Die Vergessenen
Das Zimmer am Ende des Flures, das Ärzte und Schwestern meiden, vor dem sie sich gegenseitig warnen, hat keine Nummer und nur ein einziges Krankenbett. Auf ihm liegt eine Frau mit dem Namen Muna Majek. Sie ist dünn und ausgezehrt. Fast reglos hat sie die letzten Stunden über gedöst. Jetzt beginnt sie leise zu wimmern. "Doktor, stopp!", flüstert sie, als der Arzt an sie herantritt und sie vorsichtig am Bein berührt. Sie zieht die Decke eng an sich, krallt sich in ihr fest. Wimmert lauter, schreit, bäumt sich mit dem Oberkörper auf, brüllt, biegt den Kopf in den Nacken, brüllt, so laut sie kann.
Schmerz.
So viele Worte gibt es für ihn, und doch kann ihn Sprache nicht beschreiben. Munas Brüllen füllt den Korridor, kehlig dringt es in die Stockwerke über und unter ihr, in die Gänge und Innenhöfe des Krankenhauses in Khartum, einst Sudans stolze Hauptstadt und jetzt bloß noch Trümmer und Ruinen.
Seit fast zwei Jahren ist Krieg in diesem Land, das nie arm war an Kriegen. Doch wie kein Krieg zuvor hat dieser Krieg den Sudan verwüstet. Zwei Generäle ringen um die Macht. Die Ethnien zweier Landesteile kämpfen um die Dominanz. Die aus dem Westen bekriegen sich mit denen aus dem Osten und Norden. Die Front verläuft quer durch die Straßen der Hauptstadt.
Die UN sprechen von der "größten humanitären Katastrophe, die jemals dokumentiert wurde". Fast die Hälfte der Bevölkerung des Sudan, mehr als 25 Millionen, sei dem Hunger ausgesetzt. Elf Millionen Menschen seien vertrieben. Über 150.000 Sudanesen sollen bisher getötet worden sein, nur grobe Schätzungen kursieren. Die Welt interessiert sich nicht. Zu viele Krisen, die gleichzeitig passieren. Der UN-Sicherheitsrat belässt es bei kraftlosen Appellen. Niemand hilft, es gibt nur wenige internationale Hilfsorganisationen. Kaum jemand berichtet. Für die Fahrt hierher haben wir, Reporter und Fotografin der ZEIT, fünf Tage benötigt. Drei Wochen bleiben wir im Sudan. In dieser Zeit sind wir die einzigen ausländischen Journalisten im Land.
Über Äthiopien reisen wir nach Port Sudan, von dort zwei Tage durch die Wüste. Am Ende der langen Fahrt steigt Rauch vor uns auf, aus dem Staub der Einöde, der Rauch der Hauptstadt, der Rauch brennender Häuser, der Rauch der Gewalt; schwarz hängt er über ihr.
1. Tag
Munas Schreien verklingt wieder zu einem Wimmern. Der Arzt, jung, frisch vom Studium, unerfahren, aber unerschrocken, zieht seine Hand aus ihrer Wunde heraus. Vor einem Monat ist sie knapp unterhalb des linken Knies von einem Granatsplitter getroffen worden. Das brach ihr den Unterschenkel. Die Ärzte legten ihrem Knie einen Gipsverband an, doch die Wunde darunter entzündete sich. Die Wunde wuchs schier unaufhaltsam, als würde Fleisch Fleisch fressen. Der halbe Unterschenkel und ein Teil des Oberschenkels sind bereits aufgezehrt. Die Stränge von Sehnen und Muskelbändern liegen offen. Munas Bein sieht aus wie ein Körpermodell aus dem Anatomieunterricht.
Der Arzt kniet vor ihrem Bett, um ihren Verband zu wechseln, und kratzt totes Gewebe ab, kratzt, bis er unter grünlichem Fleisch wieder auf rotes trifft. Blut rinnt auf die Matratze, Blut tropft auf den Fußboden, der noch braun ist vom getrockneten Blut der letzten Tage. Unter dem Druck seiner Hand löst sich ein Stück Knochen, groß wie ein Daumen, schwarz und tot; klackend fällt es auf die Fliesen.
"Ich kann bald nicht mehr", sagt Regina Daniel Kiir, die während der Prozedur neben Muna steht, ihr jeden Tag beisteht, die zu ihr ins Krankenzimmer gezogen ist, eine energische, rundliche Frau. Sie betreibt auf der Straße einen kleinen Teestand. Seit Wochen kümmert sie sich nun um die Verletzte, die sie erst kurz davor an ihrem Verkaufsstand kennengelernt hatte. Sie hilft ihr, weil sie beide dem Volk der Nuba angehören, vor allem aber: weil sie schlicht Mitleid hat.
"Wird sie ihr Bein verlieren?", fragt sie den Arzt, bevor er aus dem Zimmer tritt. "Wir werden es retten", sagt er.
Das Krankenhaus liegt wie eine Insel der Ordnung in einer verwüsteten Stadt, in der einmal mehr als sechs Millionen Menschen lebten. Häuserkämpfe haben ganze Viertel ausgelöscht. Straßen sind Schneisen aus Schutt. Hochhäuser sind ausgebrannte Betonskelette. Willkür und Anarchie herrschen. Viele Diebe tragen Uniform. Nur noch wenig Hoffnung ist im dritten Kriegsjahr in der Stadt, mit einer Ausnahme: dieses Krankenhaus.
Das Al-Nao war bis vor dem Krieg eines von 54 Krankenhäusern und dafür ausgelegt, die Nachbarschaft zu versorgen. Doch jetzt ist es das einzige in der Stadt, das wenigstens halbwegs funktioniert. Gegründet 1972 von einem reichen Textilhändler. 193 Betten. Ein lang gezogenes Hauptgebäude mit zwei Stockwerken. Eine Halle für die Ambulanz. Ein Lagerhaus. In der Mitte des Innenhofs ein Flachbau mit zwei OP-Sälen. Umgeben von einer Mauer. Drei Zufahrten, die von bewaffneten Polizisten bewacht sind. Gesäumt von Dutzenden Rikschas und Minibussen, deren Fahrer geduldig darauf warten, die Lebenden zu transportieren oder, häufig genug, die Toten.
Der Direktor öffnet in seiner Mittagspause das Fenster seines Büros und sieht über die Menschenmenge hinweg auf den graublauen Himmel. Er schiebt einen Stuhl ans Fenster. Zündet sich eine Zigarette an. Verharrt dann lange vornübergebeugt. Dr. Dschamal al-Tajeb al-Obeid. So hält er es immer. Pause für Pause. Der Fenstersims ist schwarz von Asche.
Der 55-Jährige, der in Russland und Ägypten studiert hat, führt ein Krankenhaus, das über kein Budget verfügt. Die Militärregierung ist klamm und verwendet fast alle Einnahmen für den Krieg. Es gibt im Krankenhaus oft kein fließend Wasser, weil die Pumpe des Brunnens defekt ist. Oft gibt es keinen Diesel für den Notstromgenerator. Das Al-Nao hat eine kleine Anlage zur Produktion von Sauerstoff, gespendet von Saudi-Arabien, aber der Sauerstoff reicht nicht. Manchmal geht der Sauerstoff während Operationen aus. "Heute ist ein ruhiger Tag." Dschamal zieht an seiner Zigarette.
