»Wir sind beruhigt. Wir sind einfach nur gut gelaunt.«
Sie gehen rein, Hausaufgaben machen. Später sagt Alara: »Ich finde das voll schwierig mit dem guten Benehmen, dieses lieb sein und zu allem Ja und Amen sagen. Du darfst nicht weinen, nicht ausrasten, sonst Aktenvermerk. Du musst gut drauf sein, aber nicht zu gut.«
Charlotte hätte zu ihrem Abschied gern »Die wilden Kerle« geguckt. Aber die anderen waren dagegen. Am Nachmittag hat sie im Supermarkt Popcorn gekauft, Lebkuchen und Chips. Alles, von dem sie weiß, dass es die anderen gern mögen.
Auf dem Couchtisch dreht Maya Zigaretten für morgen. Luise ist rübergekommen. Zhenya sitzt vor dem Spiegel. Hinter ihr kniet Fiona und dreht ihre die langen Haare mit dem Lockenstab auf.
»Diese Paula ist abgängig gegangen«, sagt Fiona.
»Hat sie es wenigstens geschafft?«
Zwei Tage später sitzt Paula auf ihrem Bett. Sie nestelt an einer schweren Decke herum. Die hilft ihr zu schlafen.
Die Polizei hat sie nach einer Stunde am Bahnhof gefunden. Sie habe ihre Mutter suchen wollen. Die habe sie vor zwei Monaten das letzte Mal drauf am Bahnhof gesehen. »Ich wäre dann schon zurückgekommen«, murmelt sie.
Paula will hier nicht sein. Vor allem wegen der Schule. »Hier kann ich kein Abi machen. Abi ist voll wichtig«, sagt sie. Sie wolle Meeresbiologin werden und irgendwann nach Asien ziehen. Sie würde auch gern zurück zu ihrer Oma oder in die eine Wohngruppe.
»Und« , sagt sie »ich will unbedingt, unbedingt, unbedingt einen Freund, der mich liebt. Damit mich endlich jemand liebt.«
»Was ist denn mit deiner Oma?«
Paula verdreht die Augen, als hätte man etwas sehr Dummes gefragt. »Meine Oma hat mich geschlagen. Bis ich so zehn war. Danach hätte ich bestimmt zurückgeschlagen.«
Vier Monate und einen Tag, nachdem ein Polizeiauto sie in die Niefernburg brachte, geht Charlotte. Sie zieht einen Rucksack an, hängt sich den zweiten über den Arm, hievt die Reisetasche hoch und greift mit der anderen Hand einen weißen Teddy, halb so groß wie sie.
Kurz umarmt sie Maya und Fiona. »Tschüss«, ruft sie den anderen zu.
Die Erzieherin steckt ihren Schlüssel in das Schloss, das Licht leuchtet grün und die Tür schwingt auf. Charlotte fragt: »Darf ich raus?«