Von drei Seiten ist das Krankenhaus von der Front umgeben. Häufig ist es Ziel von Artilleriebeschuss. Die Geografie der Gewalt in Khartum ist kompliziert: Der Stadtteil Omdurman, in dem das Al-Nao liegt, wird von Kämpfern der regulären sudanesischen Armee unter Generalleutnant Al-Burhan kontrolliert. Zwei Kilometer entfernt, auf der anderen Nilseite, haben die Rapid Support Forces (RSF) den Stadtteil Bahri erobert. Sie beherrschen auch Khartum, das Viertel, das der ganzen Stadt den Namen gibt. Dort befinden sich der Präsidentenpalast und die meisten Ministerien. Die RSF kontrollieren den Westen, Süden und Osten, allein der Norden ist frei, und fast hätte die Miliz auch ihn überrannt.
Die RSF sind das Ergebnis jahrzehntelanger Gewaltherrschaft im Sudan. Sie begannen als Miliz arabischer Nomadenstämme, gefürchtet für ihre Razzien gegen die schwarzafrikanischen Stämme in der Hungerprovinz Darfur. Der vormalige Diktator Omar al-Baschir baute sie zu einer Eingreiftruppe aus, nur ihm verpflichtet. Ihr Anführer, ein ehemaliger Kamelhändler, heute angeblich reichster Mann des Sudan: Mohammed Hamdan Dagalo, genannt Hemeti, der "kleine Mohammed". Der Diktator entlohnte ihn mit Goldminen, schickte RSF-Truppen als Söldner in die Bürgerkriege des Jemen und von Libyen. Hemeti wurde reicher und reicher und stürzte seinen Mentor. Im Pakt mit der Armeeführung um den Generalleutnant Abdel Fattah Abdelrahman Al-Burhan putschte er während der Revolution 2019, ließ den alten Staatschef verhaften, doch auch der Pakt mit Al-Burhan zerriss – in den Morgenstunden des 15. April 2023 griff die RSF in Khartum die Stützpunkte der Armee an, um die Macht ganz an sich zu reißen.
Die Pause von Direktor Dschamal ist vorbei, er zerdrückt die Kippe, wie die vielen davor, auf dem Sims. Ungern redet er über die Krise des Landes. Er ist müde. Viel lieber will er sich über Dichtung unterhalten, die Bücher arabischer Schriftsteller, die er verehrt. Die Poesie. Das Schöne. Aber er muss los, vier Operationen an diesem Tag stehen noch an.
Zimmer 7
Seinab Issa Schuaiib lacht, und ich lache mit. Sie liegt auf dem Rücken, ihr rechter Arm gebrochen, in ihrer Brust ein Granatsplitter, ihre Hände verbrannt. Sie erklärt mir ihre Kochrezepte, der Übersetzer bemüht sich nach Kräften, doch fällt es mir schwer, den vielen Zubereitungsschritten zu folgen. Seinab, 48, lebte bisher vom Backen und Verkauf sudanesischer Süßspeisen. Vor einer Woche traf eine Rakete die Straße vor ihrem Haus.
Wir reden über Fatajer – Teigtaschen, die sie mal mit Spinat füllte, mal mit Fleisch. Jeden Tag stand sie um sechs Uhr auf, um sie zuzubereiten. Ihr Mann hat sich vor sechs Jahren von ihr getrennt, seither lebt sie mit ihrem Sohn Chalid allein. Auch er wurde von der Granate verletzt. Er ist zehn.
1 großer Löffel Salz.
1 kleiner Löffel Zucker.
1 Löffel Hefe.
1 kleine Tasse Milchpulver.
Etwas Öl. Mehl. Dazu Wasser, alles gut mischen, gut kneten, den Teig in zwei Hälften teilen, grüner Pfeffer dazu.
Als der Krieg über die Stadt kam, hat sie sich entschieden, auf die Süßigkeit Balah Scham umzustellen. Das ist eine sehr süße, sehr klebrige Mehlspeise. Das sei jetzt profitabler, sagt sie in ihrem Krankenbett. Die Schokoriegel aus den Fabriken, die Kinder früher gerne naschten, seien nicht mehr im Handel. Der Krieg habe die Fabriken zerstört.
500 ml Wasser.
100 ml Milchpulver.
Etwas Öl.
4 Eier. Wasser mit der Milch und dem Öl aufkochen. Mit Mehl vermischen. Weiter erhitzen. Rühren. Die Eier untermengen. Mit einem Löffel in eine Pfanne geben und mit Öl anbraten.
Die Zeit im Krankenhaus nutze sie, um sich neue Rezepte auszudenken. Wenn sie wieder zu Hause sei, möchte sie die ausprobieren. Die Ärzte wollen ihr den Splitter noch nicht herausoperieren, sagt sie. Sie versteht nicht ganz, warum. Nächste Woche sei der Termin angesetzt.
"Wo ist dein Sohn?", frage ich. "Ja, wo ist mein Sohn?", fragt Seinab ihre Tante, die an der Bettkante sitzt. Bis jetzt hatte die Familie ihr die Wahrheit vorenthalten. Sie wollten sie schonen. "Er hat es nicht überlebt", sagt die Tante, die sich im Krankenhaus um sie kümmert. Es rutscht ihr so heraus. "Das habe ich nicht gewusst", flüstert Seinab. Ihr Blick wird leer, sie starrt an die Zimmerdecke.
2. Tag
Die Artilleriegefechte in Khartum beginnen am frühen Morgen zwischen fünf und sechs. Wir, Reporter, Fotografin und Übersetzer, haben uns in einem verlassenen Haus in der Nähe des Krankenhauses einquartiert. Die Wände zittern unter den Erschütterungen. Armee und RSF beschießen sich wechselseitig über den Nil.
Zimmer 0
Ein Schwarm Fliegen ist über Muna in dem Zimmer ohne Nummer. Die Frau, die ihr Bein zu verlieren droht, bekommt an diesem Morgen erneut einen Verbandswechsel. "Sie braucht neue Mullrollen", sagt der Arzt zu Regina. "Ich habe kein Geld", klagt die. Sie habe noch nicht einmal Geld, um für sich und ihre Freundin Essen zu kaufen. Manchmal geben ihr die Schwestern etwas. Unter dem Bett hortet Regina Kanister mit Wasser, weil es im Krankenhaus häufig keines mehr gibt. Auf dem Boden steht ein Stövchen mit glimmendem Weihrauch. Das soll den Gestank des toten Fleisches überdecken und sei gut gegen die vielen Fliegen.
"Wir geben dem Bein noch eine Woche", sagt der Arzt.
Im Korridor vor Munas Zimmer stoppen uns zwei Geheimdienstmänner. Drei Geheimdienste gibt es im Al-Nao. Sie überwachen uns und sich selbst gegenseitig. Ein Erbe des Überwachungsstaates des letzten Diktators. "Was wollt ihr hier?", fragen sie. Wir zeigen unsere Genehmigung, die von drei Ministerien abgezeichnet wurde. In Khartum haben wir die Erlaubnis des Sprechers des Militärs eingeholt. Wir werden begleitet von einem seiner Vertreter. Doch das Misstrauen der Gemeindienste ist noch nicht gebannt.
Im Hof steht an diesem Morgen ein Pick-up mit einer Leiche auf der Ladefläche. Der Körper ist in ein Laken eingeschlagen, fast wirkt er wie eine Larve. "Das ist Seinab", sagt ein Mann, der uns anspricht und sich als ihr Bruder vorstellt. Seinab, die Köchin, mit der wir am Vorabend noch gelacht haben. Auf dem Weg von der Toilette in ihr Zimmer sei sie in der Nacht kollabiert und gestorben. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes habe sie aufgeben lassen. Die Ärzte sind ratlos.
Haben wir Mitschuld an ihrem Tod? Hätte ich diese eine Frage nach ihrem Sohn unterlassen sollen? Die Verwandten beruhigen uns. Wir beruhigen uns, aber es bleibt die Fassungslosigkeit über ihren Tod. Es ist das erste Mal, dass wir im Al-Nao mit dem Sterben in Berührung kommen – es werden noch viele Tode folgen.
Der Pick-up fährt durch das Tor, die Familie lädt uns ein, sie zur Trauerfeier zu begleiten. Wir biegen ein auf die Straßen Omdurmans, die gesäumt sind von zerschossenen Gebäuden und den Wracks ausgeglühter Fahrzeuge. Eine Stadt, wüst und leer, ein Ödland aus Schutt und Stein. In diesem Staub leuchtet ein einziger Strahl aus Neonlicht. Die Al-Wadi-Straße, in der zögerlich das Leben zurückgekehrt ist, mit offenen Restaurants und Geschäften. Ein kurzes Blitzlicht an Normalität, danach wieder Ödland aus Ruinen und Staub.
Eine große Menschenmenge hat sich vor dem Haus von Seinabs Bruder versammelt. Die wenigen, die hier noch wohnen, laufen zusammen, um Seinab zu ehren. Die Frauen waschen die Tote im Haus, verschließen alle Körperöffnungen mit weißem Stoff, sodass auf dem Weg zum Friedhof keine Flüssigkeit und keine Faser ihres Leibes verloren geht – das würde Seinabs Chancen auf die Einkehr ins Paradies mindern. Die Frauen klemmen Dufthölzer zwischen ihre Finger und Zehen. Dann wird der Leichnam, in Tücher gewickelt, hinausgetragen, wo die Gemeinschaft der Männer die Tote übernimmt.
In der Nähe beginnen Maschinengewehre zu feuern. Der Nil, nur wenige Hundert Meter entfernt, ein erschreckend schmales Rinnsal an dieser Stelle, markiert die Front. Die Männer scheint das nicht zu berühren. Niemand duckt sich, sucht Schutz, niemand wirkt nervös. Alltag in Khartum. Das Haus von Seinab ist gleich nebenan. Ein winziger Bau aus Zementblöcken, ein Raum mit zwei Betten, eine Vorratskammer, in der noch die Zutaten und Gewürze stehen.
"Der Junge hatte keine Chance", sagt ein Nachbar über Seinabs Sohn, der bei dem Raketenangriff starb. "Seine Gedärme hingen heraus." Auf dem Parkplatz einer Polizeistation findet Seinab ihre letzte Ruhe. Der Friedhof liegt zu nahe an der Front. Dutzende Arme lassen den Leichnam sachte in die Tiefe hinab. Sie verschließen die Grube mit Betonplatten, um Hunde daran zu hindern, die Tote zu fressen. Darauf häufen sie Sand und Steine.
Aus den Reihen der Männer, die sich zum Gebet aufgestellt haben, tritt ein kleiner Junge hervor, Tränen in den Augen. In den Händen hält er eine leere Bonbondose, die er auf Seinabs Nachbargrab legt. Es ist das Grab ihres Sohnes. "Ich war sein Freund", sagt der Junge.
Zimmer 20
Er war hübsch und leuchtend, ein Frauenschwarm mit wilden Locken. Die ganze Nachbarschaft habe ihn geliebt. "Ich muss noch irgendwo ein Foto haben", sagt seine Mutter, die am Kopfende des Bettes sitzt. Sie sucht in ihrem Telefon, findet darin aber nichts. Ein Röcheln dringt zu ihr hinauf. "Was ist denn, mein Sohn", flüstert sie und beugt sich zu ihm hinunter.
Hände und Füße mit Mullbinden ans Bettgestänge gebunden, liegt er da, ihr Sohn, Mohammed Arief, 16 Jahre alt, der Schädel ganz kahl. In seinem Gesicht klafft ein großes Loch. Der Mundraum ist ein Trichter. Die linke Wange fehlt, Teile des Oberkiefers. Unter dem rechten Auge hängt ein schlecht transplantiertes Stück Haut wie ein Lappen.
Ziellos wandern seine Augen. Der 16-Jährige ist so gut wie blind. "Ich will laufen, Mama!" Seine Stimme ist durch die Verletzungen zu einem halben Röcheln verzerrt. Vor anderthalb Monaten war er frühmorgens zur Arbeit aufgebrochen, um mit einem Minibus zum Markt zu fahren. Dort verkaufte er Kleider. Die Splitter des Geschosses trafen ihn im Gesicht und schlugen ihm drei Zehen des linken Fußes ab. "Gott liebt deinen Sohn", habe der operierende Arzt zu ihr gesagt, erzählt seine Mutter. Als Mohammed, den alle Hamoody nennen, ins Krankenhaus kam, hatten nur wenige geglaubt, dass er überlebt.
Er windet sich wütend im Bett, versucht sich von den Fesseln loszureißen. Vier Operationen hat er bereits über sich ergehen lassen. Weil das Schrapnell den Gaumen zerstört hat, fehlt ihm der Schluckmuskel. Er wird über eine Magensonde ernährt, ein Schlauch, den die Ärzte durch seine Bauchdecke geschnitten haben. "Schsch", sagt sein Onkel, der Tag und Nacht bei ihm verbringt. "Ich gebe dir etwas zu essen." Er spritzt zunächst zehn Milliliter Wasser in den Schlauch, um ihn zu reinigen, dann eine große Spritze mit einem Brei aus Speisestärke, dann wieder etwas Wasser, damit der Schlauch nicht verklebt. Alle vier Stunden muss er das tun, auch nachts. "Schsch", flüstert er beruhigend. "Schsch."
3. Tag
Das Krankenhaus befand sich lange im Niemandsland. Mal beherrschten die RSF das Viertel, mal die Armeeeinheiten, die loyal zu Generalleutnant Al-Burhan stehen. Zu Kriegsbeginn schien ein Sieg der RSF nur eine Frage der Zeit. Die Armee verlor Stadt um Stadt, hätte fast auch die ganze Hauptstadt verloren. Sie war zwar zahlenmäßig mit angeblich 200.000 Soldaten im Vorteil – doppelt so stark wie die RSF. Doch die RSF waren kampferprobter. Die Armee verfügte über mehr Panzer und Geschütze, doch es mangelte ihr an einsatzfähigen Kämpfern. In ihrer Not taten die Generäle, was im Sudan oft getan wurde, mit stets katastrophalen Folgen: Sie öffneten ihre Waffenarsenale und bewaffneten die Stämme. So verstärkt, rücken die Truppen Al-Burhans seit Frühjahr 2024 wieder vor.
Nun aber droht der Krieg der beiden Generäle in viele kleinere Kriege zu zerfallen. Miliz bekämpft Miliz. Nie war dieser ohnehin schon komplexe Konflikt so unüberschaubar.
Noch ist kein Ende dieses Mordens abzusehen. Der Sudan ist reich an Gold. Gold finanziert das Militär, Gold finanziert auch die Kämpfer der RSF. Jede Partei hat ihre Minen. Gold ist weltweit gefragt, die Preise erreichen Spitzenwerte. Gold ist der Fluch des Sudan.
Notaufnahme
Eine lange Blutspur führt an diesem Morgen in die Halle der Notaufnahme. Zwei Männer liegen mit nacktem Oberkörper auf dem Boden. Ärzte und Schwestern in weißen Kitteln beugen sich über sie, stechen Kanülen in Adern, verbinden, versuchen, den Blutfluss zu stoppen. Schussverletzungen.
Der Zyklus von Stahl und Fleisch: Beginnt der Beschuss in der Stadt, bleibt es in der Notaufnahme zunächst ruhig. Zeitverzögert, nach einer halben Stunde meist, füllt sie sich mit Verletzten. Stoßweise kommen sie an, in Privatautos, auf Lastwagen, auf von Eseln gezogenen Lastkarren, in Gruppen, deren Größe bestimmt ist durch die Streuradien der Geschosse. Blut überall, Blut schwappt über die Fliesen, ist an den Wänden, manchmal auch an der Decke. Dann leert sich der Raum wieder, wird das Blut von Putzmännern mit schorfbraunen Scheuerlappen aufgewischt, bis erneut der Beschuss beginnt, erneut ein Blutsturz über die Notaufnahme hereinbricht.
Dr. Mohammed Mussa, Chirurg, 30 Jahre jung, ist heute der diensthabende Arzt, von allen wird er Dr. China genannt, weil er einige Jahre dort studiert hat. Die meisten Ärzte, die früher im Al-Nao gearbeitet haben, die erfahrenen, die Fachmediziner, die sich eine Flucht ins Ausland leisten konnten, sind in den ersten Kriegstagen verschwunden – nur Dr. China blieb, als damals einziger Chirurg. Er ist freundlich und zugewandt, zugleich hochkonzentriert, kann wie auf Knopfdruck die Welt um sich herum ausblenden.
Er hetzt, ist ständig in Bewegung, schwitzt wie ein Ringkämpfer, die Stirn voll Schweißperlen, läuft von einem Verwundeten zum nächsten. Schulterdurchschuss. Schrapnell im Oberschenkel. Ein Mann, dem in den Kopf geschossen wurde. Die Kugel steckt im Schädel fest. Er sitzt auf seinem Bett und schaut verloren in den Raum. Ratlos schaut auch Dr. China. Sie bräuchten einen Neurologen, um die Kugel zu entfernen, aber den haben sie nicht.
Es ist oft unklar, wer auf wen geschossen hat. Die Ärzte wissen, dass es besser ist, nicht zu viele Fragen zu stellen. Immer wieder entzündet sich in der Notaufnahme Streit, beklagt Dr. China. Soldaten unter Schock gehen Ärzte an. Sie bedrohen sie mit ihren Waffen. Fast hätte einer neulich eine Handgranate gezündet. Verletzte RSF-Kämpfer liegen neben verletzten Soldaten, die noch kurz zuvor aufeinander geschossen haben. Mitglieder krimineller Clans liegen nach Schießereien neben Mitgliedern konkurrierender Gruppen, Diebe finden sich neben Bestohlenen wieder. Die, die rauben wollten, liegen blutend neben denen, die sie überfallen haben und die sich wehrten, sie alle im Schmerz vereint, dem großen Gleichmacher aller Menschen.
Im Hof
Eine Gruppe von Frauen lagert seit Tagen unter den Balkonen eines Nebengebäudes, wo sie etwas vor der Sonne geschützt sind. Sie haben Bastmatten ausgerollt und weigern sich zu gehen. "Der Direktor sagt, wir sollen verschwinden", klagt eine. Beide, der Direktor und die Frauen, haben ihre Gründe. Dschamal, der Direktor, hat berechtigte Sorge, dass das Krankenhausgelände von Verzweifelten überrannt wird. Die Frauen indes wissen nicht, wohin sie sollen. Die eine, Farida, wurde vor zehn Monaten von einer Drohne am Bein verletzt. Das Schienbein ist gebrochen, wurde mehrmals fehlerhaft operiert und wächst nicht zusammen. Sie bräuchte, sagt sie, eine orthopädische Schiene, um wieder laufen zu können. Sie wird begleitet von ihrer Mutter und zwei Schwestern.
Neben ihnen haben drei jüngere Frauen ihre Matte ausgebreitet. Sie warten darauf, dass ihre Schwester aus der Entbindungsklinik entlassen wird. Sie hat ihr Kind zur Welt gebracht, leidet jetzt aber unter unerklärlichen Nachblutungen.
Auf einer dritten Matte kampieren Mutter und Tochter; in ihrer Mitte ein einjähriges Mädchen. Die Kleine leidet unter einer Knochenkrankheit. Das rechte Bein ist gebrochen. Es wurde operiert, aber die Wunde hat sich infiziert. Arme und Beine sind geschwollen. Es ist bedeckt von einem Schwarm stechender Moskitos, Ameisen krabbeln über das Kind.
Fast die Hälfte der Sudanesen haben ihre Heimat verloren, sind vertrieben worden, nicht wenige von ihnen mehrmals. Ihr Leben ist eine Abfolge von Vertreibungen. Die Frauen im Hof des Krankenhauses stammen aus Darfur im Westen und den Nuba-Bergen im fernen Süden, Provinzen an den Rändern Sudans. Die Herrscher Khartums überzogen die Provinzen seit den Siebzigerjahren mit Gewalt, um sie zu arabisieren. Jetzt werfen die Provinzen die Gewalt auf Khartum zurück.
"Wohin sollen wir?", fragt die Frau noch einmal, deren Knochen nicht heilen wollen. Sie fliehen vor dem Krieg, er treibt sie vor sich her. Der Krieg zwang sie in ein Flüchtlingslager, das aber von den RSF erobert wurde. Wieder flohen sie. Sie bauten sich Unterstände aus Buschwerk und Kartonagen, in denen sie mit ihren Kindern auf offenem Feld lebten, bevor sie abermals fliehen mussten, hierher. Würde der Direktor sie zwingen, dorthin zurückzugehen, müssten sie ein Flusstal passieren, das von einer Bande kontrolliert wird. "Die rauben dich aus", sagt die Frau. "Die verschleppen dich. Die vergewaltigen dich. Wir wollen nicht zurück."
4. Tag
Am nächsten Morgen sind Telefon und Internet tot – Omdurman ist so gut wie von der Außenwelt abgeschnitten. Die Menschen rätseln über die Gründe. "Wartungsarbeiten an den Antennen", das ist die offizielle Auskunft des Militärs. "Die wollen schlechte Nachrichten unterdrücken", mutmaßt einer der Krankenpfleger. In der Nacht hätten die RSF einen nahen Militärflughafen mit einem Schwarm Drohnen angegriffen. Es seien Hangars und Flugzeuge zerstört worden. Mit dem Internet kollabiert auch das Wirtschaftsleben. Fast alle Bezahlvorgänge, ob von Straßenhändlern oder Taxifahrern, werden im Sudan über das Smartphone abgewickelt. Da die wenigsten Menschen hier Ersparnisse über einen Tag hinaus haben, macht sich große Unruhe in der Stadt breit.
Zimmer 20
"Mama, komm", ruft Hamoody, der Junge ohne Gesicht. Er schlägt mit der Hand auf den Bettrahmen. "Was ist, mein Sohn?", sagt seine Mutter. "Willst du, dass ich deine Hand halte?" Sie, die auch heute Nacht kaum geschlafen hat, lächelt, legt ihm eine Hand auf die Brust. Sie massiert ihm den Kopf und wispert Suren, die das Heilen unterstützen sollen. In der Nacht hat sich Hamoody den Magenschlauch herausgezogen, sein Onkel hat ihn wieder notdürftig befestigt. Sie warten auf einen Arzt, der ihn wieder auf die Bauchdecke nähen wird.
"Lobet Allah, den Herren der Welten,
den Allerbarmer, den Barmherzigen,
den Herrscher am Tag des Gerichts,
dir allein dienen wir, zu dir allein flehen wir um Hilfe."
"Ich höre nichts!", jammert Hamoody. "Komm näher!" Er beginnt zu weinen. "Ich kann nichts hören. Ich kann überhaupt nichts hören!" Er schluchzt. Die Mutter legt ihre Lippen dicht an sein Ohr, wispert weiter die Suren, massiert ihn, und irgendwann wird er ruhiger, ganz still, bis nur noch die sanfte, melodische Stimme der Mutter zu hören ist und das Stimmengewirr draußen auf dem Korridor.
Im Nachbarzimmer sitzen zwei junge Schwestern am Bett ihres Bruders, der seit einem Monat im Wachkoma liegt. Ein Soldat habe ihn im Streit mit dem Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen. Andere munkeln, er wurde gefoltert. Sowohl dem Militär als auch den RSF werden schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Die Schwestern, die eine verhüllt vom Nikab, die andere unverhüllt, sitzen auf zwei Stühlen, morgens, mittags, abends, und sehen auf ihren Bruder. Sie sehen ihn an und sie sehen ihn an.
OP-Saal
Noch eine Zigarette, tief atmet der Direktor ein, sagt, er wisse natürlich, es ist nicht gesund, zerdrückt die Kippe auf dem Fenstersims und kehrt zurück in seinen Operationssaal. "Komm mit", sagt er zu mir. Auf dem Tisch liegt ein 75-Jähriger. Er ist zu Hause auf dem Weg zum Klo ausgerutscht und hat sich die Hüfte gebrochen. Dschamal will ein künstliches Gelenk einsetzen. Der Mann liegt auf der Seite, sediert, den Kopf hinter einem blauen Vorhang verborgen.
Als wolle er sich stolz wie ein Adler in die Lüfte erheben, breitet der Direktor die Arme aus; von hinten legt ihm ein Techniker den OP-Umhang über. Dschamal öffnet mit dem Skalpell die Hüfte, ein 30 Zentimeter langer Schnitt. Ein Assistenzarzt verödet die durchtrennten Adern, um Einblutungen zu verhindern. Das Skalpell Dschamals durchtrennt erst gelbes Gewebe, dann oranges, dann rotes, schließlich glänzt es weiß unter seiner Klinge, der Hüftknochen.
"Der ist in Ordnung", sagt der Direktor verstört in die Runde. "Haben wir die richtige Hüfte geöffnet?"
So wird der alte Mann, obzwar er nicht angeschossen wurde, ebenfalls zum Opfer dieses Krieges. "Was zeigt das Röntgenbild?", fragt Dschamal. Da das Krankenhaus so gut wie kein Budget hat, kann es sich keine Röntgenfilme leisten, deswegen fotografieren die Ärzte den Röntgenmonitor mit dem Handy ab. Ihre Diagnosen stellen sie auf Grundlage der Handyaufnahmen. Doch in diesem Fall haben sie vergessen zu vermerken, welche Körperhälfte betroffen ist. Der Direktor tritt hinter den Vorhang zum Kopf des Alten und rüttelt ihn aus der Narkose. "Onkel! Onkel! Ist das linke oder das rechte Bein kaputt?" – "Das rechte", murmelt der dann irgendwann.
Die Ausstattung des Al-Nao ist erbärmlich. Jeder Tierarzt in Deutschland verfügt über bessere Geräte. Der einzige Computertomograf ist kaputt. Der Raum, in dem das Gerät steht, dient dem Geheimdienst mittlerweile als Arrestzelle. Der nächste Magnetresonanztomograf ist 90 Kilometer entfernt. Es gebe im ganzen Sudan, so sagt Dschamal, überhaupt nur drei davon. Dschamal näht die Hüfte wieder zu, dreht den Mann auf die andere Seite. Schneidet wieder, stanzt die kaputte Hüftkugel heraus, ersetzt sie durch ein billiges chinesisches Metallprodukt. "Das ist das, was sich die Leute hier leisten können." Kurz bevor er die Wunde schließen will, taucht eine Fliege im OP-Saal auf. Hektisch versuchen sie die Techniker zu fangen, bis sie der Direktor auf dem Operationstuch, das den Patienten bedeckt, erschlägt.
In der Nacht hören wir in unserer Unterkunft immer wieder einzelne Schüsse. "Diebe", sagt unser Übersetzer. Sie führen nach Einbruch der Dunkelheit ihren eigenen Krieg.
5. Tag
In einer Seitenstraße des Krankenhausareals schlagen am frühen Morgen Granaten ein. Es wird zum Glück niemand verletzt. Die Apotheke, die am Krankenhaus von Aktivisten betrieben wird, vor der sich sonst Dutzende Menschen drängeln, bleibt an diesem Morgen geschlossen.
"Das Risiko ist zu groß", sagt Momen Ahmed Abbas Mohammed, schief sitzende, weil kaputte Brille, 30 Jahre alt. Er sitzt hinter dem Ausgabegitter, durch das er sonst kostenlose Medikamente verteilt. 2019 war er einer der Wortführer der Revolution. Eine Nation schien damals im Aufbruch. Vor den Hauptquartieren des Militärs errichtete Momen mit seinen Anhängern eine bunte Zeltstadt, die sich über Kilometer erstreckte. Sie feierten die neue Freiheit. Künstler, die lange im Untergrund gelebt hatten, traten unter dem Applaus der Massen auf. Sie musizierten, diskutierten öffentlich die Gräueltaten des Regimes, erreichten, dass eine Zivilregierung eingesetzt wurde – bis das Zeltlager nach wenigen Monaten in Flammen und Maschinengewehrfeuer aufging. Hunderte starben.
Armee und RSF, heute erbitterte Feinde, schossen damals vereint auf die Demonstranten. Vereint stürzten sie 2021 die Reste der Zivilregierung. Momen, im Berufsleben Kleinunternehmer mit einer Ledermanufaktur, wurde von einer Kugel am Arm verletzt. Viele Aktivisten flohen ins Ausland, doch Momen blieb. Das Personal des Al-Nao floh zu Kriegsbeginn, doch Momen und seine Gruppe beschlossen, das Haus in Eigenregie weiter zu betreiben. Über Monate waren sie es, Freiwillige unterschiedlichster Professionen, die Wunden nähten, obwohl sie es nie gelernt hatten, den Röntgenapparat bedienten, die Akten verwalteten und Medikamente ausgaben.
Mit dem Vorrücken der Armee kam die Bürokratie des alten Systems zurück, und seine Geheimdienste. "Sie sehen in uns Freiwilligen eine Bedrohung", sagt Momen. Das Gesundheitsministerium habe mehrmals versucht, sie loszuwerden. Sie seien vom Geheimdienst festgenommen und geschlagen worden. Doch erstaunlicherweise schütze sie jetzt das Militär, sagt Momen. Die Kommandeure hätten begriffen, dass ohne die Freiwilligen viele Soldaten an ihren Verletzungen gestorben wären. Es herrsche jetzt eine Art Waffenstillstand zwischen ihnen.
In Massen stellen sich Patienten und ihre Angehörigen jeden Tag vor ihrer kleinen improvisierten Apotheke an. 70 Prozent der Kranken, das sagen Ärzte, können sich die Medikamente nicht leisten. Momens Freiwillige kümmern sich um den Gips für Gipsverbände, kaufen Arzneien bei kommerziellen Apotheken in der Stadt, oft auf Pump. Bei allen Apotheken, sagt Momen, haben sie Schulden. Sie betreuen Kranke, die ohne Angehörige eingeliefert wurden, helfen in der Notaufnahme, wenn dort das Personal überfordert ist. Einer von ihnen, erst 20 Jahre alt, kam vor wenigen Wochen ums Leben, als ein Querschläger das Dach ihres Apotheken-Verschlags durchschlug – dennoch erwähnt Direktor Dschamal die Hilfe der Freiwilligen so gut wie nie.
Zimmer 20
"Kannst du meine Hand fühlen?", fragt die Frau, eine Besucherin, und beugt sich zu Hamoody hinunter. Sie ist eine seiner engsten Freundinnen, die Besitzerin eines kleinen Kaffeestands. "Ich bin’s, Hadil", sagt sie. "Erkennst du mich?" – "Hadil", wiederholt er schwach. Ihr stehen die Tränen in den Augen. "Du musst weiter stark sein. Stärke deinen Glauben." Fest hält er ihre Hand.
Als sie wieder draußen im Flur ist, bricht sie in Tränen aus. Hamoodys Mutter fängt sie auf. Zum ersten Mal hat die Freundin sein zerstörtes Gesicht gesehen. Lange halten sich beide Frauen in den Armen.
Im Nachbarzimmer sitzen beide Schwestern am Bett ihres Bruders, der im Wachkoma liegt. Sie sitzen noch exakt genauso da, genauso gebeugt wie bei meinem letzten Besuch vor Tagen. Sie starren auf seine nackte Brust. Regelmäßig hebt und senkt sie sich. Die Schwestern drehen sich zu mir um und lächeln.
6. Tag
Dringt eine Gewehrkugel in den menschlichen Körper ein, hat der Arzt mehrere Möglichkeiten. Das sagt am nächsten Morgen Dr. China alias Dr. Mohammed Mussa. Er steht im großen Operationssaal vor seinem Team aus Anästhesisten, OP-Schwestern und Radiologen. In ihrer Mitte liegt ein 15-jähriger Junge, der vor zwei Wochen einen Schulterschuss erlitten hat. "Oft ist es besser, die Kugel im Körper zu belassen", sagt Dr. China. "Das Gewebe bildet eine Kapsel um den Fremdkörper, es ist kein Schaden." Nur in Fällen, bei denen die Kugel den Patienten einschränke oder gefährde, müsse sie entfernt werden. Die Triage der Kriegs-Chirurgen.
Der Junge, der auf dem OP-Tisch liegt, ist zierlich und zart. Bliebe die Kugel in seiner Schulter, sagt Dr. China, würde sich die Schulter selbst zerstören, indem die Kugel ständig gegen Muskeln und Knochen riebe. Dr. China schneidet, zunächst nur wenige Zentimeter, er spannt das offene Fleisch mit Metallklammern auf.
Dr. China schneidet sich der Kugel entgegen, immer wieder schaut er auf das Röntgenbild auf seinem Handy, er greift mit einer Schere nach der Kugel, doch dort, wo sie sein sollte, ist sie nicht. Er lässt noch einmal röntgen, die Kugel hat sich unter dem Druck seiner Hand im Gewebe bewegt, er schneidet, wieder entwischt sie ihm, wieder Röntgen. So vergehen die nächsten zweieinhalb Stunden. Aus einem kleinen Schnitt wird ein breiterer Riss, wird ein blutgefüllter Krater, so groß, dass er fast die ganze Schulter verschlingt.
Die Kugel droht in den Brustraum des Jungen einzubrechen, da interveniert ein älterer Chirurg, ein Spezialist, der erst vor Kurzem in den Sudan zurückgekehrt ist. Er nimmt Dr. China das Besteck aus der Hand, tastet mit der Chirurgie-Schere nach der Kugel, schließt die Augen, fühlt, tastet, wartet, schweißnass bald, tastet, tastet, reißt dann die Augen auf, und triumphierend hält er die Kugel in die Höhe. Die Kugel einer Kalaschnikow. Ein winziges Stück messingfarbenes Metall.
"Hätten wir einen Computertomografen", sagt er, "hätte die OP nur eine Viertelstunde gedauert."
Zimmer 7
Auf dem Bett, das vor Kurzem noch das Bett von Seinab war, der verstorbenen Zuckerbäckerin, weint ein zweijähriger Junge. Schlauch in der Nase, Schlauch im Unterleib. Splitter einer Granate haben den Darm an sechs Stellen durchschlagen, er wurde operiert von Dr. China, schon vor Wochen. Doch dann sei eine blutige Flüssigkeit aus dem Po geflossen, erzählen Vater und Mutter. Beide schlafen auf Matten auf dem Flur vor dem Zimmer, sind bleich und erschöpft. Noch einmal hat Dr. China das Kind operiert; er hatte ein Loch im Darm übersehen, das siebte. Jetzt hoffen sie.
Zimmer 0
Das Bein ist besser geworden, sagt Regina und drückt auf den geschwollenen Oberschenkel ihrer Freundin Muna. Oberhalb des offenen Knies ist er so dick wie ein Lkw-Reifen. "Es ist dünner geworden", sagt sie dennoch. Aus dem Zimmer nebenan dringt das Schluchzen von zwei Frauen. "Gestorben", sagt Regina trocken. Die Nachbarin. Bis spät in der Nacht hatte sie sich noch mit ihr unterhalten. Ihr die Hand massiert. Hatte große Atemprobleme und seit Tagen schwer gehustet. Tuberkulose, sagen die Ärzte. Die Wahrheit ist nämlich die: Muna und Regina sind vom Direktor in die Tuberkulosestation abgeschoben worden. Ärzte und Patienten konnten im Haupttrakt den Gestank ihrer Wunde nicht länger ertragen.
Regina wacht über ihre Freundin mit Habichtsaugen. Sie klagt über die Unerfahrenheit der Ärzte, die Ignoranz, wehrt junge Schwestern ab, die Muna Zugänge legen wollen, aber keine Adern finden, immer wieder ihre Spritzen in Muna versenken, diesen Menschen aus fast nur noch Haut und Sehnen. "Du musst etwas essen", sagt Regina zu Muna, die ganz unter ihrer Decke verborgen ist. "Wenigstens ein bisschen Brei. Sonst werde ich gehen. Ich werde gehen. Iss."
"Schwester", sagt Muna, "gib mir noch eine Decke. Ich friere." Regina streichelt ihr zärtlich über den Kopf.
Der Krieg hat die Seuchen entfesselt. Die Tuberkulose grassiert, auch die Cholera. Ungern reden die Generäle darüber. Sie wollen Panik vermeiden. Ein Besuch der Cholera-Abteilung, mehrere Zelte im Hof, untersagt uns das Gesundheitsministerium – zu unserer eigenen Sicherheit, heißt es. Dazu kommt das Denguefieber, das von einer Mückenart übertragen wird. Die gab es früher nur im Süden, sie verbreitet sich nun entlang des gesamten Nilverlaufs. Der Müll zieht sie an, und Müll liegt fast überall in Khartum, Müll liegt auf jedem freien Feld; manchmal wird er in Brand gesteckt, weiße Rauchschwaden stehen über dem Auswurf der Stadt.
7. Tag
Zimmer 20
Im Al-Nao ist nicht viel Raum für Barmherzigkeit. Es kann kaum anders sein. In den nächsten Monaten droht dem Sudan eine der größten Hungersnöte der jüngeren Menschheitsgeschichte. Das sagen die UN. Manche Patienten, die das Krankenhaus verlassen wollen, müssen bleiben, weil sie die Behandlungskosten nicht bezahlen können – wie etwa eine Gruppe von Müttern, die gerade mit Kaiserschnitt entbunden haben. Wer an den Toren den Wachen nicht die beglichenen Rechnungen zeigen kann, darf nicht passieren. Andere, die eigentlich dringend bleiben sollten, müssen gehen, damit ihre Betten für noch schlimmere Fälle frei werden – wie zum Beispiel das von Hamoody.
Sie haben dem Jungen die Feiertagssachen angezogen. Ein fein gebügeltes, Hemd, seine beste Hose. "Wir sind jetzt in Gottes Hand." Sein Onkel weint. Sie müssten heute das Krankenhaus verlassen, habe ihnen die Ärzte mitgeteilt. Ein Cousin, der in Omdurman wohnt, hat sich angeboten, den Jungen aufzunehmen. Der Onkel, der Hamoody in den vergangenen Wochen praktisch in Vollzeit gepflegt hatte, packt die nötigsten Medikamente. Die Liste ist lang:
Zwei Fläschchen Salzlösung. Eine Flasche Povidon-Jod zum Desinfizieren. Eine halbe Packung Paracetamol, Schmerzmittel, eine Flasche Lacalut, eine Mundspüllösung, eine volle Flasche Klys, rektal anzuwenden, ein Abführmittel. Eine Flasche Augentropfen, alle acht Stunden zu verabreichen, Otriven für die Nase, ebenfalls für alle acht Stunden, Phenergan zur Entspannung der Muskeln, das Beruhigungsmittel Haloperidol sowie drei Arten von Antibiotika. Dazu mehrere Mittel, um die Magensonde zu pflegen.
Freunde und Nachbarn helfen, das Geld aufzubringen. Ob sie alleine zurechtkommen werden? Der Onkel schaut skeptisch. Auf dem Weg zu einer Rikscha draußen, gestützt von zwei Männern, droht Hamoody das Bewusstsein zu verlieren.
Das Leid, das das Krankenhaus anzieht, streut das Krankenhaus anschließend in die ganze Stadt. Al-Nao entlässt Menschen ohne Beine, die später in dunklen Verschlägen dahindämmern, Menschen ohne Arme, künftig aufs Betteln angewiesen, Verstörte, so viele Verstörte, Menschen mit perforierten Blasen und Därmen, die inkontinent bleiben, von allen gemieden werden, weil sie stinken. Es entlässt Taube, Blinde und solche, die für den Rest ihres Lebens verstummt sind, Menschen, die aus entfesselter Aggression bestehen, die vergewaltigten Frauen, die vergewaltigten Männer, die Aufgerissenen, die innerlich nie wieder heilen. Von diesem Krankenhaus verbreitet sich das Leid in die Hütten der Stadt. Es reichert sich an in dieser Stadt, Tag für Tag, wie Gift, das alles Lebende durchdringt.
"Uns hilft keiner", klagt Direktor Dschamal in seinem Büro. Die Freiwilligen um Momen werfen der Verwaltung vor, zu hohe Gebühren von den Kranken zu verlangen, umgerechnet 15 Euro pro Bett pro Tag, doch wie, fragt Dschamal, sollen sie ohne überleben? Keine einzige internationale Hilfsorganisation gibt es im Al-Nao. Einzig MSF, Ärzte ohne Grenzen, die sich jedoch darauf beschränken, die klassische Notfallmedizin und die Löhne des Notaufnahme-Personals zu bezahlen.
Immer am frühen Abend kommen die Junior-Ärzte ins Büro des Direktors, mit gezückten Handys und der Liste aller Patienten. Fall für Fall beurteilt Dschamal, kritisiert oder bestätigt Behandlungsvorschläge, schreibt seine Kommentare mit rotem Kuli auf die Liste, streicht oder macht kleine Haken. Heute ist auch der Fall Muna dabei, der Frau aus dem Zimmer ohne Zahl. "Das Bein wird sie umbringen", sagt er. "Sie hat kein Geld. Sie hat keine Familie. Amputation." Am nächsten Morgen soll das Bein abgenommen werden.
8. Tag
Am nächsten Morgen ist das Zimmer von Muna leer. Der Raum ist gereinigt. Nichts erinnert mehr an sie; es ist, als wäre sie nie hier gewesen. Sie ist am Vorabend verstorben.
Zimmer 7
Der kleine Junge, dessen Gedärm von Geschosssplittern durchlöchert wurde, kann schon wieder etwas laufen. Er wackelt unsicher durch den Korridor. Sein Vater hält ihn an den Armen. Morgen wollen sie es zum ersten Mal mit Essen versuchen. Vater und Sohn gehen den Gang auf und ab, vorbei an einer Frau, die lethargisch auf dem Boden liegt.
"Ich halte den Beschuss nicht mehr aus", sagt sie leise. Den ganzen Morgen über schlagen wieder Granaten in der Umgebung ein. Sie betreut ihren verletzten Sohn im Krankenhaus. Ihre Schwester hatte heute morgen mit Essen ins Krankenhaus kommen wollen. Die lebt nur zwei Straßen entfernt. "Sie wollte gerade gehen, als vor ihrem Haus eine Granate explodierte."
Sie sei nicht verletzt worden, zumindest äußerlich. Doch musste sie sich dann übergeben und sehe alles nur noch verschwommen. Sie könne sich nicht mehr bewegen, habe sie am Telefon gesagt. Jetzt antworte die Schwester nicht mehr. "Meine liebe Schwester", sagt sie.
Wo immer wir Reporter auf den Fluren erscheinen, sammeln sich Trauben von Menschen um uns, Frauen meistens, nur langsam kommen wir deshalb voran. Hände greifen nach uns. Hände, die unsere Hände suchen, die sich strecken, um uns zu berühren. Die Frauen wollen reden, uns Zettel zustecken, zeigen Arztberichte, weinen, lächeln entschuldigend, rufen verzweifelt, wollen uns nicht lassen, fixieren uns mit Blicken, so unnachgiebig, als wollten sie uns festnageln mit ihren Augen.
Die Ärzte um Dr. China arbeiten in der Notaufnahme wie in Trance. Abbinden, desinfizieren, Blutverlust stoppen, Kreislauf stabilisieren. So viele Verletzte. Ein toter Soldat liegt stundenlang vor der Fahrstuhltür. Angehörige von Toten brechen zusammen, Schwestern und Mütter kollabieren, reißen sich ihre Haare aus, winden sich schreiend auf den Boden, während andere Verletzte um sie herum röchelnd mit dem Tod ringen. "Mein Herz brennt!", ruft eine, deren Bruder gestorben ist. Sie liegt auf dem Boden und verbiegt sich so sehr, dass ihr Hinterkopf fast ihre Beine berührt.
9. Tag
Über Nacht wird das Hämmern der Artillerie noch stärker. Wir haben in unserer Unterkunft wenig geschlafen. Gegen Morgen hören wir nahes Maschinengewehrfeuer. Das Zischen von Raketenwerfern, die auf Pick-ups montiert sind. Irgendwo in den Straßen um uns herum ist eine Schlacht im Gange. Vermutlich greift die Armee auf der anderen Nilseite RSF-Stellungen an. Aber wir wissen es nicht. Niemand, den wir anrufen, weiß es oder will es wissen. Möglicherweise greifen auch die RSF-Truppen an. Von drei Seiten haben sie Omdurman umzingelt. Wir überlegen, aus der Stadt zu fliehen, doch dann lassen die Kämpfe noch einmal nach.
Unser letzter Tag im Krankenhaus. Die Militärbehörde drängt zum Aufbruch. Dr. Dschamal empfiehlt mir noch einmal seinen Lieblingsschriftsteller At-Tayyib Salih und weist noch einmal darauf hin, wie dringend die Klinik einen Computertomografen braucht. Der Junge mit perforiertem Darm leidet wieder unter Krämpfen. Die beiden Schwestern, die Tag und Nacht vor dem Bett ihres Bruders sitzen, immerzu auf ihn starren, die eine im Nikab, die andere ohne, halten immer noch Wache. Immer noch ist der Bruder im Wachkoma. "Es wird besser", sagt eine der Schwestern. "Er bewegt seine Augen etwas mehr als noch vor ein paar Tagen."
Dutzende Frauenarme strecken sich durch das Gitter, hinter dem Momen, der Revolutionär, sitzt. Sie reichen Rezepte hinein. Die Apotheke ist ein winziger Raum, mehr Hütte als Gebäude, vollgepfropft mit Arzneikartons und Mull. "Unsere Revolution geht weiter", sagt Momen. "Wenn die RSF besiegt sind, nehmen wir uns das Militär vor." Die Generäle müssten die Macht dem Volk übergeben. Es werde ein langer Weg sein. Vielleicht, sagt er, erlebe er das nicht mehr. Aber dann seine Kinder. "Aufgeben ist ein Luxus, den wir uns nicht leisten können." An Orten wie dieser Apotheke, so ist er überzeugt, werde die Erneuerung des Landes beginnen. Von hier aus werden sie das ganze Land heilen.
Das Grab von Muna liegt am Stadtrand. Es wird von zwei Hohlblöcken aus Beton markiert. Der eine ist am Fußende platziert, der andere am Kopfende. Regina hat den Stein am Kopf mit Lehm bestrichen, so findet sie das Grab wieder. Die Beerdigung hatten sie zweimal unterbrechen müssen, weil Raketen in der Nähe niedergingen. Auch Muna wurde nicht auf einem Friedhof beerdigt, sondern am Rand einer Straße. Steinhaufen reiht sich an Steinhaufen. Jeden Tag halten Kleinlaster, laden Leichen ab und rasen in Eile wieder davon.
Regina steht vor dem Grab und betet. Sie hustet, spuckt weißen Schleim. Möglicherweise, überlegt sie, hat sie sich bei der Frau im Nachbarzimmer mit Tuberkulose angesteckt.
Wir verlassen am selben Tag die einst stolze Hauptstadt des Sudan, die vor Kurzem noch Dubai nacheifern wollte, Hoffnung einer Nation, fahren hinaus, zurück in die Wüste, aus der wir gekommen waren, gen Rotes Meer, und schon bald ist von Khartum nichts mehr zu sehen. Die Stadt ist im Rückspiegel eins geworden mit dem Staub und dem Sand.
Im Al-Nao-Krankenhaus sind in den zehn Tagen unseres Aufenthalts verstorben:
Seinab Issa Schuaiib, 48, Muna Majek, 41, Rahma Omar Sulaiman, 70, Sana Muntaha Mohammed, 65, Issam Kamar al-Saman, 68, Haidar Adib Kauthar, 28, Mussaab Abdulraham al-Saied, 36, Hassan al-Tahan, 64, Dschamal al-Din, 80, Aischa Ismael, 78, Massaher Hilma Ibrahim, 27, Dahab Ali, 35, Seinab Sulaiman Mohammed, 70, Abdo al-Nur, 70, Aadam Mahdi al-Fatah, 59, Aische Ibrahim Salem, 77, Kureische Ahmad, 82, Issam Chaled, 60, Saeid Ali, 68, Saeid Fadel, 60, Seinab Mudi Sulaiman, 20, Samiha al-Tajeb, 65, Abir Muchtar, 20, Amina Saad Hamad, 55, Raman Urabi, 22, Abdallah Mohammed al-Rahman, 70, Hadschar Saleh, 65, Moammar Louai, 5, Mohammed Saleh, 55, Aischa Ali, 45, Mustafa al-Mak, 50, Issam Babaker, 60, Mussa Mussa, 70, Auadt Abdallah, 45, Abdulrahman al-Said, 36, Moka Nasser al-Thaher, 31, Aischa Mohammed, 13, Seinab Lamis Saad, 41, Mohammed al-Nahas, 27, Abdul Madschid, 37, Hassan al-Nakib, 30, Sumaja al-Tayeb, 65, Ahmed Sad Hamad, 55, Dschibril Abdallah, 75, Nadija Kerosaman, 32, Nada Abdulgassim, 22, Nisrin Abdulsala, 52 Tage.